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Haigerloch

Atomkeller: Forscher aus den USA rätseln über den Verbleib von Haigerlocher Uranwürfeln

05.05.2019

von Andrea Spatzal

Atomkeller: Forscher aus den USA rätseln über den Verbleib von Haigerlocher Uranwürfeln

© Stadt Haigerloch

Bis heute ist ein Modell des Kernreaktors mit 664 Uranwürfeln im Atomkellermuseum Haigerloch zu sehen.

In eine alte Geschichte kommt neue Bewegung: Wissenschaftler suchen konsequent nach den Relikten aus dem Haigerlocher Felsenkeller.

Für viele Haigerlocher ist es kein Geheimnis. Auch der frühere Leiter des Haigerlocher Kulturamtes und Antomkellermuseums, Egidius Fechter, weiß aus Erzählungen von Zeitzeugen, dass „die Uranwürfel beim Haigerlocher Schloss auf einem Acker vergraben“ worden seien, als die Forscher um Werner Heisenberg im Frühjahr 1945 versuchten, die Spuren ihrer Arbeit in dem Haigerlocher Felsenkeller zu beseitigen.

Hinterlassenschaft ohne Folgen

Folgen für die Bewohner von Haigerloch hat die Hinterlassenschaft der Kernphysiker auf dem Schlossacker keine nach sich gezogen. Das Natururan sei bei den Versuchen in dem primitiven Reaktor nur geringfügig aktiviert und gespalten worden, erklären Experten. Lediglich die natürliche Strahlung sei von dem Material ausgegangen.

Soldaten nehmen die meisten Würfel mit

Amerikanische Soldaten der Alsos-Mission, die am 23. April 1945 den Felsenkeller fanden, gruben die meisten der Würfel wieder aus – und nahmen sie mit. Doch ein Teil des Erbes des deutschen Atomprojekts sei bis heute verschollen, stellen US-Forscher fest. Sie haben sich auf die Suche gemacht, wie unter anderem das Online-Wissensmagazin „Scinexx“ aktuell berichtet.

664 Uranwürfel mit einer Kantenlänge von fünf Zentimetern sollen es gewesen sein, die im März 1945 in einer abenteuerlichen Lastwagenfahrt zusammen mit dem für Heisenbergs Kernforschungsprojekt B8 benötigte schwere Wasser von Berlin nach Haigerloch überführt wurden.

Atomreaktor wurde nicht realisiert

Doch der letzte verzweifelte Versuch der deutschen Kernphysiker unter Hitler, einen Atomreaktor zu bauen und eine atomare Kettenreaktion zum Laufen zu bringen, misslang. Berechnungen ergaben, dass etwa die eineinhalbfache Reaktorgröße notwendig gewesen wäre. Eine Vergrößerung war im April 1945 aber nicht mehr möglich, weil weder weiteres Uran noch schweres Wasser vorhanden war. Wie aus veschiedenen aktuellen Medienberichten hervorgeht, werfen US-Wissenschaftler jetzt die Frage auf, wo eigentlich die Uranwürfel aus dem Haigerlocher Atomkeller – und nicht nur diese – abgeblieben sind.

Manche Würfel in US-Museen

Laut einem Bericht des American Institute of Physics haben Timothy Koeth von der University of Maryland und sein Team in den letzten Jahren systematisch nach Hinweisen auf den Verbleib dieser Kriegsrelikte geforscht. Ihren Erkenntnissen nach sei ein Großteil der Uranwürfel wahrscheinlich im Oak Ridge National Laboratory angereichert und zu waffenfähigem Uran für die US-Atomwaffenversuche verarbeitet worden. Zehn Uranwürfel befänden sich heute als Ausstellungsstücke in US-Museen und Forschungsinstituten, drei weitere Würfel seien in Deutschland ausgestellt: in Haigerloch, im mineralogischen Museum Bonn und im Bundesinstitut für Strahlenschutz in Berlin.

Auch woanders gab es Uranwürfel

Die Nachforschungen hätten aber auch ergeben, dass weitere Würfel damals „an verschiedene Personen verteilt“ worden seien. Und weiter habe sich gezeigt, dass es neben den 664 Uranwürfeln von Haigerloch in Deutschland bei Kriegsende noch 400 weitere solcher Würfel gegeben haben soll, nämlich in einer weiteren Forschergruppe um Kurt Diebner.

Die US-Forscher werden zitiert mit den Worten: „Wären beide Ressourcen gebündelt worden, hätten sie vielleicht einen funktionierenden Atomreaktor zustande gebracht“. Es sei erschreckend, wie kurz Nazi-Deutschland vor einer atomaren Aufrüstung stand.

Auf osteuropäischem Schwarzmarkt gelandet

Noch eine beunruhigende Entdeckung förderten die neueren Nachforschungen zutage: Während die Würfel aus Haigerloch fast vollständig in die USA gebracht wurden, seien die 400 restlichen größtenteils auf dem osteuropäischen Schwarzmarkt gelandet. „Historische Dokumente in den US-National Archives würden dafür sprechen, „dass die Mehrheit dieser Uranwürfel letztlich in der Sowjetunion landete“.

Aber auch der Verbleib der in den USA in Umlauf gebrachten Uranwürfel sei bislang erst zum Teil aufgeklärt. „Es gibt wahrscheinlich noch viele weitere dieser Uranwürfel, die in Kellern und Büros irgendwo in den USA herumliegen – wir wollen sie alle finden“, sagt Timothy Koeth.

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