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Weilstetten

Pflegeheim in Weilstetten: Die Nachbarn sind von den Bauplänen aufgeschreckt

11.06.2019

Von Nicole Leukhardt

Pflegeheim in Weilstetten: Die Nachbarn sind von den Bauplänen aufgeschreckt

© Nicole Leukhardt

Blick auf die Obstbaumwiese von der Römerstraße aus: Hier soll ein Pflegeheim entstehen.

Bernd Bodmer und seine Frau sind sauer: Sie sind Nachbarn des geplanten Pflegeheims, das mitten in Weilstetten gebaut werden soll (wir berichteten). Seit Ende Mai liegen ihnen die Baupläne nun vor – der Schock ist groß. Von der Stadt sehen sie sich überfahren und vor vollendete Tatsachen gestellt.

Grundsätzlich habe er nichts dagegen, dass ein Pflegeheim in Weilstetten gebaut wird, das sagt Bernd Bodmer aus der Weilstetter Eichenstraße deutlich. 2016 bereits hat die Stadt auf Betreiben des Ortschaftsrats hin einen Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan gefasst. Auch damals war für die große Wiese zwischen Römer- und Sonnenstraße bereits ein Pflegeheim angedacht, nachdem sich die Pläne für eine Sporthalle Süd der Neunziger Jahre an diesem Standort längst zerschlagen hatten.

Alles längst bekannt?

Trotzdem kann er das Argument „das ist doch alles längst bekannt“ nicht mehr hören. „Klar ist es bekannt, aber uns war bis zum 21. Mai nicht klar, was da für ein riesiger Klotz hingebaut werden soll“, sagt Bodmer. Denn just Ende Mai haben er und seine Frau als Nachbarn des neuen Pflegeheims die Baupläne im Rahmen des Anhörungsverfahrens bekommen. „Wir sind fast vom Hocker gefallen“, sagt er.

Denn während man 2016 noch von einem Haus mit 50 Betten ausgegangen war, sollen es nun 75 Einzelzimmer werden. Mit dem Servicehaus Sonnenhalde wurde bereits im vergangenen Jahr ein Betreiber gefunden, die Heimleitung wird Nadia Hoß übernehmen (wir berichteten ausführlich).

In einem offenen Brief und mit einem Video, in dem Bodmers auf ein ähnliches Projekt in Tengen verweisen, wenden sie sich nun an Oberbürgermeister Helmut Reitemann. In den sozialen Netzwerken wird beides seit dem Pfingstwochenende geteilt und kommentiert. „Ja, ich habe Einwände dagegen – nicht gegen eine Senioreneinrichtung an sich, sondern viel mehr gegen das Vorgehen der Verantwortlichen der Stadt Balingen und Weilstetten. Gegen die Größe des geplanten Projektes in der gewählten Umgebung und der baurechtlichen Würdigung des Vorhabens“, schreibt Veronika Bodmer in dem Brief.

Sie und ihr Mann vermissen die frühzeitige Einbeziehung aller Anlieger. „Bei einem solchen Projekt muss man die Leute doch mitnehmen“, findet Bernd Bodmer, der nun einen Anwalt zu Rate gezogen hat. Was ihn besonders wurmt: Die Stadt habe 2016 den Beschluss gefasst, einen Bebauungsplan für den Bereich aufzustellen. „Aber es wurde dann nie gemacht. Hätte es ein geordnetes Bauleitverfahren gegeben, wären Anlieger schon viel früher informiert worden.“ Und dann hätte er auch bereits früher Gelegenheit gehabt, seine Bedenken zu äußern.

Die Bedenken sind vielschichtig

Die beziehen sich vor allem auf die Größe des Gebäudes aber auch auf fehlende Parkplätze und Umweltbelange. „Es wird dreigeschossig nach vorne, hinten zum Lochenbach hin wird auch das Untergeschoss zu sehen sein. Damit ist das Pflegeheim höher als alles andere in der Umgebung“, sagt Bernd Bodmer. „Das wird ein massiver Klotz“, fügt er an. 16 Parkplätze für Personal und Besucher seien dafür viel zu wenig, der Weilstetter sieht das Chaos vor allem auch an Markttagen schon vorprogrammiert. Auch seine Fragen zum Brandschutz seien unbeantwortet geblieben - „wie will man denn auf der Rückseite des Hauses eine Drehleiter stellen?“ fragt er.

Und nicht zuletzt würde für den Bau des 75-Betten-Heims ein wichtiges Stück Natur am Lochenbach geopfert, in dem sich beispielsweise der besonders geschützte Feuersalamander tummle. „Eines der schönsten Gebiete in Weilstetten“, wie es Veronika Bodmer in ihrem Brief formuliert.

Die Stadt weist die Vorwürfe zurück

Balingens Baudezernent Michael Wagner ist anderer Ansicht, sowohl, was die Dimension des Gebäudes als auch das Verfahren an sich angeht. „Bereits 2016 gab es eine vorgezogene Anhörung der Bürgerschaft und der Fachbehörden“, sagt er. Relevante Bedenken seien bei der Öffentlichkeitsbeteiligung damals nicht aufgekommen, erklärt er weiter. „Obwohl das Pflegeheim immer wieder Thema in öffentlichen Ortschaftsratssitzungen war, kam aus Weilstetten nur Totenstille.“

Eine artenschutzfachliche Untersuchung habe auch dem jetzigen Bauvorhaben Unbedenklichkeit bescheinigt. „Grundsätzlich brauchen wir hier keinen Bebauungsplan, da es sich um einen nicht bebauten Innenbereich handelt“, erklärt der Stadtplaner. Die Kosten eines solchen Verfahrens von rund 25000 Euro und die personellen Ressourcen habe man sich schlicht gespart.

Das Pflegeheim ist eine wichtige Infrastruktureinrichtung im zweitgrößten Ortsteil der Stadt

Und ebenso grundsätzlich sei dieses Pflegeheim ein dringender Wunsch aus dem Ortschaftsrat Weilstetten. „Wir können so im zweitgrößten Stadtteil die wohnortnahe Versorgung älterer Menschen schaffen, das Haus ist eine wichtige Infrastruktureinrichtung.“ Auf die Größe des Hauses angesprochen, rechnet Wagner vor: „Roßwangen und Weilstetten haben zusammen rund 4300 Einwohner. Nimmt man das zunehmende Alter der Bevölkerung dazu, sind 75 Pflegeplätze für ein so großes Gebiet wahrlich nicht viel.“ Außerdem, auch darüber redet der Baudezernent offen, sei ein Haus mit weniger Pflegeplätzen nicht wirtschaftlich zu betreiben.

Dass nun Einwände aus der Nachbarschaft kämen, sei legitim. „Wir nehmen diese sehr ernst“, erklärt Wagner. Und macht kein Geheimnis daraus, dass der Standort Stollenau für ein Pflegeheim für ihn trotzdem der Richtige ist: „Es ist ein Sondergebiet mit Schule, Kindergärten und Schwimmbad, liegt direkt im grünen Zentrum und wird flankiert von zwei Hochhäusern in der Sonnen- und der Römerstraße.“ Städtebaulich sehe er das Projekt völlig unbedenklich.

Pflegeheim in Weilstetten: Die Nachbarn sind von den Bauplänen aufgeschreckt

© Bernd Bodmer

Der Blick von der anderen Seite auf die Obstbaumwiese, auf der das Pflegeheim enstehen soll.

„Auch die Einwände des Kindergartens haben wir ernstgenommen, indem wir bei der Zufahrt vom Grauenstein her auf einer weiten Strecke einen Gehweg mit Geländer für die Kinder schaffen“, argumentiert Wagner. Das Genehmigungsverfahren werde sich rund vier Monate hinziehen, „vor Ende der Sommerferien liegt sicher keine Baugenehmigung vor“, gibt er einen Einblick in den zeitlichen Ablauf.

Bernd Bodmer und seine Frau hoffen jedoch, dass ihr offener Brief und ihre Gespräche mit der Nachbarschaft genau dies verhindern. Beide wünschen sich, dass alternative Standorte geprüft und Bürger in die Planung mit einbezogen werden. Dass eine Informationsveranstaltung mit Bauherren, Investor und Betreiber erst Anfang Juli terminiert sei, hat, so die Bodmers, „mehr als ein Gschmäckle“.

Sie wollen nun gemeinsam mit ihren Nachbarn und einem Anwalt gegen die Pläne vorgehen. Es sei schließlich ähnlich wie bei einer Trauung: „Wer Einwände hat, trete hervor oder schweige für immer.“

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