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Balingen

Zwei Jahre Odyssee: 21-Jährige aus Guinea erzählt von ihrer Flucht nach Deutschland

10.10.2019

von Lea Irion

Zwei Jahre Odyssee: 21-Jährige aus Guinea erzählt von ihrer Flucht nach Deutschland

© Lea Irion

Aicha, die aus Angst vor ihren Cousins unerkannt bleiben möchte, kommuniziert auf Französisch mit Franziska Faigle, ihrer Dolmetscherin.

Kontinuierlich wippt Aicha mit ihrem rechten Bein. Sie ist aufgeregt, panisch, hat durchgehend Angst. Diese Angst verfolgt sie zu jeder Tages- und Nachtzeit, seit sie aus ihrer Heimat in Guinea geflüchtet ist. Dort wurde sie lange Zeit misshandelt, geschlagen, vergewaltigt. Heute lebt die 21-Jährige in Balingen und erzählt am Mittwoch, 16. Oktober, um 19.30 Uhr, ihre bewegende Geschichte zusammen mit dem Arbeitskreis Asyl bei einer Filmvorstellung im Balinger Kino.

Ihre Augen wirken leer, immer mal wieder schweift ihr Blick durch den kleinen Aufenthaltsraum im Balinger Gemeindehaus Heilig Geist. Aicha legt ihr Gesicht in ihre Hände, schüttelt leicht den Kopf. „Man vergisst einfach oft, was Flüchtlinge eigentlich auf sich genommen haben, um aus ihrem Heimatland zu fliehen“, meint Erwin Feucht vom Arbeitskreis Asyl, der gegenüber am selben Tisch sitzt.

Es sind Geschichten, die man auf Anhieb nicht glauben kann. Geschichten, die normalerweise verstummen, weil sie niemand hört. Dem will der Arbeitskreis Asyl am kommenden Mittwoch, 16. Oktober, um 19.30 Uhr, im Balinger Kino entgegenwirken. Dort wird ein vielfach prämierter Film namens Capernaum vorgeführt, dessen Titel aus dem Hebräischen übersetzt so viel wie „Chaos“ heißt.

Film erhielt „Preis der Jury“ beim Filmvestival von Cannes

Chaos trifft den Kern des Films gut, denn er handelt von dem Leben eines libanesischen Jungen namens Zain, der seine Eltern dafür verklagt, dass sie ihn auf die Welt gebracht haben, obwohl sie sich gar nicht um ihn kümmern können.

Zain hat elf Geschwister, die Familie steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Die Kinder haben selten genug zu essen, mehr Geld wird benötigt. Also muss Zain in jungen Jahren arbeiten gehen, kann nicht zur Schule. Irgendwann wird seine geliebte Schwester verkauft. Zain hat genug, er läuft von daheim weg.

Misshandlungen während der Jugend

Aicha hat eine ähnliche Odyssee hinter sich. Sie kommt aus Conakry, der Hauptstadt Guineas. Der Vater, ein Arzt, war nie für sie da, die Mutter starb kurz nach ihrer Geburt. Sie kam bei ihrer Tante unter, konnte wenigstens eine schulische Ausbildung beginnen.

Die heile Welt hielt jedoch nicht lange an. Der Mann ihrer Tante, ein Militärsoffizier, vergewaltigte die junge Frau regelmäßig. Er drohte, ihr etwas anzutun, wenn sie jemandem etwas davon erzählen würde. Mit 18 wurde Aicha von ihm schwanger, ihre Cousins prügelten sie oftmals krankenhausreif.

Schlafen kann Aicha nur am Tag

Einer der Cousins verhalf der jungen Guineerin letztendlich zur Flucht und schickte sie durch Algerien nach Marokko. Aicha gelangte zu einer Frau, die ihr zwar Unterschlupf versprach, sie jedoch über sechs Monate hinweg zur Prostitution zwang. Sie gab der damals 18-jährigen Geflüchteten Medikamente zur Abtreibung.

Ein späterer Freier aus Kamerun verliebte sich in Aicha und half ihr über die afrikanische Grenze nach Spanien. Über mehrere Wochen und Monate hinweg reiste sie durch das Land über Frankreich bis hin nach Deutschland, wo sie seit neun Monaten lebt. Seit dem 27. Juni wohnt Aicha in Balingen.

Ständige Angst, von der Familie gefunden zu werden

Zwei lange Jahre dauerte ihre Flucht. Schwer traumatisiert versucht die junge Westafrikanerin nun, ihren Alltag zu bewältigen. Sie spricht nur fließend Französisch, hat jedoch in ihrer Heimat Abitur gemacht und lernt schnell. Ein Sprachkurs in Balingen auf ihrem Niveau kam bis jetzt noch nicht zustande. Die Chancen, dass sie in Deutschland bleiben darf, stehen jedoch gut, wie Jean-Claude Canoine vom Arbeitskreis Asyl schlussfolgert.

Schlafen kann sie kaum, nachts muss das Licht im Zimmer anbleiben und nur tagsüber fühlt sich Aicha sicher genug, um für ein paar Stunden die Augen schließen zu können. Erst kürzlich erlitt sie eine Panikattacke, der behandelnde Arzt hielt sie trotz ihres jungen Alters für Anfang 40. Ihr Gesicht ist gezeichnet von dem steinigen Weg, den sie hinter sich hat.

Den Menschen hinter dem Wort „Flüchtling“ sehen

Zur Ruhe kommen kann sie nicht, ihre Cousins in Guinea drohten, sie überall in der Welt aufspüren zu können und zu töten. Aicha will deshalb unerkannt bleiben, ihren Nachnamen verrät sie nicht, ihr Gesicht will sie wahren. Dennoch erzählt sie mutig ihre Geschichte, Franziska Faigle fungiert als ihre Dolmetscherin.

So will sie auch am Mittwoch im Anschluss an den Film Capernaum selbst von ihrer tragischen Reise erzählen. Damit sie gehört wird, damit ihre Geschichte nicht vergessen wird. Oder wie Erwin Feucht thematisierte: Damit man den Menschen hinter dem Begriff „Flüchtling“ kennenlernt.

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