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Balingen

Freies Lernen statt Lehrplan-Dogmatik: Die erste Alternativschule im Kreis startet durch

18.09.2019

von HZ / spa

Freies Lernen statt Lehrplan-Dogmatik: Die erste Alternativschule im Kreis startet durch

© Andrea Spatzal

Die Freie Schule Zollernalb geht in Engstlatt an den Start: die Lernbegleiter Johannes Reiser (links), Julia Hölle (dritte von rechts) und Carola Nief (rechts), Schulleiter Jan Teklenborg (zweiter von links) und die Initiatorinnen Sonja Nerz (vierte von rechts) und Miriam Baermann (zweite von rechts).

Eine neu gegründete Alternativschule geht mit 14 Schülern ins erste Schuljahr und zwar im Engstlatter Gewerbegebiet Lehenmorgen – gleich neben dem neuen Träger, der Medischulen gGmbH.

An der ersten Freien Schule Zollernalb sind am Montag 14 Schülerinnen und Schüler an den Start gegangen. Am Samstag fand ein kleines Einweihungsfest mit etwa 80 Eltern, Freunden und Vereinsmitgliedern statt. Weil Rituale an den freien Alternativschulen eine große Rolle spielen, durften alle Schüler feierlich durch einen geschmückten Rosenbogen schreiten. Am Dienstag ging es auf eine Schnitzeljagd.

„In den nächsten Tagen dreht sich erst mal alles ums Ankommen und Kennenlernen“, sagen die beiden Initiatorinnen Sonja Nerz und Miriam Baermann. Was dann kommt, ist „selbstbestimmtes Lernen in größtmöglicher Freiheit“. Das ist der Leitsatz im pädagogischen Konzept der Freien Schulen.

Ortswechsel kurz vor Schulstart

Eigentlich hatten sich alle auf einen Start in Stetten bei Haigerloch eingestellt. Aber in sprichwörtlich letzter Minute wurde alles nochmal umgekrempelt. Jetzt ist die Freie Schule Zollernalb in Engstlatt zuhause. Der Ortswechsel kam durch einen glücklichen Zufall zustande: Im Mai kamen Sonja Nerz und Miriam Baermann mit der Medischulen gGmbh in Kontakt.

Die gemeinnützige Gesellschaft bietet an mehreren Standorten in Deutschland Aus-, Fort-, Weiterbildungen im Bereich des Gesundheits- und Sozialwesens an. Seit etwa zwei Jahren zählt auch die ehemalige Plettenbergschule im Engstlatter Gewerbegebiet Lehenmorgen dazu.

Eine Partnerschaft, die einfach passt

Man war sich schnell einig: Die Freie Schule Zollernalb konnte einen Träger gut gebrauchen und die Medischulen hatten ohnehin vor, ihr Portfolio um ein allgemeinbildendes Angebot zu erweitern. „Es hat einfach gepasst“, sagt Miriam Baermann begeistert.

Die ursprünglich als Verein auf den Weg gebrachte Freie Schule profitiert vielfach von der neuen Trägerschaft. Erstens hätte es ohne einen anerkannten Träger die ersten drei Jahre keine staatliche Förderung gegeben. Zweitens verfügt die Medischulen gGmbH über genügend Erfahrung, Wissen und Mitarbeiter, um Verwaltungsaufgaben, zum Beispiel die Buchhaltung, für die Schule zu übernehmen. „Das entlastet uns natürlich sehr und wir können uns auf die Schule konzentrieren“, erklärt Sonja Nerz.

Weitere Vorteile sind die verkehrsgünstige Lage in der Mitte des Zollernalbkreises und direkt an der B 27 sowie die vorhandene Infrastruktur am Standort. Ohne die wäre die Freie Schule früher oder später um einen Neubau und der damit verbundenen finanziellen Belastung nicht herum gekommen. „Wir dürfen die Caféteria, die Turnhalle und die Werkstatt der Medischule nutzen“, schwärmt Baermann.

Die Freie Schule soll langsam wachsen

Auch ein großer Parkplatz steht zur Verfügung. Das ist wichtig, denn die Schüler kommen „von überall her“, aus Balingen ebenso wie aus Haigerloch, aus Hechingen, Burladingen, Straßberg und Rosenfeld, ja sogar aus hergezogenen Familien aus Radolfzell und Frankreich. Zwei weitere Schüler stehen noch auf der Interessentenliste. Aber auch für das nächste und übernächste Schuljahr liegen bereits zahlreiche Anmeldungen vor. Die Freie Schule hat es mit dem Wachstum allerdings nicht eilig. Sie soll „langsam wachsen“, auf maximal etwa 80 Schüler, sagen die Gründerinnen.

Zwischen sechs und 15 Jahre alt sind die Kinder und Jugendlichen. Es gibt eine grobe Altersaufteilung in Prima und Secunda. Ansonsten entscheiden Neigungen, Interessen und auch Gruppendynamik über Lerninhalte und -tempo. Die beiden Lehrerinnen Julia Hölle und Carola Nief und Lehrer Johannes Rieser verstehen sich als „Lernbegleiter“ oder einfach „Bezugspersonen“ und lassen den Schülern soweit als möglich freie Hand beim Lernen.

Schulleiter der Freien Schule Zollernalb ist Jan Teklenborg. Er war vorher schon an Freien Schulen tätig und bringt wertvolle Erfahrungswerte mit. Eine Honorarkraft komplettiert das „Team der ersten Stunde“.

Schule zieht ins Pflegeheim

Der 85 Quadratmeter große Unterrichtsraum befindet sich im Obergeschoss des Pflegeheims „Residenz Gerhard Rehm-Haus“, das die Medischule angemietet hat. Dass eine Schule in ein Seniorenpflegeheim einzieht, ist ungewöhnlich, aber eine sehr reizvolle Kombination, wie Nerz und Baermann finden. „Es hat schon einige schöne Begegnungen gegeben“, erzählen sie. Man könne sich durchaus vorstellen, künftig auch gemeinsame Projekte ins Leben zu rufen.

Dass aus dem Standort Stetten nichts geworden ist, sei für keinen von Nachteil. Die Stadt Haigerloch habe verständnisvoll auf die Umplanung reagiert. Von Bürgermeister Heinrich Götz, der Stadt, dem Gemeinde- und dem Ortschaftsrat seien sie „von Anfang an sehr gut unterstützt“ worden, sagen Baermann und Nerz. Gerne wäre man in die ehemalige Werkrealschule in Stetten eingezogen, auch wenn der Standort für die Freie Schule nur als Übergangslösung für ein Jahr in Frage kam.

Genehmigung in letzter Minute

Nach dem Schulterschluss mit der Medischulen gGmbH ging alles sehr schnell. Ja, die Ereignisse überstürzten sich geradezu: Am Mittwoch vergangener Woche war Schulstart in Baden-Württemberg. „Bis Dienstag, 13 Uhr, wussten wir noch nicht, ob wir die Genehmigung bekommen“, schildert Sonja Nerz den spannenden Endspurt. Aber dann traf der ersehnte Bescheid des Regierungspräsidiums Tübingen doch noch in letzter Minute ein.

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