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Balingen

„Es gibt ein Umdenken“: Oliver Otte von den Balinger Grünen im Interview

03.07.2019

Von John Warren

„Es gibt ein Umdenken“: Oliver Otte von den Balinger Grünen im Interview

© John Warren

Oliver Otte ist der erste Vorsitzende des Balinger Ortsverbands der Grünen.

Bei den Europa- und Kommunalwahlen haben die Grünen stark abgeschnitten. Ein Umdenken in der Bevölkerung in Sachen Umwelt- und Klimaschutz hat nicht nur Oliver Otte, der erste Vorsitzende des Balinger Ortsverbands der Grünen, beobachtet.

Erst spät hat Oliver Otte angefangen, sich für die Grünen in der Lokalpolitik zu engagieren. „Das Gute an der Kommunalpolitik ist, dass es keine Parteiideologien gibt, mit denen man sich gegenseitig blockiert“, sagt der Balinger. „Es gibt eben unterschiedliche Sichtweisen.“

Erfolgreiche Umweltpolitik zu betreiben, das müsse auf allen Ebenen geschehen – international, national, auf Landesebene und eben auch auf kommunaler und kreisweiter Ebene.

Herr Otte, wie haben Sie als Vorsitzender des Balinger Ortsverbands den Erfolg der Grünen bei den jüngsten Europa- und Kommunalwahlen erlebt? Waren Sie überrascht?

Oliver Otte: Ja. Wir hatten an vier Samstagen vor der Wahl einen Infostand und die Resonanz war grundsätzlich positiv. Mit Ute Hettel und Conny Richter hatten wir zwei Balinger Gemeinderätinnen, die aufgehört haben. Das war ein großer Verlust und wir hofften, wenigstens unsere fünf Sitze zu halten. Dass es letztendlich sieben geworden sind, hat uns sehr überrascht. Als zweitgrößte Fraktion tragen wir im Gemeinderat jetzt auch eine Verantwortung und wollen Impulsgeber sein. Wir müssen nur vorsichtig sein. Die Stimmung mag aktuell zwar so grün sein, dass sogar Herr Söder für einen früheren Kohleausstieg ist, aber auch Blasen platzen. Wir müssen bringen und uns nicht darauf ausruhen, wenn gerade alle sagen: Grün ist in.

Es war ja auch „nur“ eine Europawahl. Bei der Bundestagswahl könnte die Sache ja schon wieder anders aussehen . . .

Das Gute bei der Europawahl war, dass die Gesellschaft so politisiert war, dass die Wahlbeteiligung viel höher als zuvor war. Es war auch die Position aller Parteien, die das parlamentarische System respektieren, dass wichtig ist, dass gewählt wird. Das gehört zur Demokratie. Auch europaweit hatte ich mit einem guten grünen Wahlergebnis gerechnet, war aber auch hier positiv überrascht.

Gibt es ein Umdenken in der Bevölkerung, das diesen zunehmenden Erfolg erklärt?

Ja, es gibt ein Umdenken. Zwei Sachen haben in letzter Zeit grundsätzlich geholfen, das allgemeine Bewusstsein zu stärken. Das sind Sympathiethemen wie Insekten und Bienen und dieser extrem heiße Sommer 2018. Alles hängt miteinander zusammen und man merkt, es tut sich was. Der Hambacher Wald, Kohleausstieg, das quälende Thema Diesel, bei all dem waren die Leute damit befasst und haben gemerkt, die einzige Partei, die das konsequent immer gepredigt hat, waren die Grünen. Auch wenn jetzt einige Parteien oder Politiker umschwenken, haben die Wähler zuletzt wohl gedacht: Lieber das Original. Dennoch sind wir vorsichtig: Die grüne Blase wird zwar nicht platzen, kann aber schrumpfen. Wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, wo jeder Einzelne für die Umwelt seine Gewohnheiten ändern muss – das tut oft weh – auch neben dem, was die Politik leisten muss.

Was muss die Politik tun?

Was die Politik tun muss, kommt beim Bürger wieder an. Aktuell sind wir noch viel zu sehr auf den Verkehr und die industrielle Landwirtschaft fokussiert. Doch das ganze Thema energetische Gebäudesanierung wird noch vor sich hingeschoben, obwohl es Vorschriften gibt. Das wird richtig teuer und wird auch bei den Mietern landen. Aber es bleibt dabei, wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, müssen wir umsetzen, was längst beschlossen ist. Die Energieeinsparordnung gibt es seit zehn Jahren, in der Sanierung passiert jedoch erschreckend wenig. Das ist nachvollziehbar, denn die Sache geht ins Geld. Die Hausbesitzer müssen motiviert werden, dafür etwas zu tun. Diese Stellschraube kostet automatisch Geld für alle und das wird noch große Auseinandersetzungen geben.

Es muss also sowohl die Initiative von Einzelnen ausgehen, als auch von der Politik die Rahmenbedingungen geschaffen werden?

Ja, wenn ein Haus an die beispielhafte junge Familie mit zwei Kindern verkauft wird, macht für diese eine Fassadendämmung mit Kosten von 30.000 Euro Sinn, weil sie diese Investition abstottern können, indem sie geringere Heizkosten haben. Jemand, der 65 Jahre alt ist, kriegt das bei seinem Haus jedoch nicht mehr eingespart. Das ist ein sensibles Thema, für das ich selbst auch keine Lösung parat habe, die man aber finden wird. Ein grünes Extrathema ist auch, Berührungsängste gegenüber Holz als Bau- und Dämmstoff abzubauen. Es gibt hervorragende Wärmedämmsysteme, die aus Holzverschnitt bestehen. Diese haben etwas größere Dicken, dafür habe ich einen exzellenten CO2-Speicher und vermeide es, geschäumte Kunststoffe und Mineralfasern zu verwenden. Technisch sind alle Systeme da, doch man muss viel Überzeugungsarbeit leisten, sowohl bei Bauherren als auch bei Architekten. Es ist auch nicht zwingend teurer, auch im Neubau nicht; bei den eigentlichen Objektkosten ist das beinahe zu vernachlässigen, wenn man die Baugrundpreissteigerung herausrechnet.

Ist es ein Spagat, den die Grünen bewältigen müssen, zwischen Regeln und Gesetzen für den Umweltschutz auf der einen Seite und keiner übermäßigen Belastung des allgemeinen Verbrauchers auf der anderen?

Es ist so: Die Ernte dieser Investitionen in den Klimaschutz wird meine Generation nicht mehr einfahren. Der rasante globale Temperaturanstieg sollte zumindest stabilisiert werden für die Generation meiner Enkel. Wir Menschen sind ja darauf getrimmt, dass wir sofort eine Rendite dafür haben wollen, wenn wir Geld investieren.

Politische Gegner schieben den Grünen sozusagen den schwarzen Peter zu, wenn eine Regelung in Kraft tritt, die zugunsten des Umweltschutzes den Verbraucher belastet. Wie geht man damit um?

Ich habe mal bei einem Seminar einen katholischen Priester getroffen, der vor Managern sprach. Er sagte: Mein Produkt ist Seelenheil. Ähnlich geht es uns Grünen. Wir verweisen auf zukünftige Entwicklungen, darauf, dass es ganz furchtbar wird, wenn jetzt keine Maßnahmen unternommen werden, und müssen immer wieder auf umgehende, wirksame Taten drängen. Beim (Miet-)Wohnungsbau müssen wir Grünen bei den sachlich fundierten Lösungsansätzen bleiben, also dem ökologischen Bauen und der energetischen Gebäudesanierung. Wo die Erträge der ansteigenden Mieten und dem Baugrund hingehen, das sind Themen, die Parteien wie die SPD und die Linke vielleicht besser können als wir.

Rechnen Sie damit, dass die Stromversorgung auf absehbare Zeit komplett aus regenerativen Energien bestehen kann?

Ich bin kein Experte, aber ich vermute, dass man nicht vollständig ohne eine fossile Energiequelle auskommen wird. Das Umweltfreundlichste wären dabei Gaskraftwerke, die einen hohen Wirkungsgrad haben und schnell zuzuschalten wären. Einen wichtigen Ansatz sehe ich darin, Energie dezentral und lokal zu erzeugen. Auch beim Thema „Energiecloud“, also dem Speichern von aktuell überschüssiger Energie, stecken wir noch völlig in den Kinderschuhen. Es gibt ja immer das Totschlag-Argument „Was macht man, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint?“. Dagegen kann man aber ankommen, und zwar mit technischen Lösungen wie effektiven Energiespeichern. Ich denke, kommunale oder regionale Zusammenschlüsse für E-Mobilität, Energieversorgung und -speicherung müssen die Zukunft sein.

Was würden Sie jemandem vorschlagen, der seinen eigenen CO2-Abdruck verkleinern möchte?

Jeder kann ein bisschen was tun: Die beste Energiegewinnung ist die Einsparung. Das zweite ist das Thema E-Bike und E-Roller. Wird das Radwegenetz zwischen den Stadtteilen besser ausgebaut – Potenzial für Balingen sehe ich hier im Rahmen der Gartenschau – , könnte man öfter das Auto stehen lassen. Es kann auch nicht schaden, weniger zu fliegen, wobei ich natürlich auch weiß, dass das nicht einfach ist: Manche Ziele erreicht man schlecht ohne Flugzeug. Ein weiterer Punkt ist die Ernährung: Ich denke, es kommt hier darauf an, dass uns die Lebensmittel in Form von regionaler Produktion oder biologischer Erzeugung etwas wert sein müssen. Wir Grünen sind keine Verbotspartei, ich würde uns eher als Appell-Partei bezeichnen. Auch früher wurden im Winter Äpfel und Möhren eingelagert. Deshalb sollten wir es uns öfter verkneifen, im Winter die Weintrauben von Übersee zu kaufen. Das ist natürlich leichter für diejenigen, die es sich leisten können. Bin ich prekär beschäftigt oder lebe vom Mindestlohn, ist es für mich kein Thema, zu einem Biohof zu fahren und dort Fleisch zu kaufen. Damit das funktionieren kann, müssen wir das Lohn- und Einkommensgefüge wieder in den Griff bekommen und einen Mindestlohn haben, der einem wenigstens die Wahl ermöglicht.

„Es gibt ein Umdenken“: Oliver Otte von den Balinger Grünen im Interview

© skeeze/Pixabay.com

Mit Billigfliegern in den Urlaub: Gut für den Geldbeutel, schlecht fürs Klima? Ganz so einfach ist es nicht, dennoch sagt Oliver Otte: Es kann auch nicht schaden, weniger zu fliegen.

Welche Maßnahmen sind Ihnen für den Umweltschutz noch wichtig?

Das ungebremste Ausweisen von Neubaugebieten geht einfach nicht mehr. Wenn wir davon träumen, eine selbsttragende Landwirtschaft zu haben, können wir nicht unsere Wiesen zubauen. Muss ich es doch tun, können wir keine Neubaugebiete zulassen, wo die Parzellen 600 Quadratmeter groß sind und nur 40 Prozent der Fläche bebaut wird. Das ist für mich ein Horrorszenario, auch ohne die Schottergärten. Es wird also viel zu viel Fläche verbraucht, die wir nicht wieder zurückkriegen. Ein weiterer Punkt ist das Bauen mit Beton: Es gibt eigentlich fantastische Beispiele von Gebäuden, die fast komplett in Holzbauweise entstehen. Das wird jedoch häufig ignoriert. Dabei kann mit Holz sogar schneller gebaut werden, weil viele Teile im Voraus montiert werden können. Für viele hat Holz allerdings noch den unzutreffenden Beigeschmack des Billigen. Andere Länder machen es Deutschland schon längst vor. Die Bauherren kann man allerdings nicht zwingen. Dennoch wollen wir Grünen im Gemeinderat künftig immer die H-Frage stellen: Kann das nicht auch mit Holz gebaut werden?

Zur Person: Oliver Otte ist 64 Jahre alt, Diplom-Ingenieur und seit 33 Jahren in der Baustoffindustrie mit Spezialgebiet Abdichtung von Flachdächern mit synthetischen Dachbahnen tätig. Der Erweckungsmoment, der ihn dazu brachte, sich aktiv bei den Grünen in der Lokalpolitik zu engagieren, war das Vorhaben der Stadt Balingen, das Areal „Stapfel“ in ein Wohngebiet umzuwandeln. „Nur meckern gilt nicht“, sagt der gelernte Architekt.

Dieses Interview ist Teil der Publikation ZAK grün, die am Donnerstag, 4. Juli, der gedruckten Tageszeitung beiliegt. Hier geht‘s zum Download.

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