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Haigerloch

Unsere Heimatmuseen: die ehemalige Synagoge in Haigerloch

08.11.2018

von Rosalinde Conzelmann

Die Beharrlichkeit zahlte sich aus: Es ist engagierten Haigerlochern zu verdanken, dass die ehemalige Synagoge zu einem Ort des Erinnerns und der Begegnung geworden ist. 

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 haben 50 SA-Leute aus Sulz das jüdische Haagviertel in Haigerloch gestürmt, 111 Fensterscheiben eingeworfen und das Innere der Synagoge demoliert.

Unsere Heimatmuseen: die ehemalige Synagoge in Haigerloch

© Rosalinde Conzelmann

Die einstige Haigerlocher Synagoge ist ein besonderer Ort. Das Museum beherbergt die Dauerausstellung „Spurensicherung“, die die Historiker Dr. Cornelia Hecht und Dr. Rainer Schimpf vom Haus der Geschichte konzipiert haben.

Die Nazi-Schergen nahmen zwölf Bewohner fest; elf wurden ins KZ Dachau deportiert, darunter auch der letzte jüdische Lehrer und Rabbinatsverweser Gustav Spier (1892 -1941). Seine Tochter Ruth überlebte als einzige in der Familie den Holocaust. Am Freitag jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Deshalb steht die Tür der ehemaligen Synagoge Haigerloch allen Menschen abends offen. Es soll eine Stunde des Erinnerns, des Mahnens und des Innehaltens sein.

Unsere Heimatmuseen: die ehemalige Synagoge in Haigerloch

Diese Menschen des Gesprächskreises Ehemalige Synagoge Haigerloch tragen seit Jahrzehnten dazu bei, dass die Erinnerung an die jüdische Gemeinde in Haigerloch wach gehalten wird (von links): die zweite Vorsitzende Gisela Schumayer, der Vorsitzende Helmut Opferkuch, Beiratsmitglied Wilfried Selinka, Schriftführerin Margarete Kollmar und Beiratsmitglied Robert Frank. Sie alle würden sich wünschen, dass junge Menschen nachrücken und ihre wertvolle Arbeit fortsetzen.

Dass die ehemalige Synagoge im Haagviertel heute noch steht und als Museum geführt wird, ist engagierten Haigerlochern und dem Haus der Geschichte in Stuttgart zu verdanken. Es ist 30 Jahre her – die Reichpogromnacht jährte sich damals zum 50. Mal – als eine Gruppe geschichtsinteressierter Haigerlocher mehr über die Geschichte ihrer einstigen jüdischen Mitbewohner erfahren und deren einstige Synagoge wieder als Begegnungsort erlebbar machen wollte.

Die 1783 erbaute Synagoge war 155 Jahre das Zentrum der jüdischen Gemeinde Haigerlochs gewesen. Nach der gewaltsamen Zerstörung in der Reichspogromnacht und der Auslöschung der jüdischen Gemeinde in der NS-Zeit hatte sie keine Funktion mehr. Das Haus sollte als Turnhalle zweckentfremdet werden, doch der Krieg verhinderte die Fertigstellung.

Das Gebäude wurde danach als Kino, Sparmarkt und Teppichlager genutzt. Die erste Aktion der Initiative, die sich den Namen Gesprächskreis Ehemalige Synagoge Haigerloch gab, war im Jahr 1993 die Aufstellung eines Gedenksteines als Hinweis auf die einstige Bedeutung des Hauses. Es war ein Glücksfall für den Gesprächskreis, der 2000 als Verein eingetragen wurde, dass der Tübinger Professor Utz Jeggle von 1999 bis 2000 über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Haigerloch forschte. Dadurch wurde das Tabuthema in die Öffentlichkeit getragen.

Unsere Heimatmuseen: die ehemalige Synagoge in Haigerloch

Neben dem Hauptgebäude liegt im hinteren Bereich ein rotes Backsteinhaus. Darin war die Mikwe, das jüdische Badehaus, untergebracht.

Margarete Kollmar war damals Studentin und arbeitete bei dem Projekt mit, dessen Ergebnisse 2000 in einem Buch veröffentlich wurden. Kollmar ist heute Schriftführerin im Verein, dem Klaus Schubert und Helmut Gabeli, die beide nicht mehr leben, vorstanden.

Dank mehrerer großzügiger Spenden brachte der Gesprächskreis 200.000 Mark zusammen, die er im Jahr 2000 zum Erwerb des Gebäudes beisteuern konnte. Die Stadt musste für den Kauf „nur“ noch 50.000 DM drauflegen, übernahm dann aber 2000 bis 2003 die Sanierung des Gebäudes für rund 800.000 Mark.

Mit dem Stuttgarter Haus der Geschichte Baden-Württemberg bekamen die Ehrenamtlichen und die Stadt einen kompetenten Partner an ihre Seite gestellt, der schon bei der Sanierung mitredete und mitgestaltete. Denn die Historiker aus der Landeshauptstadt hatten das Gebäude für eine Dauerausstellung unter dem Titel „Spurensicherung – Jüdisches Leben in Hohenzollern“ auserwählt.

Beim Umbau wurde Wert darauf gelegt, dass die Bau- und Nutzungsgeschichte erkennbar bleibt. So leuchtet beispielsweise das ehemalige Sparschild vor den Fliesen der ehemaligen Metzgerei auf; ebenso ist am Außenputz noch der ehemalige Supermarkteingang erkennbar. Die Frauenempore wurde rekonstruiert und im Erdgeschoss werden in 25 Vitrinen Lebens-„Spuren“ aus Haigerloch und Hechingen gezeigt. Die vielen Fotos, die im Museum zu sehen sind, stammen überwiegend aus dem Archiv der Fotografenfamilie Weber, die seit Generationen das Leben in der Stadt und die Menschen im Bild festhält. Auch dies ein Glücksfall.

Es gab bewegende und berührende Momente bei der Einweihung 2003, als an die 40 ehemalige jüdische Mitbürger wieder in ihr einstiges Gotteshaus durften, erzählt Helmut Opferkuch. Mit Stolz erfüllte die Museumshüter ein Jahr später die Eröffnung der Dauerausstellung „Spurensicherung“.

Es sind die Vereinsmitglieder, die den Museumsbetrieb mit viel Herzblut am Leben erhalten. Sie halten die bis zu 50 Führungen im Jahr und initiieren immer wieder Veranstaltungen. So erinnern sich alle gerne an das Projekt „Das Haag von Sinnen“, das Schüler mit dem Haus der Geschichte realisierten. Aktuell sind auch Schülerarbeiten ausgestellt, Linolschnittarbeiten zum Thema jüdischer Friedhof, der nur wenige Meter entfernt von der ehemaligen Synagoge als Zentrum des Haagviertels liegt. Auch das macht Haigerloch so besonders: Es ist das einzige noch erhaltende jüdische Ensemble in Süddeutschland.

„Wenn man sich Zeit nimmt, erzählen die Objekte von den Menschen, denen sie gehört haben. Und sie erzählen ebenso vom Bewahren, Überliefern und Auffinden wie vom jahrelangen Verschweigen“, beschreibt Margarete Kollmar ihre Eindrücke, die sich auch für viele interessierte Museumsbesucher wünscht.

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