Balingen

Bach meets Electro: doppeltes Jubiläum und CD-Premiere in der Balinger Stadtkirche

10.10.2023

Von Thomas Meinert

Bach meets Electro: doppeltes Jubiläum und CD-Premiere in der Balinger Stadtkirche

© Thomas Meinert

Die Musiker in der besonders beleuchteten Kirche.

Die Balinger Stadtkirche feiert in diesem Jahr das 50-jährige Jubiläum der Weigle-Orgel. Am Sonntag boten Christian Zimmermann, Fernando Lepe Arias und Vera Klaiber ein besonderes Konzert, bei dem die Klänge der Orgel mit Synthesizer- und Keyboard-Sounds kombiniert wurden.

Das Konzertformat „Bach meets electro“ feierte mit diesem Konzert sein 5-jähriges Jubiläum, denn erstmals wurde das Format 2018 in der Balinger Heilig-Geist-Kirche zur Aufführung gebracht. Erstmals wurde auch eine CD-Aufnahme des Konzertformats angeboten, die unter anderem in der Johanneskirche in Künzelsau aufgenommen wurde, wo Vera Klaiber seit 2019 als Bezirkskantoren tätig ist.

„Ausbrechen – aufbrechen – neu definieren“ – so beschreiben die drei jungen Künstler ihren Umgang mit der Orgelmusik Johann Sebastian Bachs. Bachs Kompositionen zeichnen sich durch eine klare Formsprache aus: Melodiemotive werden in „klassischer“ Kompositionstechnik aneinandergereiht und miteinander kombiniert. Doch Bach hält sich nicht immer an die „Kompositionsregeln“ seiner Zeit, sondern bricht mit eigenen Ideen und Abwandlungen aus den bisher bekannten Schemata aus.

Barocke Tonsprache in die Neuzeit übersetzt

Dieses „Ausbrechen“ hat die drei Musizierenden dazu inspiriert, die Musik Bachs in einen neuen, modernen Kontext zu übersetzen: Die analogen Klänge der Pfeifenorgel werden mit digitalen Klängen und Rhythmus-Elementen kombiniert, unterlegt und teilweise verfremdet. Die barocke Tonsprache wird so neu interpretiert und mit der modernen Tonsprache elektronischer Musik kombiniert, der Kirchenraum zum durchgängig erfüllten Klangraum.

Der räumliche Abstand zwischen der Orgel auf der Empore und den digitalen Instrumenten im Chorraum wird durch Kopfhörer im Chorraum und einen Monitor-Lautsprecher an der Orgel überbrückt. Das Ergebnis ist das simultane Zusammenspiel der Instrumente ungeachtet der räumlichen Distanz, das den Kirchenraum von allen Seiten mit Klang füllt und ein bewegtes Klangbild entstehen lässt – optisch unterstützt durch die farbige Ausleuchtung des Chorraumes, der so zur bunten Kulisse der Darbietung wird.

Was 2018 mit einem Wechsel zwischen den einzelnen Klangorten begann, hat sich in den letzten fünf Jahren zu einem harmonischen Zusammenspiel entwickelt, bei dem jedoch das musikalische Ausgangsmaterial mit dem Ziel der Reproduzierbarkeit gleich geblieben ist, wie Zimmermann erklärt.

Heimische Musiker

Christian Zimmermann ist in Balingen kein Unbekannter: In Weilstetten geboren und aufgewachsen bekleidet er – nach seinem Studium der Schul-, Jazz- und Popularmusik in Trossingen – seit Oktober das Amt des „Popularmusik-Beauftragten“ im Evangelischen Kirchenbezirk. Fernando Lepe Arias hat ebenfalls längere Zeit in Balingen gelebt und gearbeitet. Nach seinem Studium in Trossingen unterrichtet er an der Städtischen Musikschule in Böblingen die Fächer Klavier und Musikproduktion.

Auch Vera Klaiber stammt aus Balingen und hat ihr Studium der Schul- und Kirchenmusik in Stuttgart und ebenfalls in Trossingen absolviert. Nachdem Zimmermann und Lepe-Arias zunächst als Duo (nandman) zusammengearbeitet haben, haben sie für das Konzertformat Vera Klaiber „mit ins Boot“ genommen, die mit ihren Orgelsoli den elektronischen Sound bereichert und zugleich lebendig kontrastiert.

Bachs Air und die D-moll-toccata mit Keyboard und Synthesizer

Die Ausgangsstücke des Konzerts stammen u. a. aus Bachs „Clavierbüchlein“; neben dem „G-moll-Präludium“ für Orgel erklingt das C-moll-Prelude aus dem „Wohltemperierten Clavier“; Melodiemotive aus Bachs „Cembalokonzert D-moll“ werden mit dem Ungarischen Tanz von Johannes Brahms kombiniert, wobei die Orgel einzelne Rhythmus-Elemente beisteuert. Als Orgelsolo ohne digitale Klänge folgt die „Fantasie G-Dur“ – die wohltuende Puristik des reinen Orgelklanges lässt das Werk trotz seiner kompositorischen Komplexität sehr transparent erscheinen.

Eine ruhige und entspannte Stimmung löst das „Air“ von Bach aus: Klangfarben mischen und trennen sich, verschmelzen und verklingen schließlich am Ende des Stückes. Einen kraftvollen Kontrast hierzu bildet die bekannte

D-moll-Toccata. Der als Orgelsolo ausgeführte Anfang wird von Synthesizer und Keyboard zitiert und weitergeführt, bevor sich Keyboard und Orgel zu einem gemeinsamen Ganzen vereinen. Auch die Zugabe basiert auf einem bekannten Werk Bachs: Die „G-moll-Fantasie“ beginnt mit einem Orgelsolo, dessen Motivik von Keyboard und Synthesizer übernommen und weiterverarbeitet wird.

Duo wirft sich Spielbälle zu

Zimmermann und Lepe Arias stehen sich gegenüber, wechseln sich ab um mit ihren unterschiedlichen Instrumenten unterschiedliche Klangfarben zur Geltung zu bringen. Feststehende Elemente wechseln mit spontaner Improvisation, bei der die beiden Musiker zu einem homogen agierenden Duo verschmelzen und sich die „Spielbälle“ interaktiv gegenseitig zuwerfen.

In ihren Moderationen geben sie dem Publikum Informationen über die verwendeten Stücke ebenso wie über den Entwicklungsprozess des Konzertformates oder die Vorgehensweise bei der CD-Aufnahme: Hierbei wurden Orgel-, Synthesizer und Keyboardparts separat aufgenommen und später im Studio kombiniert.

Bach hätte seine Freude daran gehabt

Das Publikum ist bunt gemischt: Jung und Alt, Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker, Familien und Freunde der Ausführenden. Auch der Produzent der CD ist anwesend. Am Ende werden alle Eins und feiern mit stehenden Ovationen ein gelungenes Konzert der besonderen Art. Für viele ungewohnt, aber gerade deshalb reizvoll. Und manche sind sich einig: Würde Bach in der heutigen Zeit leben, hätte wohl auch er Keyboard und Synthesizer eingesetzt.

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