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Dotternhausen

Zweifelhafte Methoden im Kampf um den Berg

03.03.2018

von Nicole Leukhardt

Vertreter der Bürgerinitiativen um den Kalksteinabbau in Dotternhausen sind sicher: Kröten auf dem Plettenberg verkrüppeln durch Sprengstoffrückstände. Verschiedene Fachleute widersprechen dieser Behauptung jedoch. 

Eine verkrüppelte Kreuzkröte auf dem Plettenberg – Norbert Majer, Sprecher der Dotternhausener Bürgerinitiative, wandte sich vergangene Woche mit dem Bild des Tiers an unsere Zeitung. Seine Vermutung: Die Kröte, deren Aufnahme bereits vom Juli 2016 stammt, habe ihre Verkrüppelung, wie die BI sagt, durch die Rückstände von Sprengstoff oder Öl vom Steinbruch erlitten. „So etwas haben Frosch-Fachexperten noch nicht gesehen“, kommentierte Norbert Majer das Krötenbild.

Zweifelhafte Methoden im Kampf um den Berg

© Bürgerinitiative

Ein durch Sprengstoff- oder Ölrückstände verkrüppeltes Tier, sagt die Bürgerinitiative. Fachleute von NABU und Wilhelma widersprechen: Die Kröte sei schlicht von Parasiten besiedelt.

Auf die Frage, warum er sich mit der Aufnahme erst vergangene Woche an die Öffentlichkeit wandte, erklärte er, dass die BI bis vor wenigen Tagen nur eine seitliche Aufnahme des Tiers hatte. „Ohne klare Beweise verbreiten wir nichts“, fügt Majer an. Was das Bild zeigt: eine etwas eingestaubte Kröte, die auf einer Hand sitzt. Entstanden sei es bei einer öffentlichen Exkursion, erklärt die BI. Und tatsächlich fällt auf: Die Kröte hat braune Löcher im Gesicht, etwa dort, wo sich die Nasenlöcher befinden. Eine angeborene Missbildung aufgrund von giftigen Steinbruchrückständen also?

Fachleute widersprechen

Isabel Koch ist wissenschaftliche Kuratorin an der Stuttgarter Wilhelma. Dort ist sie unter anderem für Amphibien zuständig. Wir haben ihr das Bild gezeigt. Zwar könne sie nicht mit abschließender Sicherheit sagen, dass es sich bei der Kröte um eine Kreuzkröte handelt. „Das lässt sich wegen des Staubs nicht mit letzter Gewissheit erkennen“, erklärt sie. Die Verkrüppelung, die die BI jedoch ausgemacht haben will, sieht die Kuratorin nicht. Auf unsere Anfrage erklärt sie schriftlich: „Zu erkennen ist auf der Aufnahme, dass die gezeigte Kröte von einer parasitierenden Fliege befallen sein dürfte. Diese Fliegen legen ihre Eier in Nasenhöhlen und an die Augen lebender Kröten. Die schlüpfenden Larven fressen die Kröte sozusagen bei lebendigem Leib auf. Kennzeichen dafür sind stark erweiterte Nasenlöcher (manchmal sieht man die Fliegenlarven darin) und später auch leer gefressene Augenhöhlen.“ Sprengstoffrückstände, gar vergiftetes Wasser schließt sie als Ursache für diese Erkrankung aus. „Der Befall mit diesen Parasiten hat mit dem Steinbruch als Lebensraum nichts zu tun“, sagt sie.

 

Der Befall mit diesen Parasiten hat nichts mit dem Steinbruch als Lebensraum zu tun.

Isabel Koch, Wilhelma-Kuratorin für Amphibien

Zu derselben Einschätzung kommt Hubert Laufer. Er ist beim NABU in Offenburg für Amphibien und Reptilien zuständig. „Diese Kröte ist wirklich ganz eindeutig von Parasiten befallen“, sagt er und tippt auf die Krötengoldfliege. „Hätte sie Gift gefressen, würde sie einfach sterben“, erklärt er.

Wie also kommt die Dotternhausener Bürgerinitiative zu ihrer Vermutung?

Die Aktivisten setzen sich mit Nachdruck für ihren Hausberg ein. Aus bürgerschaftlichem Engagement für den Erhalt dieser „einmaligen Berg-, Pflanzen- und Tierwelt“, wie Norbert Majer in seinem jüngsten Schreiben formuliert, ist für sie mittlerweile längst eine selbstgewählte Daueraufgabe geworden. Bürgerbegehren, Bürgerentscheide, Flugblätter, Leserbriefe – kaum einen Weg lässt die Gruppe unversucht beim Kampf um ihr Anliegen. Die Schauplätze dieser Schlacht gegen die Abbauwünsche der Firma Holcim sind mittlerweile mannigfaltig.

Vergangenen Sommer ging es zunächst um die Größe der Abbaufläche, deren Abmessung und deren geplante Aufteilung in zwei Tranchen. Das Zementwerk und die Gemeinde Dotternhausen als Verpächterin der Flächen waren sich handelseinig gewesen. Die BI lief Sturm. Im November allerdings hatte sich das Landratsamt als untere Naturschutzbehörde in den Streit eingeschaltet. Sie verweigerte die Herausnahme der gewünschten 18 Hektar aus dem Landschaftsschutzgebiet, worauf sich Konzern und Gemeinde geeinigt hatten. Nur auf rund neun Hektar wollte sich das Landratsamt einlassen, mit der Bemerkung, dass es sich dabei immer noch nicht um die spätere tatsächliche Abbaufläche handle. „Aber das reicht für die nächsten zwei Jahrzehnte, und mehr können wir heute nicht verantworten“, erklärte Landrat Günther-Martin Pauli damals.

Zweifelhafte Methoden im Kampf um den Berg

© Archiv

Kalksteinabbau auf dem Plettenberg.

Ein Erfolg für die Aktivisten der Bürgerinitiative: Die Grenzen, für die sie sich mit mittlerweile drei Bürgerbegehren eingesetzt hatten, waren dank des behördlichen Machtworts sogar noch enger gefasst worden. Ruhe kehrte indes nicht ein. Denn längst hatten sich Nebenkriegsschauplätze entwickelt. Beim Sigmaringer Verwaltungsgericht hatte Norbert Majer im Juni 2017 mit 16 weiteren Unterstützern eine Klage eingereicht. Der Altbürgermeister wollte damit verhindern, dass die Quote für Ersatzbrennstoffe von 60 auf 100 Prozent angehoben wird. Das Regierungspräsidium Tübingen allerdings hatte bereits Ende Mai seine Genehmigung vom Februar für vollziehbar erklärt, die Brennstoffquote blieb bei 100 Prozent.

In der Folge verlagerte sich das Hauptaugenmerk auf die angeblich falsch oder unzureichend gemessenen Schadstoffe, die aus den Holcim-Schornsteinen dringen und deren angeblich manipulierbare Übermittlung ans Regierungspräsidium Tübingen. Die BI zitierte Experten für moderne Rauchgasreinigung, die den Einsatz einer katalytischen Anlage forderten. Wenige Zeit später machte das Schlagwort Krebsstatistik die Runde, die die BI in Eigenregie aufbauen wollte, dann kam der Tierschutz zum Tragen.

Zunächst war es die Sorge ums Braunkehlchen, bei dem von Holcim vorgelegte Gutachten angezweifelt wurden. Es würden darin nur 15 Vogelarten aufgezählt, nur eine davon zähle zu den gefährdeten Arten, hatte die BI bemängelt. „Bei dem erwähnten Gutachten handelte es sich um einen Auszug aus dem Umweltbericht zum Regionalplanänderungsverfahren, das gestoppt wurde“, hatte Sabine Schädle, Pressesprecherin der Firma Holcim damals auf Nachfrage erklärt. Die Angaben hätten sich außerdem lediglich auf die Erweiterungsfläche bezogen.

Gutachten zu Vogelarten ist noch nicht veröffentlicht

„Jetzt sind es plötzlich 57 Vogelarten, die gefährdeten werden aber erneut nicht erwähnt, außer dem Neuntöter“, schreibt Norbert Majer in seinem Brief. Er bezieht sich dabei auf das aktualisierte Gutachten des Büros Tränkle, das Holcim für den Antrag zur Süderweiterung vorlegen wird. Das allerdings ist noch nicht veröffentlicht worden.

Im öffentlichen Umweltbericht zur dritten Änderung des Regionalplans mit Stand Oktober 2017 im „Vorranggebiet Abbau“ werden zumindest folgende Vögel gemäß der Vogelschutzrichtlinie aufgeführt: Der Neuntöter als Brutvogel, der Rotmilan, der Uhu, der Wanderfalke und die Hohltaube als Nahrungsgäste. Der Berglaubsänger und der Schwarzspecht brüten in nahe gelegenen Wäldern, heißt es in dem Bericht weiter.

Die Pflegemaßnahme vom Oktober, die von Mitgliedern des Albvereins, der Firma Holcim und der Gemeinde Dotternhausen auf dem Plettenberg durchgeführt worden war, nennt Majer in seinem Schreiben „eine wilde, strafrechtlich angezeigte Rodungsaktion“, die dazu gedient habe, Nistplätze rechtzeitig zu vernichten. Das Landratsamt sagte uns, dass die untere Naturschutzbehörde erst nach Abschluss des bei der Staatsanwaltschaft anhängigen Verfahrens über die Rechtmäßigkeit der Aktion entscheiden kann. Dort seien die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Markus Engel.

Nicht nur die Tierwelt beschäftigt die Aktivisten der Bürgerinitiative

Norbert Majer bemängelt in seinem jüngsten Brief weiter: „Die acht von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg erfassten Sonderbiotope nur in der Süderweiterung haben die Experten überlesen, deshalb sind sie auch nicht vorhanden.“ Der Fachbeitrag Tiere und Pflanzen mit Stand Mai 2016 vom Büro Tränkle, der im Rahmen eines immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahrens mit integrierter Umweltverträglichkeitsprüfung erstellt wurde, beschreibt jedoch insgesamt sogar 42 geschützte Biotope. Darunter auch die acht, die Norbert Majer uns auf einem Kartenausschnitt zukommen ließ. Auch dieser Fachbeitrag ist öffentlich.

Ebenso prangert der Dotternhausener Altbürgermeister in seinem Schreiben fehlende Mutterbodendeponien an. „Holcim behauptet, es wären genügend vorhanden, man sieht aber keine auf Luftbildern“, sagt er. „Diese Deponien sind nicht riesig“, räumt Sabine Schädle auf unsere Nachfrage ein. Der Oberboden werde in Vorbereitung des Abbaus mit dem Radlader abgeschoben und entweder fachgerecht auf Bodenmieten innerhalb des Steinbruchgeländes zwischengelagert oder direkt für die Rekultivierung verwendet. Im selben Zug räumt Schädle auch mit dem schon älteren Vorwurf auf, die Firma würde mit Boden handeln. „Das ist völliger Quatsch“, sagt sie. „Es wird weder Boden von außen zugefahren noch Boden nach außen abgegeben“, erklärt die Firmensprecherin. Der vorhandene Mutterboden reiche aus für die anstehenden Rekultivierungsmaßnahmen.

Nun also geht es um verkrüppelte Kröten auf dem Berg. Nicht nur die Kuratorin der Wilhelma und der NABU-Experte aus Offenburg sind sich mit ihrer Einschätzung des Zustands der Kröte ziemlich sicher. Es gibt auch belegbare Fakten dafür, dass keine Sprengstoffrückstände den Berg verseuchen. „Wir haben 2015 die Plettenbergquellen für Hausen, Ratshausen und Dotternhausen beproben lassen, weil der Vorwurf schon öfter aufkam“, erklärt Sabine Schädle. Damals hatte die BI Pro Plettenberg selbst auf diese Untersuchung gedrängt. Das Gesundheitsamt in Balingen hatte das Wasser untersucht. Dabei wurden keine erhöhten Werte von Sprengstoffrückständen nachgewiesen, worüber sich die Bürgerinitiative in einer Stellungnahme in unserer Zeitung erleichtert zeigte.

 

Die Behauptung ist hanebüchener Unsinn.

Hans Offenwanger, Diplombiologe

 

Auf die nun trotzdem wiederkehrende Behauptung der BI angesprochen, zeigt sich Diplombiologe Hans Offenwanger vom Büro Tränkle, das die Rekultivierungsmaßnahmen betreut, regelrecht erschüttert. „Zu behaupten, auf dem Plettenberg gebe es verkrüppelte oder gar mutierte Tiere aufgrund von Sprengstoffrückständen, ist hanebüchener Unsinn“, sagte er.

Die aktuellen Tierbestandszahlen wird das Gutachterbüro mit den Antragsunterlagen für die Süderweiterung veröffentlichen. Eben dieses Gutachten für den Antrag muss die Firma Holcim laut Gesetz aus eigener Tasche bezahlen. Dass die BI Offenwanger und seinen Kollegen deswegen stets Gefälligkeitsgutachten unterstellt, gehöre mittlerweile zu seinem täglichen Brot. „Aber wir müssen auch damit umgehen“, sagt Offenwanger.

Dotternhausens Bürgermeisterin Monique Adrian hofft indes, in Kürze die Verhandlungen mit Holcim um die Süderweiterung abschließen zu können. „Dann wär endlich ein Knopf dran“, sagte sie. Dennoch hat der Gemeinderat vorsorglich weitere 50 000 Euro für Rechtsberatung im Gemeindehaushalt eingeplant.

 

In eigener Sache: Die Glaubwürdigkeit der BI leidet

Eine durch Sprengstoffrückstände verkrüppelte Kröte auf dem Plettenberg – das wäre eine Sensation im negativen Sinn. Vermutlich hätte jeder Journalist Interesse daran, zur Aufdeckung eines Umweltskandals beizutragen. Allein – wir sind dazu auf belegbare Fakten angewiesen. In Zeiten von „Lügenpresse“-Vorwürfen müssen wir vor allem eines vermeiden: unsere Leser mit Falschinformationen zu füttern.

Meine Rechercheinstrumente sind denkbar simpel: Ich nutze Telefon und E-Mail. Die Erfahrung in Sachen Bürgerinitiative lehrt mich außerdem, keine an der Sache beteiligten Behörden oder Fachleute zu befragen. Das Misstrauen ihrer Neutralität gegenüber ist zu groß bei den Aktivisten. Der Vorwurf der Käuflichkeit wird offen ausgesprochen.

Die Stuttgarter Wilhelma und der NABU in Offenburg allerdings schienen mir weit genug weg vom Plettenberg und seinen Protagonisten. Auf die Beurteilung des Krötenbildes musste ich bei beiden nur einen Tag warten. Innerhalb weniger Stunden wurde aus der als verkrüppelt bezeichneten Kröte ein schlicht von Parasiten befallenes Tier. Der Skandal? Geplatzt.

Der Vorwurf, Sprengstoffrückstände würden auf dem Plettenberg zur Veränderung ganzer Organismen beitragen, erwies sich nach nur einem Anruf als etwas ganz anderes: als substanzlose Stimmungsmache.

Bürgerinitiativen haben zweifellos ihre Berechtigung. Man darf, ja muss sogar Großkonzernen auf die Finger schauen, Transparenz von ihnen einfordern und Missstände anklagen. Aber man muss auch Fakten als solche akzeptieren und anerkennen, dass auf dem Plettenberg nicht jede Ameise an „Morbus Holcim“ stirbt.

Man kann im Kampf um eine Herzensangelegenheit vieles verlieren: die Nerven, die Geduld, den Mut. Was die BI aber mit solch leicht widerlegbaren und ungeprüft hinausposaunten Behauptungen verliert, ist ihre Glaubwürdigkeit. Und die lässt sich irgendwann nicht wieder herstellen.

 

Zweifelhafte Methoden im Kampf um den Berg

ZAK-Redakteurin Nicole Leukhardt

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