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Weilstetten

Weilstetter Pflegeheimprojekt: Vom Spagat zwischen Rendite und Menschenwürde

05.07.2019

Von Klaus Irion

Weilstetter Pflegeheimprojekt: Vom Spagat zwischen Rendite und Menschenwürde

© Klaus Irion

In der Weilstetter Lochenschule wurde gestern Abend das Konzept für das in unmittelbarer Nachbarschaft geplante Pflegeheim erläutert. Interesse an der Konzeption traf dabei auf kritisches Hinterfragen.

Es ging beim freitäglichen Infoabend um die umstrittene Gebäudegröße. Es ging um ein mögliches Invest in das Pflegeheim in Weilstetten und dessen finanzielle Risiken. Und ja, es ging auch um Menschen. Alte und schwache Menschen, die von 2020 in Nachbarschaft zur Lochenschule und den dortigen Kindergärten ihren letzten Lebensabschnitt in Würde verbringen sollen.

„Wenn Sie Doppelzimmer wollen, müssen Sie beim nächsten mal anders wählen.“ Was am Freitagabend von Björn Peickert bei der Präsentation der Pflegeheimfinanzierung so locker flapsig geäußert wurde, hat einen durchaus ernsten Hintergrund. Ein Besucherin hatte sich erkundigt, ob es im geplanten Pflegeheim in Weilstetten denn auch die Möglichkeit gebe, mit dem Partner ein Doppelzimmer zu beziehen. Die Antwort war ein klares Jein. „Doppelzimmer sind nach der baden-württembergischen Pflegegesetzgebung inzwischen verboten, es besteht Einzelzimmer-Pflicht“, erläuterte der Aufsichtsrat des Pflegeheim-Investors Deutschland Immobilien AG. Man habe aber vorgesorgt und biete die Möglichkeit, zwei Einzelzimmer mittels einer Verbindungstür zum „Paarzimmer“ umzurüsten.

16 verschiedene Pflegegesetzgebungen

Es war nicht das einzige Mal, dass bei der Vorstellung der Pflegeheimpläne die Gesetzeslage zur Sprache kam. „Daran müssen wir uns natürlich halten, und das ist bei 16 unterschiedlichen Pflegegesetzgebungen in Deutschland nicht immer ganz einfach.

Selbstverständlich waren am Freitagabend auch Kritiker des Projekts vor Ort, die sich in den vergangenen Wochen lautstark zu Wort gemeldet hatten. Nach einigem Geplänkel ob der äußeren Erscheinung und der Höhe des Gebäudes und einigen gegenseitigen Vorhaltungen gelang es Weilstettens Ortsvorsteher Wolfgang Schneider die Gemüter zu beruhigen und die Diskussion in sachliche Bahnen zu lenken. Was kritisches Hinterfragen nicht ausschloss.

Wie viel Klimatisierung rechnet sich?

Dass sich das Investment Pflegeheim – und nichts anderes ist es – bei aller Nächstenliebe und Fürsorge für alte und geschwächte Menschen am Ende rechnen muss, daran ließen Peickert, aber auch der künftige Mitgeschäftsführer Richard Wolfframm vom Betreiber Haus Sonnenhalde keinen Zweifel. Dass dabei trotz teilweiser Südausrichtung der 75 Einzelzimmer kein finanzieller Spielraum für deren Klimatisierung bleibt, wurde von den Anwesenden bei leiser Kritik einzelner mehr oder weniger hingenommen. „Unsere Gemeinschaftsräume sind natürlich mit Klimaanlage ausgestattet.“

Für und Wider eigener Balkone

Kontroverser diskutiert wurde hingegen die Frage der fehlenden Balkone. Während einige Zuhörer dies für eine Zumutung erachteten, berichtete eine anwesende Pflegekraft aus eigener Erfahrung, dass so gut wie kein Pflegeheimbewohner im Haus, in dem sie zugange sei, die Balkone nutze. „Die Menschen halten sich, wenn sie nicht in den Gemeinschaftsräumen oder vor dem Haus unterwegs sind, zumeist in der Nähe des Zimmerausgangs auf, weil sie den Kontakt zu anderen Bewohnern suchen.“

Personalfirmen sind üblich

Ebenfalls kontrovers diskutiert wurde die Frage des Pflegepersonals. Woher denn die künftigen Hausbetreiber ihre Pflegerinnen und Pfleger rekrutieren. „Von überall dort, wo Menschen noch bereit sind, diesen Beruf auszuüben“, entgegnete Wolfframm. Und das sei nur noch in den wenigsten Fällen Deutschland. „Dass die Pflegeheimbetreiber Nadja Hoß und Richard Wolfframm hierfür ein eigenes Unternehmen gegründet haben, ist in dieser Branche völlig üblich, anders geht es gar nicht mehr“, betonte Ortsvorsteher Schneider.

Sichere Rendite oder finanzielles Risiko

Ausländisches Pflegepersonal als letzte Rettung für die wachsende Zahl deutscher Pflegebedürftiger. Ausländisches Pflegepersonal, das dadurch letztlich aber auch die bereits erwähnte Rendite sichern soll. „Denn was passiert denn, wenn ich in eines ihrer Zimmer investiere und das Haus dann vielleicht nur zur Hälfte belegt ist, weil es an Pflegepersonal fehlt?“ Peickert rechnete der Fragenden vor, dass die durchschnittliche Belegung der Pflegeheime in Deutschland bei weit über 80 Prozent liege. „Tendenz steigend.“ Aber wenn die Dame Bedenken habe, könne er ihr einfach nur den Rat geben, auf solch eine Immobilienanlage zu verzichten.

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