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Geislingen

Tintenfraß nagte am Schatz auf der Pfarrbühne: Restauratoren retten das Geislinger Urbario

07.10.2019

Von Claudia Renz

Tintenfraß nagte am Schatz auf der Pfarrbühne: Restauratoren retten das Geislinger Urbario

© Claudia Renz

Mit weißen Handschuhen präsentierte Archivar Thomas Oschmann das restaurierte Prachtexemplar dem Geislinger Kirchenpfleger Heinrich Kirmeier in Rottenburg.

Das für die Geislinger Katholiken unschätzbar wertvolle Dokument aus dem Jahr 1583 lagert behütet im Diözesanarchiv Rottenburg. Kirchenpfleger Heinrich Kirmeier durfte das restaurierte Kirchenbuch jüngst bewundern. Der 800 Seiten starke Inhalt steht der Kirchengemeinde digital zur Verfügung.

Die erste Erwähnung von Geislingen geht bis ins Mittelalter, nämlich ins Jahr 1188 zurück. Graf Egino von Urach hatte zu dieser Zeit das Sagen.

Aufzeichnungen geben den Aufschluss, dass im Dorf Geislingen zwei Burgen standen und die Herren von Bubenhofen laut Überlieferung schon 1342 in einer davon wohnten. Am 3. August 1374 stiftete Marquard II. von Bubenhofen eine Pfründe zum Katharinenaltar in der St.-Ulrichs-Kapelle.

Im Jahr 1426 erbaute Wolf von Bubenhofen der Ältere neben der Burg das Schloss. Dieses Schloss stand 1464 als Wasserschloss mit zwei Wassergräben am Weiher.

Pfarreigründung war 1451

Am 22. Oktober 1451 gründete Wolf der Ältere von Bubenhofen die Pfarrei Geislingen, indem er den Kirchensatz von Burgfelden an Graf Ulrich V. von Württemberg übergab und Zeuge war bei der Pfarreistiftung.

Dafür durfte Wolf der Ältere, die Geislinger Filialkirche von der Ostdorfer Mutterkirche loslösen. Die Pfarrei Geislingen zahlte dafür Separationszinsen an Ostdorf.

Ära endete in Armut

Die Herren von Bubenhofen blieben lange Zeit das bedeutsamste Rittergeschlecht unseres Raumes. Im Jahre 1527 erwarb Hans Jakob von Stotzingen Schloss und Dorf Geislingen und den um Geislingen liegenden Besitz der von den von Bubenhofen und die geschichtsträchtige Ära endete in Armut.

Urbario de anno 1583

Das Urbario für die katholische Pfarrei Geislingen stiftete im Jahr 1583 Hans Jakob von Stotzingen.

In diesem Verzeichnis über Besitzrechte einer Grundherrschaft und den zu erbringenden Leistungen ihrer Grunduntertanen (Grundholden), einem wohlbewahrten Urbario de anno 1583, wurden fortan alle Besitzverhältnisse vermerkt.

Dieser Tage war Kirchenpfleger Heinrich Kirmeier zu Gast im Diözesanarchiv in Rottenburg und konnte dieses nun restaurierte, besondere Buchexemplar, das viele Jahre auf der Geislinger Pfarrbühne geschlummert hatte, bewundern.

800 beschriebene Seiten

Mit weißen Handschuhen präsentierte Archivar Thomas Oschmann das von der Firma Schempp in Kornwestheim restaurierte, empfindliche Prachtexemplar.

„Wir haben es hier mit einem ganz besonderen Werk zu tun. Das gebundene Buch ist von außen mit seinem geprägten Ledereinband kunstvoll gestaltet, und der Inhalt ist noch viel eindrucksvoller“, schwärmte der Mitarbeiter des Diözesanarchivs.

Tintenfraß nagte am Schatz auf der Pfarrbühne: Restauratoren retten das Geislinger Urbario

© Claudia Renz

Das Urbario stellt für die Geislinger Kirchengemeinde Sankt Ulrich einen unschätzbaren Wert dar.

Auf 800 kunstvoll beschriebenen Seiten wurden alle Besitzungen und Einkünfte der Kirche exakt aufgeschrieben. Seit Anfang der 1970-Jahre bietet das bischöfliche Archiv den mittlerweile rund 1000 zugehörigen Pfarreien an, ihr Schriftgut zu verwalten.

Das Gedächtnis der Pfarreien

Das Diözesanarchiv Rottenburg ist das Gedächtnis des bischöflichen Ordinariats und lagert mittlerweile rund 10 Kilometer Archivalien.

Für Pfarrer, Kirchengemeinden, Studenten, Wissenschaftler und Forscher, die die Geschichte ihrer Pfarreien aufarbeiten wollen oder für Menschen auf der ganzen Welt die Ahnenforschung betreiben, werden diese Dokumente für künftige Generationen nutzbar gemacht.

Tintenfraß setzte Dokument zu

Bei dem Geislinger Werk taxierte Oschmann mit dem Restaurationsbetrieb in etlichen Besprechungen die Vorgehensweise akribisch aus. Der Tintenfraß setzte der mit Eisengallustinte geschriebenen mittelalterlichen Kunstschrift mächtig zu.

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Wir haben es hier mit einem ganz besonderen Werk zu tun, dessen Inhalt noch viel eindrucksvoller ist. Archivar Thomas Oschmann

Wer sich mit der Recherche für das Kirchenbuch befasst, steht noch nicht fest. Kirchenpfleger Heinrich Kirmeier

Diese Zersetzung des Papiers konnte mit der Hinterlegung der Seiten mit hauchdünnem Japanpapier zwar nicht gestoppt, aber verlangsamt werden.

Der renommierte Betrieb, der mit der Restaurierung der Noten von Johann Sebastian Bach betraut wurde, konnte das effektivere Nassverfahren, das die Schriftstücke alterungs- und dokumentenecht macht, nicht anwenden, bedauert Oschmann.

Die Restaurierung beinhaltete außerdem die Trockenreinigung der Blätter, die im Durchlicht sichtbaren Risse wurden geschlossen. Weiterhin wurden die Buchecken gefestigt und die Registerreiter gesichert. Damit das Kunstwerk noch viele Jahre übersteht, lagert es behütet, als eines der ältesten Urbarien, in einer maßgenauen Schutzkassette im riesigen Diözesanarchiv.

Buch bleibt in Rottenburg

Das Geislinger Kirchenbuch, dessen Restaurierungskosten die Diözese trägt, wird treuhänderisch in Rottenburg aufbewahrt. Der Inhalt jedoch wird dem Pfarramt St. Ulrich auf einer externen Festplatte in den nächsten Tagen zugestellt.

Das 800 Seiten umfassenden Werk fand bisher nur wenig Beachtung. Dessen Übersetzung ist aufgrund der schwer lesbaren Schrift und der andersartigen Formulierung mit großem Zeitaufwand verbunden.

Wer sich mit der Recherche des Buches befasst, steht noch nicht fest. Für die Kirchengeschichte von Geislingen ist dieses Buch ein unschätzbares Relikt aus der Vergangenheit.

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