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Hechingen

Thanheimer Messerattacke: Am Tag zwei des Prozesses rücken Drogen in den Fokus

09.05.2019

von Matthias Badura

Thanheimer Messerattacke: Am Tag zwei des Prozesses
rücken Drogen in den Fokus

© Matthias Badura

Vor dem Landgericht Hechingen geht der Prozess um die Messerattacke weiter.

Die Aussagen und die Haltung der Mutter beeindruckten. Und am Donnerstag zeichnete im Prozess vor dem Landgericht Hechingen ab, dass wohl Drogenkonsum und ein LSD-Trip den Sohn in einen anderen Menschen verwandelt haben könnte. Noch dazu ein Drogenkonsum, der zunächst als überschaubar erschien.

Es fällt schwer zu sagen, was während des zweiten Verhandlungstages am Landgericht Hechingen mehr beeindruckte, berührte, erschütterte: Die Schilderung der Mutter, die am 5. Januar in ihrem Thanheimer Wohnzimmer mit einem Messer im Hals erwachte und ein Gesicht „wie von einem Tier“ vor sich sah – einem Tier, das kurz zuvor noch ihr Sohn gewesen war, an den sie sich angekuschelt hatte?

Oder war es das Abspielen des Hilferufs, den die Mutter unmittelbar nach dem Messerangriff an die Leitstelle Balingen abgegeben hatte? Blutend, lebensgefährlich verletzt, möglicherweise den Tod vor Augen machte sie am Telefon präzise und sachliche Angaben, was ihr soeben widerfahren war und forderte auf, sofort zu kommen: der Angreifer, also ihr Sohn, befinde sich noch im Haus, zwischen ihm und ihrem Ehemann sei ein Kampf im Gange. Dieses Tondokument oder vielmehr die Haltung der Frau nötigten nicht nur Richter Dr. Hannes Breucker Respekt ab.

Im Studium Merkwürdigkeiten entwickelt

Oder war besonders erschütternd, was am Donnerstag über den Anlass der Tat immer wahrscheinlicher erschien: nämlich, dass Drogenkonsum den Sohn in einen anderen Menschen verwandelt haben könnte? Noch dazu ein Drogenkonsum, der zunächst überschaubar erscheint. Die Mutter beschrieb ihren Jungen als einen freundlichen und intelligenten Menschen.

Erst während des Informatikstudiums habe er wohl angefangen, Joints zu rauchen und Merkwürdigkeiten entwickelt, die sie aber als Spleens abtat. Beängstigend verändert habe er sich nach der Einnahme eines LSD-Trips (den er ihr gestand). Man habe ihn damals von einer Party abholen müssen. Verängstigt und verwirrt fabulierte er damals auf dem Heimweg, man wolle ihn umbringen.

In der Zeit danach redete er dann angeblich beständig von „Engeln und Dämonen“, sah sich dauernd verfolgt und gab durch diffuse Andeutungen auch Anlass zur Sorge, er wolle sich umbringen. Nach einer psychiatrischen Behandlung schien er in der Tatnacht „stabil“, ja gelöst und gut gelaunt. Sein Zustand hatte sich in den Monaten zuvor gebessert – so glaubten die übrigen Hausbewohner und so schilderte es auch der Ehemann der Mutter.

Mutter steht zu ihrem Sohn

Die Wunden, die der Sohn den beiden nacheinander mit mindestens zwei Messern zufügte waren erheblich. Die Mutter musste wegen des Stiches, der sie in die Speiseröhre traf, fünf Stunden lang operiert werden, während der Stiefvater bei dem Versuch, den Rasenden abzuwehren, Verletzungen an den Händen erlitt, einen Schnitt auf dem Rücken davontrug und einen Stich ins Gesicht bekam, der bis zum Gaumen reichte. Vom Vorsitzenden befragt, wie sie jetzt zu ihm stehe, antwortete die Mutter, sie habe ihren Sohn genauso lieb wie vorher; sie hoffe, er werde wieder ganz gesund und könne irgendwann ein normales Leben fortsetzen.

Der Stiefvater zögerte kurz, meinte dann auf dieselbe Frage: Die Person, die ihn am 5. Januar angegriffen habe, sei nicht derselbe Mensch gewesen, den er bis dato kannte. Und wenn er jetzt zur Anklagebank hinüberblicke, dann sei das wiederum nicht derjenige, der am 5. Januar auf ihn losging. In zwei verschiedene Gesichter ein und desselben Person blickte auch der Polizeibeamte, der dem Beschuldigten nach der Verhaftung begegnete. Der 24-Jährige sei kaum ansprechbar gewesen, habe in der Zelle versucht, sich selbst zu verletzten, indem er seinen Kopf mehrfach gegen die Wand donnerte.

Nach der Einnahme von Medikamenten und nachdem er geschlafen hatte, sei er dagegen völlig besonnen gewesen. Er habe detailliert erzählt, was er getan habe und auch erklärt, was ihn dazu bewog. Es war die Idee eines dorfweiten Mordkomplotts, das gegen ihn im Gange war. Die Mutter und der Stiefvater seien Teil der Verschwörung gewesen und hätten ihn mit ihrer Freundlichkeit nur in Sicherheit wiegen wollen. Deshalb wollte er sie umbringen, bevor er selbst von ihnen ermordet würde. Als er das berichtete, so machte der Polizist deutlich, sei dem Sohn vollkommen klar gewesen, wie krankhaft diese Vorstellungen sind. In dieser Klarheit befand sich der Beschuldigte auch gestern.

Angeklagter bittet um Verzeihung

Er bat seine Mutter und den Stiefvater um Verzeihung. Er sei froh und dankbar, sagte er in Richtung der Mutter, dass die Ärzte sie gerettet hätten. Und er verspreche, nie wieder Drogen zu nehmen. Am kommenden Verhandlungstag wird die Kammer des Landgerichtes weitere Zeugen hören. Auch der psychiatrische Gutachter wird zu Wort kommen.

Vielleicht legt er dar, ob es möglich ist, dass Cannabis und ein einziger, sogenannter (LSD-)-„Horrortrip“ ausreichen, die Geistesstruktur eines Menschen vollkommen umzukrempeln. Oder ob dazu bereits tiefer sitzende seelische Verwerfungen in der Psyche angelegt sein müssen. Die Öffentlichkeit wird darüber jedoch nichts erfahren. Mit Rücksicht auf den Beschuldigten bleibt das Publikum beim Bericht des Gutachters ausgeschlossen.

Das Urteil des Prozesses zeichnet sich insofern schon ab, als der Staatsanwalt in seiner Anklageschrift davon ausgeht, dass der 24-Jährige im rechtlichen Sinne nicht schuldfähig ist. Er kann nicht für eine Tat bestraft werden, die in einem Zustand geistiger Verwirrung begangen wurde. Hier kann nur der Arzt helfen.

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