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Fußball

Prozess der Professionalisierung: Die Verantwortlichen der TSG Balingen im großen Interview

12.07.2019

Von Marcel Schlegel

Prozess der Professionalisierung: Die Verantwortlichen der TSG Balingen im großen Interview

© Moschkon

Die TSG schaffte im ersten Viertliga-Jahr recht souverän den Klassenerhalt.

Am 27. Juli beginnt die TSG Balingen ihre zweite Saison in der Fußball-Regionalliga. Das Ziel ist identisch wie bei der Premiere: Der Klassenerhalt soll den Kreisstädtern gelingen. Dafür haben die Verantwortlichen auch personell nachgelegt. Mittelfristig will sich die TSG in der vierten Liga etablieren. Im Interview sprechen Uwe Haußmann und Ralph Conzelmann über die Situation bei der TSG.

Das zweite Jahr nach einem Aufstieg soll das schwerste sein. Gilt dies auch für die TSG?

Ralph Conzelmann: Eine Floskel, mehr nicht. Beim HSV war es das 55. Jahr. Jede Saison ist eine Herausforderung.

Prozess der Professionalisierung: Die Verantwortlichen der TSG Balingen im großen Interview

© Moschkon

Ralph Conzelmann

Uwe Haußmann: Ich sehe das genauso. Im Vergleich zur letzten Saison wissen unsere Gegner nun aber besser, wie sie unsere Mannschaft einzuschätzen haben.

Prozess der Professionalisierung: Die Verantwortlichen der TSG Balingen im großen Interview

© Moschkon

Uwe Haußmann

Spricht man mit diesen Gegnern, gibt’s nach Platz elf in der ersten Viertliga-Saison der Vereinsgeschichte meist nichts als Lob für die TSG. Hatten manche der größeren Klubs den kleinen Amateurverein vom Fuße der Alb im Vorjahr womöglich unterschätzt?

Haußmann: Jedenfalls wird kein Verein die TSG in der anstehenden Runde unterschätzen, das dürfte sicher sein. Im Umkehrschluss bedeutet dies für uns, dass auch wir die Aufsteiger genauso ernst nehmen werden, wie das für uns galt und gilt.

Conzelmann: Einen Beleg dafür, im Vorjahr unterschätzt worden zu sein, finde ich ohnehin nicht. In der neuen Saison? Es schaut am Ende jeder nach sich.

Die Mannschaft hat mit Kapitän Manuel Pflumm, Routinier Jörg Schreyeck und Torjäger Stefan Vogler erfahrene Spieler verloren, die ihr Gesicht waren. Können diese Führungsspieler überhaupt ersetzt werden?

Conzelmann: Keinesfalls eins zu eins. Wir reden hier nicht von Spielern, nicht von Leistungsträgern, sondern von Ikonen. Per definitionem können diese nicht geklont werden.

Zuletzt verpflichteten Sie mit dem früheren Kölner Denis Epstein einen 33-jährigen ehemaligen Profi, der mit seiner Familie in den Zollernalbkreis gezogen ist. Er könnte die Lücke füllen.

Haußmann: Gerade Manuel und Jörg waren – neben ihrer spielerischen Klasse – auch absolute Führungsfiguren, auf und neben dem Platz. In eine solche Rolle kann Denis natürlich ebenfalls hineinwachsen. In der Übergangszeit müssen aber andere Spieler die Führung der Mannschaft übernehmen.

Wer konkret?

Haußmann: Nils Schuon, Lukas Foelsch, Julian Hauser, Fabian Fecker oder Fabian Kurth – alles Spieler, die diese Führungseigenschaften mitbringen.

Denis Epstein ist der erste Spieler in Reihen der TSG, der Erst- und Zweitliga-Erfahrung mitbringt, eine langjährige noch dazu. Was zeigt Ihnen die Verpflichtung des Kölners?

Haußmann: Dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Macht Sie ein solcher Transfer auch etwas stolz, weil er die Entwicklung des Vereins illustrieren könnte?

Haußmann: Wir freuen uns im Verein jedenfalls alle sehr, dass es uns gelungen ist, einen Spieler von diesem Format zu holen. Also ja, etwas stolz macht uns das.

Noch versteht sich die TSG als Amateurverein in einer von Profivereinen dominierten Regionalliga Südwest. Zuletzt hatte Geschäftsführer Jan Lindenmair betont, dass man nun einzelne Schritte in Richtung Profitum gehen wolle. Darf man den Transfer als einen solchen deuten?

Haußmann: So kann man es vielleicht nennen, wobei noch ein langer und steiniger Weg vor uns liegt.

Ist Epstein der erste Profi in Reihen der TSG Balingen?

Haußmann: Über Geld reden wir nicht in der Öffentlichkeit. Aber Sie dürfen davon ausgehen, dass es für Denis in erster Linie darum geht, bei seiner Familie sein zu können und er trotzdem noch einige Jahre dem ambitionierten Fußball verbunden bleiben will.

Bei den Neuzugängen handelt es sich vor allem um junge Spieler. Ein Wagnis?

Conzelmann: Keineswegs. Einzig in den zurückliegenden zwei Jahren wurde das Gerüst weitestgehend beibehalten, nicht verjüngt. Die Grundlage zum Regionalliga-Aufstieg 2018 war unter anderem eine stete Anpassung des Durchschnittsalters. Darauf hat man großen Wert gelegt.

Viertliga-Fußball in Balingen. Hätten Sie dies vor Ihrem Amtsantritt 2007 als Abteilungsleiter denn für möglich gehalten, Herr Haußmann?

Haußmann: Nein, natürlich nicht. Ich habe erst in den letzten Oberliga-Jahren, in denen wir zusehends auf Augenhöhe mit den Aufstiegsaspiranten kamen, daran geglaubt, dass wir das packen können.

Und Sie, Herr Conzelmann? Sie kennen den Fußball im Zollernalbkreis im Speziellen und im Südwesten allgemein wie kaum ein anderer, sind seit Jahrzehnten dabei und wirken seit gut 15 Jahren in Reihen der TSG.

Conzelmann: Nein, die Frage hatte sich damals so auch nicht gestellt. Insofern haben wir uns seinerzeit in Balingen mit der Möglichkeit eines Aufstieges in die Oberliga befasst. Das wurde durchaus kontrovers diskutiert. Die fünfte Liga schien eine andere Welt zu sein – wir haben sie betreten, und waren zunächst froh und dankbar darüber.

Was hat Ihnen der Viertliga-Aufstieg und der anschließende Klassenerhalt gezeigt?

Conzelmann: Dass sich jeder kleine Schritt lohnt. Dass sich Penetranz auszahlt. Dass man niemals aufgeben darf. Dass alles an jedem Standort möglich ist.

Vor allem auch hinter den Kulissen fordert die Regionalliga, die weitgehend eine Profiliga ist, allen Ehrenamtlichen noch mehr ab. Worin macht sich dies im Tagesgeschäft am meisten bemerkbar?

Haußmann: Indem man sich ständig neuen Herausforderungen stellen und dabei stets Neuland betreten muss: Die Beantragung der Regionalliga-Zulassung mit den damit verbundenen Sicherheitsauflagen, die Ertüchtigung des Stadions, welche uns gelungen ist – das sind nur einige wenige solcher Herausforderungen, die wir meistern konnten. Dazu kamen zuletzt der Aufbau einer Geschäftsstelle, die Einführung des Ticketsystems, der Ausbau und die Ausbildung des eigenen Sicherheitspersonals und die Verbesserung der Ausgabestellen für Speisen und Getränke – und natürlich mussten und müssen wir weitere freiwillige Helfer gewinnen.

Gibt es weitere Unterschiede?

Conzelmann: Wenn 28 000 Personen nach Würsten, Bier und Cola verlangen – oder die Hälfte davon: Das ist ein Unterschied. Wenn Gastvereine sich und ihre Bedürfnisse in der Woche vor dem Spiel sechs Mal in Erinnerung rufen – anstelle von einem Mal: Das ist neu. Im operativen Bereich wendet jeder Führungsvorstand drei, vier Stunden täglich auf – auch das braucht es in der Oberliga nicht. Kurz gesagt: Alles ist anders.

Das klingt arbeitsintensiv. Warum tut man sich das eigentlich unbezahlt und dazu in der Freizeit an?

Conzelmann: Um den gemeinsamen Erfolg zu erreichen.

Haußmann: Ich möchte noch hinzufügen, dass man in diesem Bereich zunächst zwischen dem Vorstandsteam und den vielen freiwilligen Helfern unterscheiden muss. Im Vorstandsteam benötigt man schon einen Schuss Fußballverrücktheit, diese motiviert zu vielen zusätzlichen ehrenamtlichen Arbeitsstunden. Dann wächst man an den Aufgaben und je höher man spielt, je spannender und professioneller wird das Tagesgeschäft. Das ist ein langer Reifeprozess. Bei den vielen ehrenamtlichen Helfern sind eine gewissen Fußballaffinität, die vielen sozialen Kontakte und das Gefühl, ein Teil der Erfolgsgeschichte TSG Balingen sein zu können, die entscheidende Faktoren.

Herr Haußmann, Sie hatten vor einiger Zeit mal mit dem Gedanken gespielt,

etwas kürzerzutreten. Zwischenzeitlich stieg die TSG auf, mit Lindenmair kam ein Geschäftsführer. Macht’s noch Spaß?

Haußmann: Ohne Einschränkung: ja! Sonst würden wir diesen Job nicht mehr machen.

Welche Rolle spielte bei Ihren Überlegungen eben der Aufstieg und die damit einhergehende Professionalisierung?

Haußmann: Eine enorm große. Wir sind ja gerade dabei, uns zunehmend zu professionalisieren, das wird ein langjähriger Prozess werden.

Ein Blick voraus. Was wäre für Sie der „Best Case“, der für die TSG sportlich wie organisatorisch eintreten könnte?

Haußmann: Das bestmögliche Szenario ist aus heutiger Sicht natürlich die Umsetzung der Vision 2025, das heißt in Kürze: die Etablierung in der Regionalliga und die Vision, die Mannschaft mittel- und langfristig in Richtung Tabellenspitze zu führen.

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