Meßstetten

Präventive Medizin und Digitalisierung: Torben Müller ist neuer Hausarzt in Meßstetten

25.05.2024

Von Jelena Marjanov

Präventive Medizin und Digitalisierung: Torben Müller ist neuer Hausarzt in Meßstetten

© Jelena Marjanov

Torben Christoph Müller hat zum 1. April die Hausarztpraxis von Dr. Theresia Napholz in Meßstetten übernommen.

Torben Christoph Müller, Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesiologie, hat zum 1. April die Hausarztpraxis von Dr. Theresia Napholz übernommen. Der 40-Jährige, der ursprünglich aus Heidelberg stammt, setzt auf sein selbst entwickeltes Konzept „Mein Landarzt“, bei dem die Digitalisierung und präventive Behandlungsmethoden eine große Rolle spielen. Unter anderem bietet er seinen Patienten die „Abnehmspritze“ an. Warum er das trotz Kritik tut, wieso es keine offene Sprechstunde gibt und was hinter „Mein Landarzt“ steckt – uns hat er es erklärt.

Seit 1. April ist Torben Christoph Müller, Facharzt für Allgemeinmedizin und Anästhesiologie, als „Landarzt“ in Meßstetten tätig. Der 40-Jährige ist der Nachfolger von Dr. Theresia Napholz – und hat der Praxis ein komplett neues Gesicht gegeben. Nicht nur, weil nun er für die Patienten da ist, sondern auch, weil er mit seiner Marke „Mein Landarzt“ ein Konzept verfolgt, das es so bisher in Meßstetten nicht gab.

„Es ist eine Health Care, keine Sick Care“

Der Albstädter, der ursprünglich aus Heidelberg kommt, setzt in seiner Praxis auf Digitalisierung und auf einen ganzheitlichen Ansatz. Sprich: Es werden nicht nur Symptome behandelt, sondern der Ursache wird auf den Grund gegangen. Dabei möchte der Arzt seinen Patienten modernste Methoden bieten. „Eigentlich ist es eine Health Care, keine Sick Care“, sagt er. Es geht also darum, Krankheiten vor ihrem Auftreten zu verhindern und unter dem Motto „gemeinsam gesund alt werden“ präventiv an einem langen, gesunden Leben zu arbeiten und nicht darum, bereits aufgetretene Erkrankungen zu „verwalten“, wie Müller erklärt. Die Präventivmedizin beginne bereits in jungen Jahren. Deshalb sei eine Früherkennung und Behandlung von Krankheiten im frühen Stadium wichtig. Sollte die Krankheit doch schon fortgeschritten sein, ist das Ziel, dass es zu möglichst wenig oder keinen Komplikationen und Rückfällen kommt.

Das alles „natürlich mit neuesten evidenzbasierten Methoden nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft“. Dabei setzt Müller auch auf alternative und präventive Verfahren – gerade, wenn es um die Psyche geht. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass es viele Wege gibt, dem Menschen zu helfen, und wer heilt, hat recht“, so der 40-Jährige. Viele Patienten seien verzweifelt, weil ihnen „niemand helfen kann, da probieren wir neue Wege“. Beispielweise mit Akupunktur oder Hypnose, die in Zusammenarbeit mit einem speziell dafür qualifizierten Kollegen erfolgen. Dieser soll ab Januar auch fest zum Praxisteam dazustoßen.

„Abnehmspritze“ im Leistungsportfolio

Doch Müller bietet auch Lifestyle-Medizin an, die „die Lebensqualität der Patienten steigern und ihre Leistungsfähigkeit verbessern soll“, wie er auf seiner Webseite schreibt. Dazu gehört die Gewichtsreduktion mit „Ozempic“ und „Wegovy“, im Volksmund besser bekannt als „Abnehmspritze“. Die Behandlung mit der „Abnehmspritze“ steht immer wieder in der Kritik, da das Medikament von Diabetikern verwendet wird. Durch den Trend, damit abzunehmen, kam es häufiger zu Lieferengpässen.

Für Müller ist klar: „Die Abnehmspritze ist für Adipositaspatienten oft die letzte Chance, um es ohne eine Magenverkleinerung zu schaffen.“ Die Spritze könne jederzeit abgesetzt werden, das Risikofenster sei dabei kleiner als bei einer Operation, bei der narkotisiert wird, sagt er. In der Regel werden Adipositaspatienten mit „Wegovy“ behandelt, das könne höher dosiert werden als „Ozempic“, das bei Menschen mit Diabetes zum Einsatz kommt.

Das Problem mit der „Abnehmspritze“

Doch Müller betont auch: „Die Spritze ist nur ein Helfer, der das Fasten erleichtert und Heißhunger ausbremst.“ Die Behandlung erfolge dabei auch wieder ganzheitlich: mit der Überwachung von Bewegung und Ernährung. Ebenso mit systematischer Auswertung der Gesundheitsdaten. Das ermögliche ein „gesundes Abnehmen“, ohne Radikal-Diät. Wer danach wieder ungesund esse und sich nicht bewege, nehme natürlich wieder zu.

Die Lieferengpässe seien ein Problem und der Hersteller Novo Nordisk halte den Markt knapp, so Müller. Denn der Pharmahandel sei ein globales Geschäft. „Die Hersteller wussten, dass das durch die Decke geht, kamen mit der Produktion aber nicht hinterher“, erklärt Müller. „Außerdem ist jetzt noch ein Patent drauf, sobald dieses erlischt, werden die Medikamente günstiger zu haben sein“, ist er sich sicher. Es gebe zwar ähnliche Produkte von anderen Herstellern, aber auch diese seien knapp.

„Pharmapolitische Sache“

Das Problem: Die Behandlung mit „Wegovy“ wird von den meisten gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen. Nur, wenn die Patienten auch an Diabetes leiden. „Ozempic“ hingegen ist häufiger auf dem Markt zu haben und zudem etwas günstiger. Es ist im Gegensatz zu „Wegovy“, das für die Behandlung von Adipositas indikationsgerecht sei, aber nur für Diabeteserkrankungen anzuwenden. Dabei steckt in beiden der gleiche Wirkstoff: Semaglutid. „Wegovy“ könnte also auch bei Diabetes-Patienten zum Einsatz kommen und andersherum, der Unterschied liegt lediglich in der Dosierung.

Eine „pharmapolitische Sache“, wie Müller sagt. Und übrigens nicht die erste: Ein Beispiel ist der Wirkstoff Sildenafil, dessen Nebenwirkung die Potenzfähigkeit bei Patienten verbesserte. Heute wird es sowohl in Viagra als auch in Revatio (zur Behandlung gegen Lungenhochdruck) verwendet.

Berufliche Stationen in der Schweiz

Doch zurück zur Praxisübernahme: „Mit der Praxis in Meßstetten haben wir den Start für ‚Mein Landarzt‘ gegeben“, sagt Müller. Er wolle nun Prozesse optimieren und das Kerngeschäft stabil zum Laufen bringen. Sobald das der Fall sei, könne er sich vorstellen, in kleinem Rahmen zu expandieren.

Der 40-Jährige war während seiner Laufbahn bereits als Oberarzt sowie Chefarzt in verschiedenen Kliniken in der Schweiz tätig. Dort habe er gesehen, dass es oft kurze Wege gebe, während Deutschland ein sehr bürokratisches Land sei. Er wünsche sich, dass auch hier Innovationen gefördert werden und diese vor Ort für die Patienten verfügbar sind. „Und nicht, dass die Patienten erst das ganze Gesundheitssystem durchreisen und mehrere Jahre auf richtige Behandlung warten müssen“, wie er sagt. Sein Wunsch sei beste und bezahlbare Medizin für alle Patienten.

Das Ziel: Versorgungsqualität auf dem Land sichern und verbessern

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland hat er die Allgemeinmedizin in einem schwäbischen medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) geleitet, was ihn unter anderem nach Bisingen und Gosheim geführt hat. Durch Zufall habe er Dr. Theresia Napholz kennengelernt und erfahren, dass sie einen Nachfolger sucht. Somit war die Idee von „Mein Landarzt“ geboren. Müller möchte damit die Versorgungsqualität auf dem Land sichern, aber auch verbessern, indem er Impulse aus seiner Zeit in der Schweiz einbringt. „Künstliche Intelligenz“ wird hoffentlich bald zum Einsatz kommen, sagt er.

Das Zwischenmenschliche könne aber nicht ersetzt werden, betont der Mediziner. Darum gibt es auch nach wie vor Mitarbeiter in seiner Praxis. Das Team von Dr. Napholz wurde übernommen und soll mit Umzug in die neuen Räume in der Heubergpassage wachsen. Der ist für Juli/August geplant, sofern das Landratsamt die Baunutzungsänderung genehmigt. Darauf warte er nun schon mehrere Monate.

Keine offene Sprechstunde

Hausbesuche werde es ebenfalls weiterhin geben, dazu sei jeder Hausarzt verpflichtet, so Müller. In seiner Praxis erfolge das aufgrund der knappen Ressourcen mit dem sogenannten VERAH-Konzept. Das sind Medizinische Fachangestellte, die eine Zusatzqualifikation abgeschlossen haben und Hausbesuche durchführen dürfen. Sollte doch ein Arzt nötig sein, könne sich Müller per Video oder Telemedizin dazuschalten. Passend dazu bietet der Mediziner Videosprechstunden für seine Patienten an, mit denen beispielsweise arbeitstätigen oder immobilen Patienten der Besuch in der Praxis vor Ort erspart werden kann.

Die Praxis, die sich aktuell noch in der Kurzen Straße in Meßstetten befindet und weitere Patienten aufnimmt, bietet keine offenen Sprechstunden, sondern ist eine Terminpraxis. Sprich: Termine werden online oder per Telefon mit einer Künstlichen Intelligenz gebucht. Das vermeide stundenlanges Warten und mindere die Infektionsgefahr. Gerade dadurch habe er genug Zeit für seine Patienten, so Müller. Doch auch wer akut an Grippe leidet, bekommt einen Termin.

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