Balingen

Mit Worten punkten: Zwei strahlende Siegerinnen beim Poetry-Slam auf der Balinger Gartenschau

16.08.2023

Von Volker Schweizer

Mit Worten punkten: Zwei strahlende Siegerinnen beim Poetry-Slam auf der Balinger Gartenschau

© Volker Schweizer

Die Teilnehmer des Poetry-Slams auf der Balinger Gartenschau.

Einen spannenden und abwechslungsreichen Poetry-Slam erlebten an einem lauen Dienstagabend zahlreiche Besucher der Balinger Gartenschau.

Ort des Geschehens war die Bühne beim Jugendhaus. Doch verfolgten mitnichten nur junge Leute den fast zweistündigen Wettstreit der Wortakrobatik, der überraschend mit zwei Siegerinnen endete. Sowohl im Publikum als auch in der spontan zusammengewürfelten Jury saßen Männlein und Weiblein vom Teenager-Alter bis zur reiferen Generation.

Selbst geschriebene Texte, ein Zeitlimit von sieben Minuten pro Vortrag, keine Verkleidung und keine sonstigen Requisiten – so lauten die Regeln bei einem Poetry-Slam. Veranstalter des Wettstreits auf der Gartenschau war die Dichterwerkstatt deluxe, die in Villingen-Schwenningen beheimatet ist. Deren erster Mann Elias Raatz führte souverän und gut gelaunt, immer mit einem (Tier-)Gedicht auf den Lippen, durch das Programm.

Heiteres und Ernsthaftes

Drei Autorinnen und ein Autor gingen an den Start. Bevor diese loslegen durften, wurde das Publikum von Daniel Wagner, einem siebenmaligen Endrundenteilnehmer bei deutschsprachigen Literaturwettbewerben, so richtig angeheizt. Kein Auge blieb trocken, als er die Schwangerschaft mit einer Kugelgrippe verglich und über Babys sprach, die WLAN seien, weil sie ohne Ende trinken wollen. Danach ließ er den „Bi-Ba-Butzemann“ tanzen und durchleuchtete mit anderen Kinderliedern die (Umwelt-)Politik. Mit einem bitterbösen Text über die Demokratie hierzulande im Kontrast zu einer Diktatur bewies Wagner zu später Stunde dann, dass er auch ernst sein kann. Zwischenapplaus brandete auf, als er die volle Breitseite gegen die AfD abfeuerte.

Von Musikern und dem Pferdeleben

In der ersten Runde des eigentlichen Poetry-Slams las Evelyn Krutsch aus Reutlingen ein Liebesgedicht vor, das keines war. Übers Googeln philosophierte der Karlsruher Stefan Unser. Er fragte sich zum Beispiel: Wie viel Wert ist unser Wissen nach 20 Jahren Schule und Studium, wenn wir doch nicht wissen können, ob unsere Biomilch wirklich Bio ist? Der Text von Tonia Krupinski aus Tübingen trug den Titel „Schneehäschen“ und handelte von einem jungen Musiker, der unter seinem gewalttätigen Vater leidet und nach Berlin geht. Dort gerät er allerdings mit der Drogenszene in Kontakt. Die junge Poetin Fine Degen aus Basel berichtete über ihre abstoßenden Erfahrungen beim Reitunterricht. Denn für die Tiere sei es wohl alles andere als schön, als unter dem Hinterteil einen Menschen leben zu müssen.

Kritische Abrechnung mit dem Zustand der Welt

Dem Publikum gefiel der Vortrag von Tonia Krupinski am besten, sie bekam die meisten Punkte von der Jury. Um ins Finale zu kommen, legten sich die anderen Wettstreiter ein weiteres Mal mächtig ins Zeug. Evelyn Krutsch ließ in ihre russischen Wurzeln blicken, Stefan Unser machte aus Problemen Problemchen und Fine Degen überraschte mit ihrer „Flüsterpost“ der Klasse 6b, die zur kritischen Abrechnung mit dem Zustand der Welt geriet.

Ein weiteres Mal war das Urteil der Gäste gefragt. In der Endrunde standen sich schließlich Tonia Krupinski und Fine Degen gegenüber. Krupinski versuchte mit ihrem Text „Konfetti im Haar“ zu punkten, Degen mit ihrer Schilderung über ein „Date im Dezember“. Eigentlich sollte dann der Applaus über den ersten Platz entscheiden. Doch das Auditorium feierte beide Protagonisten gleichermaßen. Am Ende gab es also zwei strahlend Gewinnerinnen und ein glückliches Publikum, das sich wohl noch lange an diesen besonderen Abend der Poesie, des Kabarett und der Lesung zurückerinnern wird.

Diesen Artikel teilen: