Balingen

Mit 3D-Technologie kleinste Tumore aufspüren: Zollernalb-Klinikum setzt auf Tomosynthese

06.03.2024

Von Jasmin Alber

Mit 3D-Technologie kleinste Tumore aufspüren: Zollernalb-Klinikum setzt auf Tomosynthese

© Jasmin Alber

Prof. Dr. Michael Bitzer, Chefarzt der Radiologie am Zollernalb-Klinikum, erklärt, wie das neue Gerät zur Tomosynthese-Diagnostik funktioniert. Der Arm schwenkt im 50-Grad-Winkel über die Brust für eine 3D-Aufnahme.

Jede achte Frau erkrankt der Statistik zufolge im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. Umso wichtiger ist die Früherkennung. Im Zollernalb-Klinikum ist seit wenigen Tagen ein neues Gerät in Betrieb. Genutzt wird dabei die neueste Technologie, die Tomosynthese. Das Ärzte-Team erklärt, wie dieses funktioniert, welche Vorteile es bietet und was der Unterschied zur herkömmlichen Mammografie ist.

Seit dieser Woche ist das neue Tomosynthese-Gerät am Balinger Klinikstandort in Betrieb. Die ersten Patientinnen wurden damit schon untersucht. Das sei „ein erheblicher Fortschritt“ in der Brustkrebsfrüherkennung, attestiert Prof. Dr. Michael Bitzer, Chefarzt der Radiologie und ärztlicher Direktor. Er erklärt die Funktionsweise. Die Grundlage der Brustkrebsfrüherkennung sei seit etwa 50 Jahren die Mammographie. Die zugehörige Technik habe sich stetig verbessert, seit 10 Jahren erstelle man damit volldigitale Aufnahmen. Die Tomosynthese erzeugt im Gegensatz zur herkömmlichen digitalen Mammographie (2D) eine Serie von Schichtaufnahmen, die eine dreidimensionale Darstellung der Brust ermöglicht.

Dazu schwenkt das – alles sehr vereinfacht gesagt – „Aufnahmegerät“ in einem 50-Grad-Winkel über die Brust. Aus dem dadurch erzeugten 3D-Datensatz (ähnlich einem Film) können einzelne 2D-Schichtbilder errechnet werden, „damit wir besser in die Brust reinschauen können“, erläutert der Chefarzt.

Die Kompression der Brust, also der Druck mit einer Kunststoffschale auf die Brust, sei aber wie bei der Mammographie notwendig – für eine genauere Bildgebung und weniger Strahlenbelastung, nennt Prof. Bitzer die Gründe. „Die Patientinnen empfinden den Druck aber nicht als unangenehm.“ Die Tomosynthese dauere insgesamt nur wenige Sekunden.

Bis zu 40 Prozent bessere Diagnostik

Der Vorteil der neuen Technologie: Auf den Schichtbildern werden auch kleine Tumore erkennbar. In Zahlen: Mittels Tomosynthese könne, insbesondere bei einer dichten Brust, bis zu 40 Prozent besser diagnostiziert werden, so Bitzer, der anfügt: Die neue Technologie soll die bisherigen Früherkennungsmethoden nicht ersetzen, aber ergänzen. Denn außer Mammographie und Tomosynthese gebe es weitere wichtige Verfahren in der Früherkennung – Ultraschall, der laut Bitzer „eine hohe Bedeutung bei der Brustkrebserkennung hat“, die ultraschallgestützte Biopsie und als vierten Pfeiler die Kernspintomographie, wenn es darum geht, nach einer Diagnose festzulegen, wie man operiert und ebenso für die Nachsorge.

Auf Grundlage der Gesamtinformation aus den Diagnostikmöglichkeiten wird bei einem positiven Befund eine sogenannte Tumorkonferenz einberufen, in der die Mediziner die interdisziplinäre Behandlung festlegen.

Mit 3D-Technologie kleinste Tumore aufspüren: Zollernalb-Klinikum setzt auf Tomosynthese

© Jasmin Alber

Prof. Dr. Michael Bitzer zeigt an einem anonymisierten Beispiel, wie die 3D- und 2D-Aufnahmen der Tomosynthese am Bildschirm aussehen.

Das neue Gerät biete „eine wichtige Neuerung in Diagnostik und Therapie“, fasst Prof. Bitzer zusammen. Denn: „Beides ist uns im Zollernalb-Klinikum wichtig, und wir wollen beides auf einem hohen Niveau halten“, betont er. Dr. Heidrun Moron, Oberärztin Radiologie, und Dr. Julia Klenske, Chefärztin Gynäkologie und Geburtshilfe, pflichten ihm bei. „Es ist wichtig, dass Diagnostik und Therapie Hand in Hand arbeiten“, so Dr. Klenske. Das gelte gleichermaßen auch bei der Nachsorge und für ergänzende Untersuchungen, mit denen festgestellt werden soll, ob es möglicherweise Metastasen gibt. Wichtig ist der Chefärztin zu betonen: „Es gibt für jede Patientin persönliche und individuelle Behandlungspläne.“

„Es braucht Verständnis und Empathie“

Zeit ist ein Faktor, der bei der Brustkrebsfrüherkennung eine Rolle spielt. Dr. Klenske erklärt: Wenn eine Patientin selbst oder deren Hausarzt oder Gynäkologe beispielsweise durch Abtasten einen Knoten entdeckt haben, geht es schnell: Innerhalb von 24 Stunden wird die Patientin in der Klinik untersucht, denn „es gibt nichts Schlimmeres als diese Wartezeit“. Wenn die Untersuchung im Krankenhaus ohne Befund ausfällt, beruhige man die Frau durch das zügige Ergebnis. Wenn es Anlass zur weiteren Diagnostik gibt, findet diese am Zollernalb-Klinikum innerhalb von 48 Stunden statt – aus denselben Gründen.

Mit 3D-Technologie kleinste Tumore aufspüren: Zollernalb-Klinikum setzt auf Tomosynthese

© Jasmin Alber

Das Team (von links): Sabine Barrera (Breast Care Nurse), Oberärztin Marija R. Radunovic, Novka Knezevic (Röntgenabteilung), Oberärztin Dr. Heidrun Moron, Chefärztin Dr. Julia Klenske, Priska Hauth (Leiterin der Röntgenabteilung), Petra Katulic (Röntgenabteilung) und der ärztliche Direktor und Chefarzt Prof. Dr. Michael Bitzer.

Der andere wichtige Faktor, den die Chefärztin hervorhebt: „Es braucht Verständnis und Empathie.“ Nicht nur die als Breast Care Nurse spezialisierte Gesundheits- und Krankenpflegerin Sabine Barrera, sondern alle Ärzte und Pflegekräfte haben dies verinnerlicht. Denn, so weiß Dr. Julia Klenske aus ihrer langjährigen Berufserfahrung, Patientinnen sind nach der Diagnose Brustkrebs nicht nur oft traurig, sondern reagieren in vielen Fällen wütend, sowohl auf die Krankheit als auch auf die Situation. Es gelte grundsätzlich, viele Gespräche mit den Patienten und Angehörigen zu führen.

Bedeutung der Früherkennung: Fallzahlen steigen, Sterblichkeit sinkt

Die Notwendigkeit und besondere Bedeutung der Früherkennung macht die Tatsache deutlich, dass laut Statistik jede achte Frau in ihrem Leben an Brustkrebs erkrankt, schildert Dr. Klenske. „Brustkrebs ist eine hochrelevante Krankheit“, ergänzt Prof. Bitzer, es sei die häufigste Todesursache von Frauen zwischen 35 und 55 Jahren. Wenn jedoch schon kleinere Tumore festgestellt werden (können), könne die Behandlung erfolgen, bevor sie streuen. Das bedeute, dass die Fallzahlen zwar steigen, die Sterblichkeit aber sinke, schlussfolgert er.

„Die Detektionsrate ist schon sehr hoch und wird jetzt noch mal besser“, sagt Prof. Bitzer über die Tomosynthese-Diagnostik: 90 Prozent der Tumore können mit Mammographie und Ultraschalluntersuchung festgestellt werden, es gebe aber einen gewissen Prozentsatz, der nicht entdeckt wird. Eine 100-Prozent-Quote gebe es zwar nie, „aber wir kommen näher ran“. Denn obwohl Brustkrebs häufig vorkommt, könne diese Krebsart früh erkannt werden, sei gut therapierbar und häufig heilbar. „Brustkrebs ist in der Onkologie so gut erforscht wie keine andere Krebsart“, hält Dr. Julia Klenske fest. Und das, obwohl es laut Prof. Bitzer „eigentlich kein anderes Organ gibt, das von Mensch zu Mensch so unterschiedlich ist wie die Brust“.

Keine andere Behandlung als an Unikliniken

Chefärztin Klenske hebt zudem hervor: „Was die Therapie betrifft, können wir im Zollernalb-Klinikum alles anbieten.“ Diese sei auch nicht anders als beispielsweise an einer Uniklinik, denn deutschlandweit gebe es einheitliche Leitlinien und Standards für die Brustkrebsbehandlung. Auch die Teilnahme an klinischen Studien sei im Zollernalb-Klinikum möglich. Nur in einigen Fällen, zum Beispiel, wenn die Brustkrebspatientin schwanger ist oder eine extrem seltene Krebsform hat, sei eine Behandlung an Unikliniken notwendig.

Tomosynthese auch Teil des Therapiemonitorings

Wie eingangs erwähnt, dient die Tomosynthese – das Gerät liegt bei den Kosten übrigens in der Größenordnung von rund 200.000 Euro – nicht nur zur Erkennung von Tumoren, sondern wird auch beim Therapiemonitoring eingesetzt. Sprich: Mit dem exakten Verfahren könne kontrolliert werden, wie sich die Größe der Tumore im Rahmen der Behandlung verändert. Denn die Systemtherapie, also Chemo-, Immun- und/oder Antikörpertherapie, ersetze bei vielen Brustkrebspatientinnen die Operation, ergänzt Dr. Klenske. Wenn beim Monitoring festgestellt wird, dass sich die Tumore nicht verkleinern oder gar wachsen, werde geprüft, ob eine andere Therapie oder gegebenenfalls doch eine OP infrage kommt.

Im besten Fall mache man aber Therapieerfolge sichtbar. „Manche Tumore sieht man förmlich dahinschmelzen“, sagt Prof. Bitzer zu den Tomosyntheseaufnahmen im Verlauf der Systemtherapie.

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