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Dormettingen

Landfrauen kritisieren Volksbegehren und stellen klar: „Wir sind alle für Artenschutz“

10.10.2019

Von Daniel Seeburger

Landfrauen kritisieren Volksbegehren und stellen klar: „Wir sind alle für Artenschutz“

© Daniel Seeburger

Die Landfrauen machen mobil gegen das Volksbegehren "Rettet die Biene".

Das angestrebte Volksbegehren zur Artenvielfalt „Rettet die Bienen“ bekommt auch im Zollernalbkreis Gegenwind. An vorderster Front: die Landfrauen. Sie trafen sich am Mittwochabend auf dem Lindenhof in Dormettingen.

Kritik an dem Volksbegehren kommt zwischenzeitlich nicht nur von den Höfen, die konventionelle Landwirtschaft betreiben. Auch Politiker der Grünen und der größte Öko-Anbauverband in Baden Württemberg, Bioland, sowie Ministerpräsident Winfried Kretschmann haben sich gegen die Initiative in Position gebracht.

700.000 Unterschriften wollen die Initiatoren des Volksbegehrens bis zum März 2020 sammeln. Gefordert wird unter anderem, dass das Land Baden-Württemberg sich für den Artenschutz einsetzen soll, landwirtschaftliche Betriebe zu Bio-Betrieben umgewandelt und der Pestizideinsatz auf den landwirtschaftlichen Flächen bis 2025 halbiert wird. Unterstützt wird das Volksbegehren unter anderem vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND).

Im Zollernalbkreis wären zahlreiche Landwirte betroffen, wenn das Volksbegehren erfolgreich wäre. Dass dadurch Artenschutz nicht forciert wird, sei den meisten Unterzeichnern nicht bewusst, erklärt Heike Schäfer von den Landfrauen.

Fatal für die Feldwachtel im Balinger Tal

Ein Beispiel dafür sind Karin und Ulrich Steimle vom Lindenhof in Dormettingen. Zu ihren bewirtschafteten Flächen gehören beispielsweise 35 Hektar Ackerfläche im Balinger Tal. Davon seien 30 Hektar Vogelschutzgebiet und fünf Hektar FFH-Schutzgebiet. „Dort wäre kein Pflanzenschutz mehr möglich“, sagt Karin Steimle.

Da sie auf diesen Flächen dann weder Weizen noch Dinkel anbauen würden, weil durch Pilzkrankheiten die Qualitätsanforderungen nicht mehr erfüllt werden könnten, würden diese Flächen zukünftig zur Energieproduktion genutzt werden – anstatt Getreide würden dort fortan Kleegras und Getreidepflanzensilage angepflanzt.

Für die Feldwachtel, die im Balinger Tal zuhause ist, wäre es fatal, wenn zur Regulierung des Unkrauts nicht mehr Pflanzenschutzmittel ausgebracht wird, sondern der Acker gestriegelt oder gehackt würde. „Da die Feldwachteln Bodenbrüter sind, wäre die Folge davon, dass alle Nester zerstört werden“, erklärt die Dormettinger Landwirtin.

Große Flächen werden extensiv genutzt

Heike Schäfer aus Ratshausen, die mit ihrem Mann eine Mutterkuhhaltung hat mit zahlreichen Wiesen und Weiden, weist auf die landwirtschaftlichen Strukturen im Zollernalbkreis hin. 34.000 Hektar Fläche werden landwirtschaftlich genutzt. Davon sind 64 Prozent Grünland und 23 Prozent Getreideäcker. Dazu kommen Mais, Ölsaaten, Eiweißpflanzen und Ackerfutter. Ein großer Teil der Fläche wird extensiv über Rinder, Pferde, Schafe oder Heuverkauf bewirtschaftet.

Auf rund 440 Hektar der landwirtschaftlichen Fläche wurden im Jahr 2018 Blühmischungen ausgebracht – gerade auch zum Schutz der Bienen und anderer Insekten. Auf 3.500 Hektar Fläche sind FFH-Mähwiesen und Biotope ausgewiesen. Auf 3.300 Hektar wird komplett auf chemisch-synthetische Mittel im Pflanzenschutz verzichtet. 5.500 Hektar werden dem Ökolandbau zugerechnet.

Wohin mit der Biomilch

Luise Lohrmann, die zusammen mit ihrem Ehemann einen Milchviehbetrieb in Heiligenzimmern betreibt, umreißt die Situation, die eine Zwangsumstellung auf Bio-Landwirtschaft hätte. „Dann wären unsere Betriebe herrenlos“, sagt sie. Im Zollernalbkreis gebe es keinen Betrieb, der die so produzierte Milch aufnehmen und verarbeiten darf.

„Wir stehen auf für unsere Familien“, sagt Heike Schäfer. Sie sieht die gesamte landwirtschaftliche Struktur im Zollernalbkreis in Gefahr. Die Kulturlandschaft sei nicht vom Himmel gefallen, sondern in Jahrhunderten von der Landwirtschaft geprägt worden. „Der Zollernalbkreis ist für mich Biodiversität in Perfektion“, erklärt die Landwirtin.

Zwischenfrüchte als CO2-Killer

Ein Beitrag zu dieser Biodiversität sieht Luise Lohrmann im Anbau von Zwischenfrüchten. Wenn diese in den Boden eingearbeitet werden, sei das gut für die Kohlenstoffanreicherung im Humus und die Vielfalt von Kleinstlebewesen. „Wir bringen Energie in den Boden, das ist eine natürliche Düngung“, erklärt sie, und obendrein eine Weide für Bienen. Zudem bindet Humus CO2 aus der Luft.

„Wir wirtschaften nicht in den Tag hinein“, erklärt Sybille Karsch, die mit ihrem Mann einen Hof mit 70 Muttersauen und einer Erdbeerkultur betreibt. „Wäre der Markt bereit für 50 Prozent Bio?“, fragt sie. Der Anteil der Bio-Produkte beim Einzelhandel liegt bei knapp zehn Prozent.

Sybille Karsch verwies auf die Sorgfalt, mit der Pflanzenschutzmittel angewendet werden. „Wir können damit nicht das Paradies herspritzen“, sagt sie. Gleichzeitig könnten Pflanzen, die ihre Frucht nicht versorgen können, keine gesunden Früchte bringen. Deshalb sei ein Schutz der Pflanzen wichtig. Sie nannte als Beispiel ihre Erdbeerplantage. „Die Leute, die das Volksbegehren unterschreiben, dürfen gerne zu mir kommen und Queckenwurzeln hacken“, sagt sie.

Waltraud Kostanzer, auf deren Hof in Bisingen das Futter für die Milchkühe selbst angebaut wird, ist sich sicher: „Wenn die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln nicht mehr möglich ist, dann gibt es kein Obst von Bodensee mehr“. Der Weinanbau in Rhein- und Neckartal sei zudem gefährdet.

Öko- und konventionelle Landwirtschaft arbeiten gut zusammen

Heike Schäfer betont die gute Zusammenarbeit von Bio- und konventioneller Landwirtschaft. „Es gibt zwei Märkte und zwei verschiedene Arten von Landwirtschaft, die diese Märkte bedienen“. Für sie ist klar: „Wir sind alle für Artenschutz und auch wir sehen den Insektenschwund, aber wir Landwirte sind nicht alleine dafür verantwortlich“. Sie verweist auf die Zersiedelung der Flächen. Schon im eigenen Garten könne man etwas dafür tun.

Als wichtiger Beitrag für den Schutz der Umwelt ist für sie der Kauf von regionalen Produkten. „Damit leistet jeder Verbraucher einen Beitrag zum Artenschutz.“

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