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Balingen/Winterlingen

Kommentar zur Gedenkkultur: Balinger Gemeinderat sollte sein Schweigen und Aussitzen beenden

18.10.2019

Von Klaus Irion

Kommentar zur Gedenkkultur: Balinger Gemeinderat sollte sein Schweigen und Aussitzen beenden

© Klaus Irion

Im Erdgeschoss dieses vor einigen Jahren abgerissenen Hauses in der Balinger Ebertstraße, zur NS-Zeit Adolf-Hitler-Straße, hatte der jüdische Arzt Dr. Alexander Bloch seine Praxis.

Hut ab, Winterlinger Gemeinderat. Das Gremium hat dieser Tage beschlossen, einen Stolperstein für ihre während der NS-Herrschaft geflohene und später wohl von den Nazis ermordete jüdische Mitbürgerin Selma Burkart setzen zu lassen. Diese Geste sollte sich der Balinger Gemeinderat zu eigen machen und endlich in Sachen Gedenken an die Vertreibung der Balinger Juden ein sichtbares Zeichen setzen.

Es ist nicht die Balinger Stadtverwaltung, die sich beharrlich weigert, sich der braunen Vergangenheit Balingens zu stellen. Einer Vergangenheit, die in der Stadt an der Eyach schon in den Jahren vor 1933 sichtbarer und hässlicher zutage getreten war, als in vielen anderen Städten und Gemeinden auf der Zollernalb.

Gemeinderatsvorschläge Fehlanzeige

Es ist vielmehr der Gemeinderat, der mit Ausnahme von Grünen-Stadtrat Peter Seifert bislang immer nur dann reagiert hat, wenn Anstöße, in dauerhaft sichtbarer Form zu gedenken, von außen ans Gremium herangetragen wurden und nach wie vor herangetragen werden. Vorschläge aus dem Gremium heraus: Fehlanzeige.

Ideen immer von außen

Oder stünden die drei Stelen, die in Frommern, Engstlatt und Erzingen an das Grauen des Unternehmens Wüste samt seiner Konzentrationslager erinnern, heute an Ort und Stelle, wenn nicht der Arbeitskreis Wüste und allen voran der damalige Stadtarchivar Dr. Hans Schimpf-Reinhardt diese Idee geboren hätten?

Dank gilt den Archivaren

Die Stadt kann sich glücklich schätzen, mit Dr. Yvonne Arras eine Nachfolgerin von Schimpf-Reinhardt zu haben, die sich in gleichem Maße für die Aufarbeitung der lokalen NS-Geschichte einsetzt. Jüngstes Beispiel ist das aktuelle Großprojekt zur Zwangsarbeit in Balingen während der NS-Herrschaft, erneut in Kooperation mit dem verdienstvollen Arbeitskreis Wüste. Auch die Erinnerungsarbeit des Kreisarchivars Dr. Andreas Zekorn darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.

Nicht alle schätzen Stolpersteine

Natürlich lässt sich über die Form des richtigen symbolischen Gedenkens trefflich diskutieren. Und man muss speziell die Idee von Stolpersteinen für den in den 1930er-Jahren aus der Stadt geekelten, zuvor noch hoch angesehenen Arzt, Dr. Alexander Bloch, und für die gerade noch rechtzeitig in die USA geflüchtete Familie Schatzki (Inhaber der danach arisierten Trikotfabrik Baltrik) nicht gutheißen. Auch innerhalb der jüdischen Gemeinden in Deutschland findet diese Form des Gedenkens nicht nur Anhänger, weil einige Gemeindemitglieder nicht möchten, dass im übertragenen Sinn wieder auf Juden herumgetrampelt wird.

Brückenschlag ins Jetzt

Vielmehr sollte es im Balinger Gemeinderat darum gehen, überhaupt erst einmal übereinzukommen, dass an die Hetze und Angriffe, denen die jüdischen Balinger ausgesetzt waren, und schließlich auch an deren Flucht, sichtbar erinnert wird. Um dadurch diese Grausamkeiten – gerade angesichts des sich heute wieder verstärkenden Antisemitismus´ – dauerhaft ins Gedächtnis der jungen und der alten Balinger zu rufen.

Auch Hindenburg thematisieren

Der ZAK hat in den vergangenen Jahren mehrfach über die Schicksale des Dr. Bloch und der Familie Schatzki berichtet. Die Stadträte haben dazu, zumindest öffentlich, stets geschwiegen. Auch der Diskussion hat sich das Gremium verweigert, ob die Hindenburgstraße, wenn schon nicht umbenannt, so doch wenigstens mit einem kritischen Straßenschild-Vermerk über den Namensgeber, den mehr als umstrittenen letzten Reichspräsidenten der Weimarer Republik, versehen werden sollte.

Das Schweigen muss enden

Die Zeit des Schweigens und Aussitzens im Balinger Gmeinderat muss enden. Wenn es hierfür noch eines Beweises bedurft hätte, dann war es der offensichtlich rechtsextrem motivierte Doppelmord von Halle. Genau darauf haben sich auch die Winterlinger Gemeinderäte bezogen, als sie einstimmig (!) entschieden haben, ein Stolperstein zum Gedenken an Selma Burkart setzen zu lassen. Sie sind mit gutem Beispiel vorangegangen, die Balinger Stadträte sollten mit einem eben so guten Beispiel folgen.

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