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Gammertingen

Jubiläum: Die IFFS in Sigmaringen ist der Ort, wo man seit 50 Jahren kleine Wunder fördert

10.10.2019

von Alina Veit

Jubiläum: Die IFFS in Sigmaringen ist der Ort, wo man seit 50 Jahren kleine Wunder fördert

© Christoph Rosenhagen

Julian ist mit drei Jahren in der Interdisziplinären Frühförderstelle (IFFS): Hier soll das Kind sein eigenes Potential erkennen. Foto: Christoph Rosenhagen

Die Interdisziplinäre Frühförderstelle – abgekürzt IFFS – in Sigmaringen feiert heute ihr 50-jähriges Bestehen. gehört zu den Mariaberger Heimen in Gammertingen. Seit einem halben Jahrhundert steht die Arbeit mit Kindern mit Entwicklungsverzögerungen im Mittelpunkt. Die Mariaberger IFFS-Angebote sind mit die ältesten in Baden-Württemberg. Einblick in den Alltag.

Der kleine Jannis (fünf Jahre alt) backt konzentriert blaue Knetwaffeln. Sein Zwillingsbruder Julian formt die Knete zu kleinen, exakten Quadern. Wie blaue Zuckerwürfel sehen sie aus. Gudrun Scheuerle probiert eine Waffel: „Lecker! Aber es fehlt noch Marmelade“, sagt die Frühförderin. Jannis kreischt vor Freude und streckt den Löffel mit dem Waffelstück auch seiner Mutter Nicole Kugler entgegen.

Zwei Extremfrühchen

Julian klettert derweil die Sprossenwand im Pädagogikraum der Interdisziplinären Frühförderstelle in Sigmaringen hoch und runter, setzt sich eine rote Plastikkiste wie einen Ritterhelm auf den Kopf und linst schelmisch darunter hervor. Jannis ist eher der Beobachter und seinem Bruder körperlich unterlegen, aber die beiden Zwillinge spielen lebhaft miteinander und probieren die Spielsachen aus. Das hätte alles aber auch ganz anders sein können, denn Julian und Jannis sind Extremfrühchen.

Nur 640 und 650 Gramm schwer

Eine Schwangerschaft wie aus dem Lehrbuch dauert 40 Wochen; die Zwillinge der Familie Kugler kamen 2014 nach nur 23 Schwangerschaftswochen auf die Welt. 650 Gramm wog Julian dabei, Jannis nur 640. „Das kann man sich gar nicht vorstellen. Wie Vogeljunge sahen sie aus, so rot und zerbrechlich. Einer von ihnen passte auf meine ausgestreckte Hand“, erzählt Nicole Kugler. Ihre ersten Lebenswochen verbrachten sie im Inkubator, dem sogenannten Brutkasten, wie es im Volksmund heißt. Eine enorme Belastungssituation nicht nur für die Kinder, auch für die Eltern.

Jedes zehnte Kind ist ein Frühchen

Jedes zehnte Kind wird in Deutschland vor der 36. Schwangerschaftswoche geboren, ist also ein Frühchen. Im Extremfall der Kuglerzwillinge hatte ihr Start ins Leben massive Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Die beiden sind stark entwicklungsverzögert: Mit fünf Jahren sind sie kognitiv etwa auf dem Stand von Dreijährigen, haben Schwierigkeiten mit dem Ausdrucksvermögen und den Bewegungsabläufen. „Gleichzeitig sind die beiden sehr verschieden. Jannis ist schon immer eher ruhiger, Julian aktiv. Das hat sich auch stark in ihrer Motorik gezeigt“, erklärt Scheuerle.

Jubiläum: Die IFFS in Sigmaringen ist der Ort, wo man seit 50 Jahren kleine Wunder fördert

© Alina Veit

Die fünfjährigen Zwillinge Jannis (links) und Julian erkunden den Pädagogik-Raum der IFFS in Sigmaringen.

Jannis Muskeltonus ist hypoton: Seine Muskeln sind zu schlaff, um ihn beim Stehen zu tragen. Laufen kann er nur mit einer kleinen Gehhilfe, bei der er sich auf die Unterarme stützen kann. So kompliziert, wie ihr Start ins Leben auch war, hätten sie jetzt allerdings auch körperlich und geistig schwerstbehindert sein können, so Nicole Kugler. Das Sozialpädiatrische Zentrum in Ravensburg empfahl ihr, mit ihren Söhnen zur Interdisziplinären Frühförderstelle zu gehen. „Man wird als Mama und Papa ja am Anfang einfach ins kalte Wasser geschmissen, und ist auch einfach total hilflos mit solchen Frühchen.“ Gudrun Scheuerle hat ihr Halt gegeben, ihr aufgezeigt, wie es weitergehen kann, erzählt Kugler.

Kinder lernen zunächst über die Motorik

Die Unterstützung der Eltern ist ein wichtiger Kern ihrer heilpädagogischen Arbeit, so Gudrun Scheuerle: „Kinder lernen zunächst über die Motorik. Die Kinder sollen Erfahrungen mit sich selbst und ihrem Körper auf unterschiedlichste Art und Weise machen können. Dies regen wir spielerisch an und machen unsere Arbeit den Eltern transparent, damit diese verstehen, welche Entwicklungsschritte auf einander aufbauen und zu Hause selbst aktiv unterstützen können.“

Mariaberger Verein als diakonischer Träger

Ulrike Bockmaier ist die Leiterin der Interdisziplinären Frühförderstelle (IFFS) in Sigmaringen. Die Einrichtung wird von dem diakonischen Träger Mariaberg e. V. aus Gammertingen betrieben. In Ulrike Bockmaiers Büro in der Antonstraße hängen bunte Bilder, von Kinderhänden gemalt, und der Einsatzplan ihres Teams. Die IFFS deckt Heilpädagogik, Logopädie, Ergo- und Physiotherapie ab. Frühförderung ist Teamwork, erklärt Bockmaier: „Wir brauchen die Eltern mit im Boot.“

Kinder sollen Freude am Tun entwickeln

Mit dem gemeinsamen Knowhow kann die IFFS förderungsbedürftigen Kindern eine umfassende Komplexleistung anbieten: „Es soll eine drohende Behinderung verhindert oder eine manifeste gemildert werden.“ Die Toolbox für eine Frühförderung? „Da können Sie sich eine große Kiste mit Spielzeug vorstellen!“, so Bockmaier. Denn spielerisch und mit viel Fingerspitzengefühl bekommen die Mitarbeitenden der IFFS Zugang zu den ganz Kleinen. Dabei gibt es keine Anleitung. Das allgemeine Ziel ist aber, „dass das Kind Lust und Freude am aktiven Tun entwickelt und so lernt. Wir überlegen dann: Wie schaffen wir es, das Kind zu motivieren, die nächsten Entwicklungsschritte zu machen?“ Das geht manchmal buchstäblich in Babyschrittchen voran: Lernen, zu greifen und einen Gegenstand festzuhalten, sich selbst auf den Bauch zu drehen, zu krabbeln, sich aufzurichten und so weiter.

Jedes Kind hat sein eigenes Tempo

Die Maßnahmen erfolgen vor Ort im Haus der Sozialen Dienste, aber auch zuhause oder im Kindergarten. Jedes Kind entwickelt sich in seinem eigenen Tempo. Sind aber im Vergleich zu Gleichaltrigen Entwicklungsrückstände auszumachen oder die Geburtsumstände wie bei den Kuglerzwillingen erschwert, ist die Kontaktaufnahme zu einer Frühförderstelle empfohlen. Dabei vermitteln meist die Kinderärzte, Kinderkliniken, Sozialpädiatrischen Zentren oder Kindergärten. Je früher die Eltern die Förderung in Anspruch nehmen, desto besser: In den Entwicklungsphasen der frühen Kindheit kann noch vieles beeinflusst werden. Die Maßnahmen sind für Eltern kostenlos, da das Landratsamt, Krankenkassen und das Land sie unterstützen.

Sichtlich gerührt nach zwei Jahren

Es ist das erste Mal nach zwei Jahren, dass sich Scheuerle und die Kuglers wiedersehen. Die Frauen halten sich zur Begrüßung an den Händen, sichtlich gerührt. „Es ist einfach ganz toll, was aus den beiden geworden ist“, so Scheuerle. Das machte die Förderung durch die IFFS genauso möglich wie die konsequente Fürsorge ihrer Mutter und der ganzen Familie. Noch heute haben die Fünfjährigen wöchentlich zahlreiche Therapietermine. „Das ist für mich ein Vollzeit-Job“, sagt Kugler.

Mit Frustrationen fertig werden

Seit zwei Jahren gehen die Zwillinge in den Schulkindergarten, wo an die Maßnahmen der IFFS angeknüpft wird. Gerade am Anfang belastete Kugler der Vergleich mit Bekannten: „Als Mutter von entwicklungsverzögerten Kindern ist dieses: ‚Mein Kind kann dies, und mein Kind kann schon das‘ enorm schwierig.“ Scheuerle nickt: „Diese Sorgen und Frustrationen erleben alle Eltern in dieser Lage. Sie müssen damit fertig werden, dass ihr Kind anders ist.

Heute Festakt in Sigmaringen

Dieses Phänomen aufzufangen, darüber zu sprechen und die Eltern emotional abzuholen, ist uns besonders wichtig.“ Kugler erinnert sich gerne an die Frühförderzeit zurück: „Für mich als Mutter war es schön, jemanden zu haben, der hinter mir und hinter meinen Kindern steht und sagen kann: Deine Kinder sind toll, und sie können noch mehr.“

Mit die Ältesten im Lande

Die Mariaberger Angebote der interdisziplinären Frühförderung sind mit die ältesten in Baden-Württemberg und wurden bereits 1969 auf den Weg gebracht. Heute feiert die IFFS mit einem Festakt in Sigmaringen Jubiläum, den 50. Geburtstag.

Info Detailinformationen über den Verein Mariaberg und dessen Arbeit vermittelt die Broschüre „Wir in Mariaberg“. Diese kann man downloaden auf mariaberg.de.

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