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Balingen

Jakobushaus-Leiterin im Interview: „Wohnungslose Menschen können nur schwer zu Hause bleiben“

15.04.2020

Von Pascal Tonnemacher

Jakobushaus-Leiterin im Interview: „Wohnungslose Menschen können nur schwer zu Hause bleiben“

© Maya Maser

Stefanie Balbach, hier auf einem Foto aus dem Januar 2017 zu sehen, leitet schon einige Jahre das Jakobushaus der Caritas in Balingen.

Die Coronakrise trifft die Ärmsten der Gesellschaft besonders stark. Dazu gehören auch Wohnunglose. Das Jakobushaus der Caritas in Balingen ist ihre Anlaufstelle für Hilfe im Zollernalbkreis. Leiterin Stefanie Balbach berichtet im Interview aus ihrem Alltag und von den besonderen Problemen während der Epidemie.

Seit fünf Jahren arbeitet Stefanie Balbach im Jakobushaus in Balingen. Seit Dezember 2015 leitet sie das Caritas-Zentrum für Wohnungslose im Zollernalbkreis. Hier bieten Balbach und ihre Kollegen konkrete Schritte und kompetente Lösungen für Menschen in Not und schwierigen Lebenslagen. Auch während der Coronakrise soll es so „normal wie möglich“ weitergehen. Im ZAK-Interview spricht Balbach über die aktuelle Situation, die auch eine erfahrene Sozialarbeiterin, aber allen voran Wohnungslose fordert.

Was bedeutet die aktuelle Situation für Sie, Ihre Mitarbeiter und Wohnungslose?

Stefanie Balbach: Ich kann hier nur für mich sprechen. Ich mache mir sehr viel mehr Sorgen um die Klienten und auch um mein Team. Keiner weiß, wie lange diese Ausnahmesituation anhält und was noch auf uns zukommt. Momentan ist die Stimmung hier noch gut. Doch das kann jederzeit kippen. Wir bemühen uns und ich glaube, es gelingt uns auch sehr gut, positiv zu bleiben und mit unseren Möglichkeiten und Ressourcen das Beste aus der Situation und für unsere Klienten zu machen. Dank unserer Tagesstätte und dem großen Außengelände können wir wichtige Beratungen noch durchführen. Alles andere wird per Telefon oder E-Mail erledigt. Und doch schwirrt auch hier die Corona-Pandemie immer über unserer Arbeit. Wie können wir unsere Bewohner und Klienten gut für dieses Thema sensibilisieren, wie können wir Risikogruppen schützen? Das sind nur zwei der vielen Fragen, die uns beschäftigen.

Worin sehen Sie derzeit die besondere Gefahr für Wohnungslose?

Wohnungslose Menschen können nur schwer dem Aufruf folgen, daheim zu bleiben. Entweder haben Sie überhaupt keine Möglichkeit oder aber die Unterbringung ist prekär. Häufig sind viele Menschen auf engem Raum und können sich nur schwer aus dem Weg gehen. Dies kann zu Krisen führen. Ihre vor allem schon wenigen sozialen Kontakte brechen weg und eventuell werden bestimmte Personengruppen noch weiter an den Rand der Gesellschaft geschoben.

Welche außergewöhnlichen Probleme tun sich aktuell auf?

Viele Dinge des täglichen Lebens fallen für Wohnungslose weg. Sichere Räume können nicht öffnen, tagesstrukturierende Maßnahmen wie beispielsweise der Verkauf von Straßenzeitungen oder Arbeitsgelegenheiten fallen weg oder sind nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Uns erreichen momentan auch abends und am Wochenende Anfragen beispielsweise für Lebensmittel. Dies kommt zu anderen Zeiten kaum vor. Auch an die Abstands- und Hygieneregeln müssen wir immer wieder erinnern und häufig erklären, warum dies jetzt so wichtig ist. Schwierig ist auch, dass viele Geschäfte gerne Kartenzahlungen hätten – unser Klientel verfügt aber in der Regel nur über Bargeld.

Jakobushaus-Leiterin im Interview: „Wohnungslose Menschen können nur schwer zu Hause bleiben“

© Diakonie/Jakobushaus

Das Jakobushaus der Caritas in der Alten Balinger Straße in Endingen.

Wie unterscheidet sich der Alltag aktuell vom „normalen“ Alltag? Ihre Tagesstätte ist ja beispielsweise geschlossen.

Genau. In dieser können wir die Abstandsregeln nicht gut einhalten. Die dazugehörigen Angebote bieten wir jedoch weiterhin an. Man kann unsere Duschgelegenheiten nutzen, bekommt Kleidung aus der Kleiderkammer und bei Bedarf auch ein Essenspaket. Ansonsten sind einfach die persönlichen Kontakte sehr reduziert. Sowohl zwischen uns Kollegen als auch mit den Bewohnern. Das ist etwas sehr untypisches für unsere Arbeit und lässt sich daher auch jetzt nur minimieren und nicht komplett vermeiden. Auch haben nicht alle Klienten der Fachberatung und Bewohner des Hauses ein Handy.

Gibt es bestätigte Corona-Fälle in Ihrer Einrichtung?

Momentan haben wir noch keinen Fall, sind aber soweit es geht vorbereitet. Wir haben ein leerstehendes Appartment, welches wir als Isolations- und Quarantänewohnung nutzen könnten. Des Weiteren werden wir bei einem Verdachtsfall oder bestätigten Fall die Anordnungen des Gesundheitsamtes und des Ordnungsamtes umsetzen.

Fühlen Sie sich in Ihrer Aufgabe derzeit ausreichend unterstützt?

Inzwischen ist so etwas wie eine neue Normalität eingekehrt. Wir versuchen, so gut es geht, auf neue Anforderungen zu reagieren. Uns erreichen von vielen Seiten Unterstützungsangebote und generell habe ich das Gefühl: Wir erleben gerade viel Solidarität. Dies stärkt uns und unsere Arbeit. Eventuell ändert sich auch nachhaltig unser Verständnis für gelebte Solidarität.

Sorgen Sie und Ihre Klienten sich mehr als sonst um ihre Gesundheit?

Wir Mitarbeiter sorgen uns auf jeden Fall mehr um bestimmte Klienten. Häufig benötigen wir schon in normalen Zeiten viel Zeit und gutes Zureden um Klienten zur Nutzung wichtiger Gesundheitsangebote zu bestärken. Zu ihren eigenen Sorgen hat sich bis jetzt noch niemand bei mir geäußert. Ich vermute jedoch stark, dass die gesamte Situation vielen von ihnen Sorge bereitet.

Wie viele Menschen sind bei Ihnen derzeit in Beratung, wie viele Wohnungslose sind bei Ihnen?

Die Beratungszahlen lassen sich so schnell nur schwer in Zahlen festlegen. Wir sind ein niederschwelliges Beratungsangebot und haben von einmaligen Anrufen bis hin zu regelmäßigen Beratungen alles dabei. In unserer Notübernachtung haben wir generell acht Plätze für Frauen und Männer. Hier haben wir Stand jetzt jeweils noch einen Platz für einen Mann und für eine Frau. Dies kann sich aber in beide Richtungen immer schnell ändern. Unsere längerfristigen Maßnahmen – also das Aufnahmehaus und das Ambulant Betreute Wohnen – laufen regulär weiter.

Wie viele Ihrer Mitarbeiter arbeiten derzeit?

Unser Bürotrakt lässt es zu, dass momentan alle Mitarbeiter, die gesund sind oder keinen Urlaub haben, überwiegend vor Ort arbeiten können. Bei uns lässt sich nur wenig im Homeoffice bearbeiten. Ob sich dies im Laufe der Zeit noch ändern wird oder muss, bleibt abzuwarten. Unsere Spätdienstmitarbeiter, die abends und am Wochenende für die Aufnahme und die pädagogische Begleitung zuständig sind, arbeiten immer schon alleine und können dies vorerst auch weiter tun.

Sind Sie froh, dass Sie laut Corona-Verordnung Ihrer Arbeit weiterhin nachgehen dürfen?

Ich denke, es ist wichtig für die Bürger zu wissen, dass die Hilfsangebote weiterhin angeboten werden. Auch können wohl nicht überall alle Angebote für Wohnungslose weiterhin geöffnet haben. Somit ist es uns wichtig zu vermitteln: Wir sind weiterhin für euch da!

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