HBW-Geschäftsführer Wolfgang Strobel im Interview: Mit Ideenreichtum gegen die Krise

Von Marcus Arndt

Wolfgang Strobel hat in den vergangenen Wochen und Monaten akribisch gearbeitet – den Balinger Handball-Bundesligisten abseits der Platte auf eine schwierige Saison vorbereitet. Dennoch bangt der HBW-Geschäftsführer um die Branche. Nicht grundlos.

HBW-Geschäftsführer Wolfgang Strobel im Interview: Mit Ideenreichtum gegen die Krise

Wolfgang Strobel prognostiziert den Schwaben eine schwierige Saison auf und neben der Platte. Da sind die Balinger kein Einzelfall.

Sportlich läuft es noch nicht rund bei den Schwaben, welche mit drei Niederlagen in Folge in die neue Runde gestartet sind. Natürlich hatten sich Verantwortlichen des HBW Balingen-Weilstetten vom Auftakt in die Bundesliga-Saison mehr erhofft, wissen die Situation aber durchaus richtig einzuschätzen.

Im Kellerduell bei Altmeister TUSEM Essen treten die „Gallier“ am Sonntagnachmittag (16 Uhr, Sportpark „Am Hallo“) vor leeren Rängen an. Trotz der steigende Infektionszahlen hegt Strobel die „leise Hoffnung“ auf mehr Fans in der Balinger SparkassenArena. Unumwunden räumt der 36-Jährige ein, „dass es nicht allein um das sportliche Überleben geht.“

Herr Strobel, in der Englischen Woche nach dem Re-Start in der Liga blieb der HBW ohne zählbaren Erfolg. Wie beurteilen Sie den Auftakt?

Wolfgang Strobel: Wir haben uns natürlich erhofft, in den ersten Spielen etwas Positives mitzunehmen. Das haben wir nicht geschafft – und es hat sich gezeigt, wie schwierig es in dieser Runde wird. Ich glaube, dass dies viele nach den guten Leistungen in der Vorbereitung noch nicht realisiert haben. Aber es wird schwer, richtig schwer. Vielleicht haben die Ergebnisse beim BGV-Cup Defizite kaschiert, die nun allen vor Augen geführt werden.

Können Sie das konkretisieren?

Wir haben Göppingen und Stuttgart in der Vorbereitung geschlagen – aber beide Pflichtspiele nach vermeidbaren, einfachen Fehlern verloren. Es zeigt, wie die Strukturen in der Liga sind. Aber es liegt auch an uns: Wir müssen es schaffen, eine Führung über einen längeren Zeitraum zu halten. Wir geben den Vorsprung zu einfach und viel zu schnell aus der Hand.

Auch im schwäbischen Derby gegen Stuttgart hat die Mannschaft überhastet eine knappe Führung verspielt. Wie sehen Sie die Leistung beim 28:30 gegen die Wild Boys?

Wir waren gegen Stuttgart nicht schlecht, aber eben auch nicht gut. Uns ist natürlich bewusst, dass wir eine sehr junge Mannschaft haben und der eine oder andere Fehler mehr passieren kann. Im Heimspiel gegen den TVB haben wir es dem Gegner aber phasenweise zu einfach gemacht und geben das Ding zu schnell her.

Es folgt der richtungsweisende Doppelpack in Essen und gegen die Eulen aus Ludwigshafen. Was erwarten Sie?

Wir müssen aus den Fehlern der ersten Spiele lernen und die Erkenntnisse schnell umsetzen. Natürlich ist die Situation nach drei Niederlagen in Folge nicht einfach, aber wir müssen diese jetzt annehmen und anfangen, zu punkten.

Bei Altmeister Essen treten Sie am Sonntagnachmittag vor leeren Rängen an. Wie hat sich der Ablauf bei Auswärtsspielen aufgrund Corona-Pandemie verändert?

Für uns ändert sich nicht allzu viel. Wir trainieren künftig vor den Auswärtsspielen zu Hause und reisen danach ab. Das haben wir umgestellt, auch weil es organisatorisch extrem schwierig ist, eine Halle zu finden. Die Hygienevorschriften sind regional verschieden, zudem entstehen zusätzliche Reinigungskosten. Wir erachten es für den besseren Weg, in Balingen das Abschlusstraining zu absolvieren. Nach diesem Konzept werden wir auch in den kommenden Wochen verfahren. Schwierig wird das bei langen Busreisen oder wenn wir fliegen müssen. Aber wir denken auch in diesem Bereich vorerst von Spiel zu Spiel...

Zurück auf die Platte. Was hat Sie in den ersten Liga-Spielen überrascht?

Ich hatte nach der langen Pause und der schwierigen Vorbereitung mit mehr Überraschungen gerechnet. Die deutliche Niederlage von Meister Kiel in Wetzlar fällt einzig in diese Kategorie – auch der Erlanger Sieg über Melsungen war in dieser Höhe nicht unbedingt zu erwarten. Ansonsten ist das Tabellenbild schon sehr, sehr klar. Im organisatorischen Bereich sind da deutlich mehr Unterschiede zu beobachten. Das zeigen die unterschiedlichen Kamerabilder. Kommunal wird vieles sehr unterschiedlich gehandhabt. In Baden-Württemberg sitzen die Zuschauer auf den Rängen schon weiter auseinander als in so manchen anderen Hallen.

Aufgrund der Notverordnung sind in Baden-Württemberg keine Großveranstaltungen erlaubt. Entsprechend mussten die Tickets an Dauerkartenbesitzer und Sponsoren vergeben werden. Wie waren die Reaktionen?

Bisher sehr gut – alle sind einfach froh, dass sie die Chance haben, wieder Spiele in der Halle zu sehen. Natürlich gab es vereinzelt Kritik und einige Karten kamen auch zurück. Es ist sehr schwierig, für beide Seiten. Aber ich denke, dass wir eine faire Lösung gefunden haben.

Die Infektionszahlen steigen bundesweit rasant. Macht das die Runde in allen Bereichen schwer planbar?

Wir planen in Etappen: vorerst bis zum 31. Dezember. Aktuell gehe ich nicht davon aus, dass wir die Zuschauerzahlen markant erhöhen dürfen, sondern bis Jahresende – wenn nicht länger – die Notverordnung greift. Dennoch habe ich noch die leise Hoffnung, dass wir mehr Fans in die Halle lassen dürfen. Parallel schöpfen wir alle Mittel aus, um den Bundesliga-Standort Balingen zu erhalten.

Die da wären?

Aus dem Fördertopf für den Profisport haben wir einen sechsstelligen Betrag beantragt. Dafür müssen allerdings alle anderen Maßnahmen, die daran gekoppelt sind, getroffen worden sein. Das haben wir gemacht – auch die Unterstützung der Mannschaft ist da.

Dennoch haben Sie den Etat für diese Runde deutlich nach unten geschraubt und den Kader eingedampft...

Keine Frage, es ist schon zäh – aber vieles wird auch weiterhin funktionieren. Wir haben ein intaktes Umfeld und auch die Mithilfe von Fans und Sponsoren ist super. Die Frage ist allerdings, wie geht es weiter, wenn noch weniger Zuschauer in die Halle dürfen oder der Spielbetrieb für einen gewissen Zeitraum komplett aussetzt.

Nicht grundlos prognostiziert Bundestrainer Alfred Gislason durch die Corona-Beschränkungen massive Finanzprobleme für Klubs in den Mannschaftssportarten hinter dem Fußball. Der Isländer erwartet sogar einen „Rückfall in die 70er-Jahre“. Ihre Meinung?

Ganz klar, diese Gefahr besteht. Wir stehen an der Schwelle, dass das passieren kann. Es ist nun Ideenreichtum gefragt, aber diese müssen dann auch umsetzbar sein. Dauerhaft können wir nicht vor 500 oder weniger Zuschauer spielen. Das kann kein Klub verkraften – auch wir nicht. Wieso soll jemand einen Banner in der Halle kaufen, wenn diesen niemand sieht. Generell fehlen die Vermarktungsmöglichkeiten – der einzige Vorteil ist noch, dass die Spiele auf Sky übertragen werden. Das Derby gegen Stuttgart haben am vergangenen Samstag über 20 000 Fans gesehen. Das ist für uns ein super Wert. Dennoch wird das, auf lange Zeit gesehen, nicht ausreichen, zumal immer mehr Dinge wegbrechen. Wir hatten keine Netzwerkveranstaltungen mehr, welche unglaublich wichtig für uns sind. Auch Kleinigkeiten, welche wir über Jahre hinweg aufgebaut haben, sind nicht mehr möglich. Für die JSG-Kinder waren die Heimspiele des HBW immer ein absoluter Höhepunkt, aber aktuell haben wir nicht die Möglichkeit, ihnen das zu bieten.

Da rückt der Sport fast ein wenig in den Hintergrund. Aufgrund der finanziell überschaubaren Mittel können Sie die Mannschaft im Abstiegskampf nicht mehr punktuell verstärken. Oder?

Ein weiterer Transfer wäre wirtschaftlich absolut nicht darstellbar. Wir bauen auf die Spieler, welche wir haben. Wir haben vielversprechende Talente im Perspektivteam und der A-Jugend. Dieses Potenzial müssen wir voll ausschöpfen.

Beim Blick auf die Zuschauerzahlen in den Hallen überraschen die großen Unterschiede zwischen den erlaubten Zahlen. Das grenzt bereits an Wettbewerbsverzerrung...

Es ist schwierig zu verstehen, dass es in einer Liga solche extreme Unterschiede gibt. Erst recht, wenn man die Fernsehbilder aus Minden und Leipzig sieht. Wir haben in Baden-Württemberg einen gewissen Nachteil – obwohl alle Profiklubs im Land gute Hygienekonzepte haben. Ich würde mir wünschen, dass diese besser von der Politik gewürdigt werden. Wir verlangen absolut nichts, was Risiken birgt oder die Zuschauer gefährden würde.