Meßstetten

„Gutachterexzess“ und „Zertifizierungsindustrie“: Interstuhl in Tieringen bekommt Besuch aus Brüssel

15.05.2024

Von Janine Lehleiter

„Gutachterexzess“ und „Zertifizierungsindustrie“: Interstuhl in Tieringen bekommt Besuch aus Brüssel

© Janine Lehleiter

Das Interstuhl-Urgestein Alfred Dinser (ganz rechts) erklärt die Ursprünge der Firma, die in einer Schmiedewerkstatt liegen. Ernst Berger, Fraktionsvorsitzender der Meßstetter CDU, der Vizepräsident des Europäischen Parlaments, Rainer Wieland, sowie Geschäftsführer Helmut Link (von links) hören gespannt zu.

Hoher Besuch bei der Firma Interstuhl in Meßstetten-Tieringen. Rainer Wieland, Vizepräsident des Europäischen Parlaments, ist auf den Großen Heuberg gekommen, um mit zahlreichen Vertreterinnen und Vertreter aus Kommunalpolitik und Ökonomie über aktuelle europäische Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft zu sprechen.

Interstuhl-Geschäftsführer Joachim Link begrüßte seine Gäste – auch im Namen seines Bruders und ebenso Geschäftsführers Helmut Link – im Versammlungsraum der Firma und stellte eine wichtige Tatsache ganz voran: „Wir sind ein typisches Familienunternehmen. Typischer geht’s eigentlich nicht.“ Anwesend waren demnach auch seine Frau Susana Martin de Vidales, seine Schwägerin Georgia Link sowie seine Tante Lenore Link.

Diskussionsfreudige Gäste

Außerdem anwesend waren: Landrat Günther-Martin Pauli, von der IHK Reutlingen-Tübingen-Zollernalb Hauptgeschäftsführer Dr. Wolfgang Epp und Katharina Lein, Leiterin Politik/Public Affairs, Meßstettens Bürgermeister Frank Schroft und sein zweiter Stellvertreter Ernst Berger sowie der erste Landesbeamte des Zollernalbkreises Matthias Frankenberg. Mit CDU-Kreistagskandidatin Nina Lorch-Beck und Heide Pick, der Vorsitzenden des CDU-Ortsverbands Jungingen, erhielt die Runde noch eine Extraportion Frauenpower. Zu guter Letzt durften auch das Interstuhl-Urgestein Alfred Dinser sowie einige Abteilungsleiter von Interstuhl bei der Diskussion nicht fehlen.

„Heute wollen wir einen Blick auf die Brüsseler Politik, die sich gerade in einer Art Endspurt befindet, werfen“, spielte Joachim Link auf die in rund drei Wochen stattfindende Europawahl an. Eine der Leitfragen, die er sich dabei stellte, lautete: Was erwarten mittelständische Familienunternehmen wie Interstuhl in der kommenden Legislaturperiode von der EU?

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Weitere Impressionen vom Besuch des Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments bei der Firma Interstuhl.

© Janine Lehleiter

Weitere Impressionen vom Besuch des Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments bei der Firma Interstuhl.

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Weitere Impressionen vom Besuch des Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments bei der Firma Interstuhl.

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Weitere Impressionen vom Besuch des Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments bei der Firma Interstuhl.

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Joachim Link selbst denke bei Brüssel zunächst aber an „Schokolade, Waffeln, Bier und andere Köstlichkeiten, die sich schnell auf der Waage bemerkbar machen“. Diesem humorvollen Einstieg folgten ernstere Töne: „Doch seit einigen Jahren steigt das Gewicht in Brüssel auch an anderen Stellen.“ Damit meinte der Geschäftsführer die zunehmende Bürokratisierung, also immer mehr Gesetze und Regulierungen. Damit vernachlässige die EU ein wirtschaftliches Vorankommen Europas.

„Macht es bitte einfacher“

Außerdem sei es Zeit für „eine neue Ausbaustufe des Binnenmarktes“. Denn ganz Europa hinke, was das Wirtschaftswachstum angeht, hinterher, während die Märkte in den USA und Japan boomen. Deswegen Joachim Links Appell: „Macht es bitte einfacher. Macht Europa bitte wieder global wettbewerbsfähiger.“ Auf diese Ausführung hin spielte der Interstuhl-Geschäftsführer den Ball dem Vizepräsidenten des Europa-Parlaments, Rainer Wieland, zu.

Europa nicht allein schuld an Bürokratiewahnsinn

Der EP-Vizepräsident räumte ein, dass in Europa regelrecht ein „Gutachterexzess“ und eine „Zertifizierungsindustrie“ herrsche, wobei der Hauptproduzent dieses Bürokratiewahnsinns nicht einmal die Europapolitik selbst sei: „Ich gehe dem in einzelnen Fällen nach und in über 80 Prozent davon liegt dies in Berlin, in Stuttgart, beim Landrats- oder Bürgermeisteramt und nicht in Brüssel.“

Deutschland sei generell „der Bürokratiehochstand“, gab Rainer Wieland zu: „Wir diskutieren über Dinge, die in Europa sonst nirgends diskutiert werden.“ Als Beispiel führt er an, dass er als CDU-Kreischef Glückwunschbeauftragte eingesetzt habe. Diese so zu titulieren, sei notwendig gewesen, um ihnen Zugang zu den Adressen von Jubilarinnen und Jubilaren zu gewähren. Andererseits stellte der EP-Vizepräsident aber klar, dass es nicht immer gut sei, alle Regelungen abzuschaffen.

„Gutachterexzess“ und „Zertifizierungsindustrie“: Interstuhl in Tieringen bekommt Besuch aus Brüssel

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Der EP-Vizepräsident Rainer Wieland (Dritter von links) erläutert Susana Marin de Vidales (von links), Joachim und Helmut Link, Georgia Link sowie Nina Lorch-Beck seinen Standpunkt.

Auch Dr. Wolfgang Epp äußerte seine Meinung. Im Kontakt mit der EU-Kommission stelle die IHK oft deren „wahnsinnige Entfernung von dem, was vor Ort passiert“, fest. Er erwähnte als Beispiel einen Hersteller von Damenunterwäsche in seinem Bezirk, der die Anordnung bekam, seine Ware nun „nicht entflammbar“ zu produzieren. Der IHK-Geschäftsführer habe herzhaft lachen müssen und das zunächst nicht ganz geglaubt. Die Auflage habe ihren Ursprung in England gehabt, „da machen die Frauen wohl morgens in Nylonwäsche ihren Tee an der Gasflamme“.

Problem: Viele unterschiedliche Interessen

Interstuhl-Geschäftsführer Helmut Link schloss sich dem von seiner Warte aus an. In Deutschland sei, „etwas anderes wichtig als in Italien oder in Holland“. Dabei sei Interstuhl – und damit auch viele international tätige Unternehmen – bei seinen Produkten herausgefordert, für jedes größere Land spezielle Anforderungen umzusetzen.

„Gutachterexzess“ und „Zertifizierungsindustrie“: Interstuhl in Tieringen bekommt Besuch aus Brüssel

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Haben es sich in der Interstuhl-Ausstellung gemütlich gemacht (von links): Joachim Link, Dr. Wolfgang Epp und Alfred Dinser.

Dem gegenüber zeigte sich Rainer Wieland einsichtig. Es sei einerseits wichtig, die unterschiedlichen Interessen zu berücksichtigen, aber auch, sich für die deutschen einzusetzen. Doch der EU-Politiker zeigte seinen Standpunkt klar: „Unterm Strich ist der Binnenmarkt richtig und wir müssen mehr dafür tun.“ Dies sei notwendig, um als Allianz neben den USA, Japan und China zu bestehen.

Landrat Günther-Martin Pauli packte die Gelegenheit beim Schopf, um auch Einblicke in seinen Alltag zu geben. Auch die Kreisverwaltung kämpfe mit der zunehmenden Bürokratisierung. „Wir müssen jeden Tag – als Bürgermeister, als Landrat, Amtsleiter oder Dezernent – Ausnahmesituationen durchwinken oder regeln, da die Vorschriften sehr konträr sind“, so der Landrat.

„Gutachteritis, die schlichtweg krank macht“

Er und seine Mitarbeitenden haben kaum noch Bewegungsfreiheit beim Treffen von Entscheidungen: „Wir haben mittlerweile eine Gutachteritis, die schlichtweg krank macht.“ Sie könnten so nicht mehr alle Anforderungen erfüllen und seien nach außen hin „der Prellbock“.

Bevor Helmut Link den Gästen schlussendlich bei einer „Arena-Tour“ den einen oder anderen Stuhl vorführte, freuten sich die beiden Geschäftsführer, dass die Tieringer Firma das Europäischen Parlament sowie die Kommission mit zwischen 5000 und 7000 Stühlen ausstatte. „Wir sind froh, dass wir mit unseren top-ergonomischen Stühlen die Produktivität der Parlamentarier unterstützen können“, sagte Joachim Link und schmunzelte.

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