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Zollernalbkreis

Getrennt bei den Vorwahlen, geeint im Wahlkampf? Balanceakt der Grünen im Bundestagswahlkreis

05.05.2020

Von Klaus Irion

Getrennt bei den Vorwahlen, geeint im Wahlkampf? Balanceakt der Grünen im Bundestagswahlkreis

© Statistisches Bundesamt

So sieht er aus, der landkreisübergreifende Bundestagswahlkreis Zollernalb-Sigmaringen.

Zwei Bewerber, ein- und derselben Partei angehörend, die beide den Kandidatenplatz für die Bundestagswahl 2021 erringen wollen: Für Polithochburgen landauf, landab nichts Besonderes. Im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen kommt dies aber fast schon einer Sensation gleich. Die Grünen haben mit Thomas Zawalski aus Balingen und Ministerpräsidentensohn Johannes Kretschmann aus Sigmaringen diese beiden Bewerber. Am Dienstag präsentierten sie sich offiziell.

Wenn im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen eines gewiss ist, dann, dass das Direktmandat stets an die CDU geht. Dieser politische Erbhof besteht seit der ersten Bundestagswahl 1949. Und daran wird sich auch bei der Bundestagswahl 2021 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nichts ändern.

Bareiß scheint gesetzt

Klar scheint auch zu sein, dass der CDU-Wahlkreisabgeordnete erneut Thomas Bareiß heißen wird. Der gebürtige Meßstetter, der heute in Balingen lebt, hat bereits früh seine inzwischen fünfte Kandidatur bekanntgegeben. Weit und breit ist im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen, der den Altkreis Balingen plus Haigerloch sowie den Landkreis Sigmaringen ohne Pfullendorf, Wald, Herdwangen-Schönach und Illmensee umfasst, kein zweiter CDU-Kandidatenbewerber in Sicht.

Bareiß konnte sich seiner Sache vor vier Jahren vorab schon so sicher sein, wieder in den Bundestag einzuziehen, dass er auf eine Absicherung über die CDU-Landesliste gänzlich verzichtete. Den Wahlkreiskandidaten der übrigen Parteien bleibt daher alle Bundestagswahljahre wieder nur die kleine Chance, über die jeweilige Landesliste einen Platz im Berliner Reichstag zu erhalten.

Pluralistische Politikdiaspora

Doch auch diese Chance war und ist zumeist gering, da der hiesige Wahlkreis außer bei der CDU landesweit über kaum Hausmacht verfügt, wenn bei den Nominierungsversammlungen die aussichtsreichen Landeslistenplätze vergeben werden. Die Folge dieser pluralistischen Politikdiaspora auf der Zollernalb und den oberschwäbischen Sigmaringer Landen: Der Wahlkreis 295 hat seit vielen Jahren immer nur einen einzigen Abgeordneten. Im Nachbarwahlkreis Tübingen, zu dem auch Bisingen, Hechingen, Jungingen und Burladingen gehören, sind es derzeit dagegen deren vier.

Froh über jeden Kandidaten

Die Folge: Die hiesigen Parteiableger waren zumeist froh, wenn sich überhaupt ein Bewerber meldete, der für die eigene Partei kandidieren wollte. „Das war bei den Grünen auch nicht anders“, sagt Uwe Jetter, Mitglied des Kreisvorstands der Zollernalb-Grünen. Vor vier Jahren tat dies sein Vorstandskollege Erwin Feucht, der ein Jahr zuvor auch bereits als lokaler Kandidat für die Landtagswahl im Wahlkreis Balingen angetreten war und seinerzeit die Sensation des Landtag-Direktmandats nur um 300 Stimmen verpasst hatte. „Doch in Sachen Bundestagswahl dürfen wir Grünen uns von den tollen Ergebnissen in Balingen und Umgebung nicht blenden lassen.“ Dafür sei die CDU im Sigmaringer Teil des Wahlkreises einfach viel zu stark.

Getrennt bei den Vorwahlen, geeint im Wahlkampf? Balanceakt der Grünen im Bundestagswahlkreis

© Privat

Der Balinger Thomas Zawalski will Bundestagskandidat der Grünen werden.

Erwin Feucht will im kommenden Jahr erneut als Grünenkandidat bei der im Frühjahr stattfindenden baden-württembergischen Landtagswahl für den Wahlkreis Balingen an den Start gehen. Doch zwei Kandidaturen in einem Jahr waren wohl auch ihm zu viel, weshalb er den Platz im Kandidatenkarussell für die Bundestagswahl im Herbst 2021 seinem Vorstandskollegen Thomas Zawalski überließ.

Sigmaringen war an der Reihe

Wobei das auch nur die halbe Wahrheit ist, denn eigentlich war dieses Mal gar kein Grünen-Kandidat des Kreisverbands Zollernalb im Wahlkreis 295 vorgesehen. Grund: „Wir haben seit vielen Jahren die Regelung gehabt, dass die Kreisverbände Zollernalb und Sigmaringen jeweils abwechselnd den Bewerber oder die Bewerberin für die Grünenkandidatur vorschlagen dürfen. Dieses Mal waren die Sigmaringer wieder an der Reihe.

Getrennt bei den Vorwahlen, geeint im Wahlkampf? Balanceakt der Grünen im Bundestagswahlkreis

© Hanna Stauß

Auch Johannes Kretschmann aus Sigmaringen möchte für die Grünen in den Bundestag.

„Mit Erstaunen“, so Jetter, hätten die Parteifreunde im Kreisverband Sigmaringen vor einiger Zeit dann darauf reagiert, dass sich die Zollernalb-Grünen für die Wahl 2021 nicht mehr an diese Abmachung gebunden fühlten. Auf die interne Festlegung der Sigmaringer auf Johannes Kretschmann folgte Zawalskis Kampfkandidatur.

Gemeinsame Vorstellung

Am Dienstag organisierten beide Kreisverbände eine gemeinsame offizielle Bewerbervorstellung. Corona-bedingt als Online-Meeting. Hier hätten die Namen Zawalski und Kretschmann eigentlich erstmals der Öffentlichkeit präsentiert werden sollen. Doch wurde Kretschmann bereits Ende vergangener Woche in der Schwäbischen Zeitung porträtiert.

Regiefehler oder Retourkutsche?

„Ein parteiinterner Regiefehler“, sagt Jetter. Oder vielleicht doch eine Retourkutsche des Kreisverbands Sigmaringen für die unerwartete Doppelbewerbung? Nein, von einer Retourkutsche könne keine Rede sein, erklärte Johannes Kretschmann am Dienstag. Er war sich mit Thomas Zawalski darüber einig, „dass es gut ist, dass wir einen Vorwahlkampf haben und dabei zwei Kandidaten mit unterschiedlicher Ausrichtung“. Beide nehmen die Bewerbung des anderen sportlich.

Unterschiedliche Charaktere

Zawalski präsentierte sich als landesweit und bundesweit innerparteilich gut vernetzter Kandidat, der als ehemaliger Unternehmensberater und vormaliger Sozialarbeiter die „Wirtschaft und den Klimaschutz noch stärker verbinden möchte“. Der freie Autor Kretschmann gibt den Heimatverbundenen, der sich derzeit gehäuft dagegen verwahren muss, das Politikticket auf den berühmten Namen hin zu lösen. Er verweist auf seine langjährige kommunalpolitische Erfahrung als inzwischen Fraktionsvorsitzender der Grünen im Sigmaringer Kreistag und darauf, dass „wenn mich irgendetwas mit meinem Vater eint, dann ist es, einen eigenen Kopf zu haben“.

„Haben das Potenzial gesehen“

Über die Beweggründe, Kretschmann junior einen Gegenkandidaten entgegenzustellen, meinte Erwin Feucht: „Wir haben einfach gesehen, dass wir mit Thomas Zawalski bundespolitisch Potenzial haben.“ Das habe man nicht zurückhalten wollen. Außerdem seien die Grünen auch im Zollernalbkreis in der vergangenen Zeit in der Wählergunst, aber auch bei der Zahl der Mitglieder sehr gewachsen. Stand heute gibt es im Kreisverband Zollernalb 124 Mitglieder, im Kreisverband Sigmaringen 107.

Sitzungsablauf noch ungewiss

Unter welchen Umständen diese 231 Grünen, und vielleicht noch weitere, am 6. Juli aufgerufen werden, ihren Kandidaten zu wählen, wird vom Verlauf der Corona-Pandemie abhängen. Geplant ist sie turnusgemäß im Landkreis Sigmaringen. Alles andere ist noch offen.

Direktmandat im Blick

Nach dem Nominierungsabend, da waren sich beim Online-Meeting alle Protagonisten einig, werde man gemeinsam für grüne Politik im Wahlkreis kämpfen. „Unser Ziel muss es sein, dass Direktmandat zu erhalten“, meinte Klaus Harter, der Vorsitzende des Sigmaringer Kreisverbands der Grünen.

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