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Zollernalbkreis

Landrat Pauli befürchtet keinen Lockdown: Zollernalbkreis bei Neuinfektionen unter Grenzwert

07.05.2020

Von Pascal Tonnemacher

Landrat Pauli befürchtet keinen Lockdown: Zollernalbkreis bei Neuinfektionen unter Grenzwert

© Pascal Tonnemacher

Spielplatz wegen Corona gesperrt: Auch wenn Spielplätze wieder geöffnet sind; das könnte wegen zu vieler Neuinfektionen im Landkreis künftig wieder drohen.

Die Corona-Einschränkungen werden derzeit schrittweise gelockert. Bei zu vielen Neuinfektionen müsste auf Landkreisebene aber die Notbremse gezogen werden, um diese wieder einzudämmen. Landrat Günther-Martin Pauli geht aber davon aus, dass der Zollernalbkreis diesen Grenzwert nicht erreichen wird. Ein SWR3-Bericht hatte das für den Zollernalbkreis aktuell nahegelegt, fußt aber auf wohl abweichenden Daten des Sozialministeriums des Landes.

Kaum sind die neuesten Lockerungen in der Coronakrise im Zollernalbkreis spürbar, könnten die Zollernälbler sie auch schon bald wieder los sein. Ein neuerlicher Lockdown droht: Diesen Eindruck legte ein aktueller SWR3-Bericht nahe. Dort wurde von 55,57 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern im Zollernalbkreis berichtet.

Das würde nach dem aktuellen Bund-Länder-Beschluss bedeuten, dass der Landrat wegen zu vielen Neuinfektionen (über 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen) wieder Einschränkungen beschließen müsste, um diese einzudämmen. Nur Heidenheim würde in Baden-Württemberg mit knapp 50 Neuinfektionen ebenfalls in die Nähe dieses neuen Grenzwertes stehen – laut des Berichts.

Daten des Ministeriums weichen ab

Die Redaktion von SWR3 in Baden-Baden bezieht sich bei ihrer Berechnung der Infektionsrate in den vergangenen sieben Tagen nach eigenen Angaben unter anderem auf die Daten des Sozialministeriums.

Der Bericht und die Karte sind vorerst entfernt worden, heißt es auf ZAK-Anfrage am Donnerstagmittag. Die Redaktion kündigte einen einordnenden und erklärenden Text an, um Verunsicherungen auszuräumen.

Landrat Pauli befürchtet keinen Lockdown: Zollernalbkreis bei Neuinfektionen unter Grenzwert

© Landratsamt

Sie luden zum Online-Pressegespräch zur aktuellen Situation (von links) Prof. Boris Nohé, Landrat Günther-Martin Pauli, Klinikchef Dr. Gerhard Hinger, Gesundheitsamtsleiterin Dr. Gabriele Wagner und PD Dr. Otto Tschritter.

Landrat Günther-Martin Pauli versuchte deshalb am Donnerstagnachmittag in einer Online-Pressekonferenz zwar zu mahnen („Nicht übermütig werden“) aber auch zu beruhigen. Er glaube nicht, dass der Zollernalbkreis die „Schallmauer“ durchbrechen werde. Denn von einer anfangs hohen Anfangszahl an Infizierten sei man mittlerweile heruntergekommen.


Neue Regelung verwundert Landrat

50, 100.000, 7: Dass über einen neuerlichen Lockdown nur über diese Zahlenreihe entschieden werden soll, darüber wunderte sich Pauli.

Dass es den Zollernalbkreis rein statistisch recht hart getroffen hat, sei ein Statistikeffekt und den vielen Tests zu „verdanken“. So liege man bei 4496 Tests pro 100.000 Einwohner. Bundesweit liege der Schnitt mit 2891 Tests deutlich darunter. Die Trefferquote wiederum liege nicht höher als andernorts, was Paulis These stützt.

Außerdem sei die Lebenserwartung im Landkreis recht hoch, es gebe viele Hochbetagte, die gefährdeter seien. Doch diese Ursachenforschung, betonte Pauli, sei noch nicht abgeschlossen. Einzelursachen oder ein Schwarze-Peter-Spiel lehne man ab.

Es wird weiter konsequent getestet

Den Kurs, oft, konsequent und „beherzt“ auf das Coronavirus und Antikörper zu testen, wolle er auch trotz der neuen Regelung weiterfahren.

Logisch, dass dann auch mehr positive Fälle entdeckt würden und wurden, waren sich Pauli und Klinikchef Dr. Gerhard Hinger einig. Sie wünschen sich deshalb eine ganzheitliche Betrachtung der Situation. Der ausgefeilte Masterplan für den geplanten Klinik-Exit, wie im gemeinsamen Podcast von Klinikum und ZAK angekündigt, sei von der neuen Regelung nicht betroffen.

Die Situation nehmen die Verantwortlichen weiterhin sehr ernst, wie sie betonten. „Wir werden alles anpacken, was notwendig ist, ob populär oder nicht“, sagte Pauli. Wenn auch mit dem schlimmsten Fall, ein baldiger erneuter Lockdown, nicht gerechnet wird.

Vernunft der Bürger bleibt wichtig

Doch auch an dieser Stelle bleibt sich der Landrat treu. Die Lockerungen sollen nicht vorauseilend zurückgenommen werden, um weitere Infektionen zu vermeiden. Er befürworte die Lockerungen ausdrücklich: dort, wo sie Sinn ergeben und verantwortbar sind. Pauli appellierte deshalb abermals an die Vernunft der Bürger, sich an die Regeln zu halten und die Hygienestandards einzuhalten.

Auch die Landtagsabgeordnete und Wirtschaftsministerin des Landes, Nicole Hoffmeister-Kraut, unterstützt dies: „Ich bin zuversichtlich, dass wir die weitere Verbreitung des Virus so eindämmen und damit regionale Beschränkungen verhindern können.“

Lockdown kann nicht ausgeschlossen werden

Womit Hoffmeister-Kraut, wie Landrat Pauli auch, im Umkehrschluss den regionalen Lockdown ihres Wahlkreises nicht explizit ausschließt.

Konkrete Maßnahmen für den Fall der Fälle würden aber nicht in der Schublade bereit liegen. Denn: Beim möglichen Durchbrechen der 50er-Schallmauer würde es auch nicht sofort einen Lockdown geben, sagt Pauli. Zunächst würde mit dem Robert-Koch-Institut und anderen Verantwortlichen nach den Ursachen für die hohen Infiziertenzahlen geforscht.

Werden Hotspots, beispielsweise bei Firmen oder Pflegeheimen, entdeckt, könnten diese in gewisser Weise auch aus der Statistik herausgerechnet werden. Doch diese Hotspots gebe es ohnehin nicht, sagte Gesundheitsamtsleiterin Dr. Gabriele Wagner. Die Fälle seien gleichmäßig verteilt.

Meldeverzug wird nun zum Problem

Andere Medien beziehen sich bei solche bundesweiten Übersichten auf Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) und berechnen so am Donnerstag rund 43 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner für den Zollernalbkreis.

Das Problem dabei: Die Daten des Landes und des RKI weichen von denen des Gesundheitsamtes im Zollernalbkreis gelegentlich ab, beispielsweise wegen Meldeverzugs.

Vor Ort werden die Fälle vom hiesigen Gesundheitsamt erhoben und an die nächst höhere Stelle, das Landesgesundheitsamt, gemeldet, das wiederum dem Ministerium für Soziales die Zahlen weitergibt. Dann erhält das RKI die Daten. Bislang konnte dadurch je nach Quelle nur im Detail ein anderer Eindruck vom aktuellen regionalen Infektionsgeschehen entstehen.

Lockdown droht nicht bei jeder Quelle

Was den Stichtag 29. April betrifft, worauf die Berechnungen aktuell fußen, führen abweichende Zahlen jedoch zu extrem abweichenden Infektionsraten und könnten damit Konsequenzen mit sich bringen. Denn welche Datenquelle zur Entscheidung über einen Lockdown künftig genutzt wird, ist aktuell unklar.

Wird die „Obergrenze“ überschritten, ist das örtliche Gesundheitsamt am Zug und muss „entsprechende Maßnahmen“ ergreifen, sagt ein Sprecher des Sozialministeriums auf ZAK-Anfrage. Die sogenannten 7-Tage-Inzidenzen würden seit Donnerstag im Lagebericht des Landesgesundheitsamtes aufgenommen.

Möglicherweise nur einzelne Gemeinden dann betroffen

Diese Maßnahmen würden dann an die jeweilige Situation vor Ort angepasst. „Es ist denkbar und gut möglich, dass nur einzelne Gemeinden eines Landkreises dann von etwaigen Maßnahmen betroffen sind, oder einzelne Einrichtungen“, sagt Pressesprecher Pascal Murmann.

Elementar wichtig bleibe deshalb eine solide Ermittlungsarbeit der Gesundheitsämter. Die möglichst umfassende Kontaktpersonenermittlung und das adäquate Kontaktpersonenmanagement seien der Schlüssel zur Kontrolle über das Infektionsgeschehen.

Damit das auch bei hohen Fallzahlen wie im Zollernalbkreis gelingen kann, muss Personal eingestellt werden. Gesundheitsamtsleiterin Wagner berichtet von einer Verdopplung des Personals, wobei man von Land und Bund auch unterstützt werde.

Wie SWR3 die Infektionsrate berechnet hatte

Und wie genau kam es zur von SWR3 vermeldeten Infektionsrate? Den Landesdaten zufolge sind am 29. April keine Neuinfektionen seit dem Vortag gemeldet worden. Tatsächlich hat das Landratsamt im Zollernalbkreis jedoch 19 neue Fälle gemeldet.

Damit steigt die Summe der gemeldeten Neuinfizierten in den darauf folgenden sieben Tagen bis zum 6. Mai auf insgesamt 105 Fälle beim Ministerium – anstatt der 96 des hiesigen Gesundheitsamts. So lässt sich die SWR3-Rechnung und die Infektionsrate von 55,7 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen im Zollernalbkreis bei 188.935 Einwohnern rekonstruieren.

Landratsamtsdaten legen keinen Lockdown nahe

Die Daten des Landratsamtes ergeben für den Donnerstag eine Infektionsrate von 46,4 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen bei einer leicht abweichenden Einwohnerzahl von 189.486 Einwohnern im Zollernalbkreis.


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