Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Rosenfeld

Der Einmarsch der Franzosen in Rosenfeld: Werner Halter hält die Erinnerungen lebendig

24.04.2020

Von Margit Ruf

Der Einmarsch der Franzosen in Rosenfeld: Werner Halter hält die Erinnerungen lebendig

© Margit Ruf

Alexandra Gühring, die erste Vorsitzende des Fördervereins Städtepartnerschaft und ihr Nachbar Werner Halter haben sich auf dem Platz Moissy-Cramayel getroffen zum Gedenken an den 75. Jahrestag des Einmarschs der französischen Befreiungstruppen.

Anlässlich des 75. Jahrestages des Einmarschs der Franzosen in Rosenfeld am 20. April 1945 trafen sich die erste Vorsitzende des Fördervereins Städtepartnerschaft, Alexandra Gühring und Werner Halter in derzeit gebotenem Abstand gegenüber seinem Haus beim Brunnen auf dem Moissy-Cramayel Platz, um diesem Ereignis zu gedenken.

Werner Halter, der damals erst sechseinhalb Jahre alt war, hat zu diesem Anlass seine Erinnerungen an das Ende der Nazi-Zeit, den Einmarsch der französischen Befreiungstruppen und das, was ihm darüber berichtet worden ist, erzählt und zu Papier gebracht.

In Rosenfeld und Umgebung waren während des Krieges einige Franzosen in deutscher Gefangenschaft. Sie wurden vor allem in der Landwirtschaft beschäftigt. Tagsüber aßen, arbeiteten und lebten die Kriegsgefangenen in den Familien, abends mussten sie jedoch zurück in ihre Unterkunft, im Gebäude neben dem alten Rathaus, wo heute eine Versicherung ihre Büros hat. Symbolisch wurden sie von einem Mann bewacht.

Johann verschenkte Schokoladenosterhasen

„Auch bei meiner Großmutter war ein Franzose. Er hieß auf Deutsch Johann und war auch viel bei uns zuhause. Aus Erzählungen weiß ich, dass er sonntags von meinem Vater immer Most bekommen und sich bei schönem Wetter mit seinen Kameraden auf eine Wiese gelegt hat, um den Sonntag zu genießen.

Wenn wir Kinder zu unserer Großmutter in die Bickelsberger Straße gingen und Johann da war, hat er uns aus einem Regal über der Türe immer ein Stückchen Schokolade geschenkt. Zu Ostern hat er uns sogar von einem Kameraden, der beim Bäcker Fischer eingesetzt war, Schokohasen machen lassen. Das war für uns Kinder natürlich eine große Überraschung und Freude“, schreibt Halter.

„Am 20. April 1945 waren gegenüber im Schopf von Familie Arnold noch deutsche Soldaten. Einer von ihnen musste auf einer Art Fahrrad treten, während sein Kollege am Morsegerät war. Bald darauf brachen sie auf und gingen. Auf der roten Halde brannten zwei Häuser die von den angreifenden Truppen in Brand geschossen worden waren. Unser Vater, der damals in der Feuerwehr war, musste beim Löschen helfen“, erinnert er sich.

Eine Narbe in der Linde erinnert an die ersten Panzer

„Wenig später fuhren dann die ersten Panzer vorne die Hauptstraße hoch. Wenn ich mich richtig erinnern kann, saß auf dem ersten Panzer als Geisel der Wachsoldat, der die in Rosenfeld in Gefangenschaft lebenden Franzosen nachts bewacht hatte. Später kamen die Panzer auch auf den Platz vor unserem Haus und standen ziemlich dicht.

Einer fuhr beim Abstellen auf den damals noch sehr schlanken Lindenbaum auf, sodass dieser sich bis zu unserem Haus umbog. Lange Zeit später war immer noch eine große Narbe in der Rinde des Baums erkennbar. Heute ist nur noch eine Vertiefung zu sehen, so bewahrheitete sich auch hier der Ausspruch – die Zeit heilt alle Wunden“, beschreibt Werner Halter die eindrücklichen Szenen.

Der Einmarsch der Franzosen in Rosenfeld: Werner Halter hält die Erinnerungen lebendig

© Margit Ruf

Nur noch eine kleine Vertiefung im Stamm der alten Linde auf dem Platz Moissy-Cramayel deutet darauf hin, dass der Baum von einem französischen Panzer fast umgefahren worden war.

„Seit etlichen Jahren heißt der Platz um die Linde und den Brunnen Moissy-Cramayel Platz, zu Ehren unserer französischen Partnerstadt, zu der die Stadt Rosenfeld nun schon seit 50 Jahren freundschaftliche Kontakte pflegt.“

Braune Seife für die Wäsche

Wie der erste Kontakt mit den fremden Truppen ablief, schildert der Rosenfelder so: „Die französischen Gefangenen gingen ihren einmarschierenden Landsleuten entgegen und baten diese, nicht zu schießen und nichts zu zerstören. Am Kirchturm war auch eine weiße Fahne gehisst worden, den Erzählungen nach von Pfarrer Raaf und Apotheker Silber. Zum ersten Mal in unserem Leben haben wir dunkelhäutige Menschen gesehen. Einige Soldaten kamen dann zu uns ins Haus und brachten Geflügel, das meine Mutter braten musste. Sie brachten auch braune Seife mit, um damit ihre Wäsche zu waschen. Unsere Tante Margarete, die in der unweit entfernten Gerbe wohnte, war eine gebürtige Schweizerin, aus der französischen Schweiz. Sie musste dann im Rathaus dolmetschen. Der Offizier versicherte ihr, dass sie die Bevölkerung so behandeln werden, wie ihre Gefangenen von uns behandelt worden sind.“

Zucker, Kaffee und Marmelade aus dem Fruchtkasten

Auch an die Lebensmittelknappheit hat Werner Halter noch eindrückliche Erinnerungen. Er schreibt: „Kurz vor dem Einmarsch der Franzosen hatte jemand den Fruchtkasten, in dem sich ein Lebensmitteldepot befand, geöffnet und jeder hatte sich so gut es ging etwas von den Vorräten geholt. Auch wir hatten Zucker, Kaffee und noch Anderes geholt, außerdem einige Schwartauer Marmeladenbecher aus fester Pappe und etwas deutschen Tee, den kaum einer wollte und der in großen Säcken später noch lange oben im Depot stand.“

„Kurz nach dem Einmarsch wurde dann vom Schütz ausgeschellt, dass alles wieder zurückgebracht werden muss. Unser Johann hat uns geraten, dies nicht zu tun, er würde uns schützen. Ich denke nicht, dass viele ihre Lebensmittel zurück gebracht haben, aber es hatte zum Glück auch keine Konsequenzen“, formuliert er in seinen Erinnerungen.

Der Unterricht beginnt wieder

„In dieser Zeit war die Schule auch geschlossen und von den französischen Besatzern zur Kaserne umfunktioniert worden. Später wurde die Schule für die unteren Klassen ins alte Rathaus verlagert. Wir hatten dann im alten Sitzungssaal Unterricht. Die oberen Klassen mussten ins landläufig genannte Lager in den Weingärten. Das waren Baracken die für die Arbeitsmaiden, junge Mädchen, die nach der Schule ein Pflichtjahr im Reichsarbeitsdienst verrichten mussten, errichtet worden waren.“

Dankbarkeit für den Frieden

Als Werner Halter älter war hat er versucht etwas über den Verbleib des ehemaligen Kriegsgefangenen Johann zu erfahren, aber trotz der Nachforschungen leider nichts mehr von ihm gehört.

Umso mehr freut es seine Familie, dass sie sich seit vielen Jahren an der deutsch-französischen Städtepartnerschaft zwischen Rosenfeld und Moissy-Cramayel beteiligen können, obwohl das Ehepaar Halter fast kein Französisch und ihre französische Gastfamilie fast kein Deutsch spricht. Dies ist das beste Beispiel, dass man sich auch ohne viele Worte gut verstehen kann.

Ein Fazit indes bleibt: Werner Halter ist sehr dankbar, dass er und seine Familie seit 75 Jahre in Frieden leben dürfen und ehemalige Feinde zu Freunden wurden.

Diesen Artikel teilen: