Bisingen

„Das Wasser kam unglaublich schnell“: Wie Betroffene in Bisingen das Hochwasser erlebt haben

14.05.2024

Von Olga Haug

„Das Wasser kam unglaublich schnell“: Wie Betroffene in Bisingen das Hochwasser erlebt haben

© Olga Haug

Mit Noppenfolie gegen Hochwasser: Maria Rager reagierte instinktiv auf das steigende Wasser beim Unwetter vom 2. Mai in Bisingen und versiegelte ihre Türen mit Polsterfolie. Derweil kam für die Sparkassenfiliale in der Hauptstraße jede Hilfe zu spät. Das Wasser drang ungehindert in das Gebäude, der Keller lief binnen Minuten voll. Die Aufräumarbeiten dauern in der Bank noch an (rechts).

Rund anderthalb Wochen nach dem Unwetter kämpfen Bürger und Gemeinde in Bisingen nach wie vor gegen nasse Keller und die Angst vor einem erneuten Hochwasser. Der ZOLLERN-ALB-KURIER hat vor Ort mit Betroffenen des Hochwassers gesprochen.

Hinter verschlossenen Türen hört man die Bautrockner brummen. Maria Ragers Haus steht im Lindenplatz 2. Hier wohnt die 72-Jährige seit 55 Jahren, doch so etwas habe sie noch nie erlebt. „Das Wasser kam unglaublich schnell“, sagt die Frau im Gespräch mit unserer Zeitung und lässt uns ins Erdgeschoss ihres Hauses.

Instinktiv zu Noppenfolie gegriffen

Hier zeigt sie, wie sie gegen das Hochwasser vom 2. Mai gekämpft hat. Instinktiv habe die Seniorin zu Noppenfolie gegriffen, die sie zufällig noch im Haus hatte. „Ich habe die Folie am Türrahmen entlang festgesteckt.“ Entgegen der dringenden Empfehlung ihres Schwiegersohnes, der bei der Freiwilligen Feuerwehr an jenem Abend und in der Nacht im Dauereinsatz war, ins Obergeschoss zu gehen, weil die Türen einzubrechen und die Frau folglich zu ertrinken drohe, ist Maria Rager im Keller geblieben und hat versucht, zu retten, was noch zu retten war.

„Das Wasser ist Gott sei Dank nicht in den Waschraum gelaufen“

Das Hochwasser traf Rager unerwartet. „Ich war eben noch am Marmelade machen, da stand plötzlich das Wasser“, erinnert sich die Bisingerin. Bekannte eilten zur Hilfe herbei. Binnen kürzester Zeit stand das Wasser 80 cm hoch in Ragers Hof und Wintergarten. Ebenso hoch wurde die Wand ihres Hauses in Mitleidenschaft gezogen und muss erneuert werden. Bis auf Teppiche, mit denen Maria Rager dem Wasser im Keller Herr werden wollte, blieben die Dinge in ihrem Haus weitestgehend unbeschädigt. „Das Wasser ist Gott sei Dank nicht in den Waschraum gelaufen“, ist die Rentnerin froh. Hier stehen Waschmaschine, Gefrierschrank und Lebensmittel. Auch die Öltanks haben das Hochwasser unbeschädigt überstanden – ganz im Gegensatz zu Maria Ragers Nachbarn von gegenüber.

„Das Wasser kam unglaublich schnell“: Wie Betroffene in Bisingen das Hochwasser erlebt haben

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Maria Rager zeigt hinter ihrem Haus, wie hoch das Wasser gestiegen war.

„Wir waren bis 4 Uhr morgens im Dauereinsatz“, sagt Rager und zeigt hinter ihrem Haus, wie hoch das Wasser am 2. Mai gestiegen war. Unmittelbar hinter ihrem Haus verläuft der Klingenbach, „eigentlich ein Rinnsal im Sommer“, sagt Sabrina Hölsch. Wir treffen die junge Mutter mit ihren beiden Kindern auf der Straße. Sie sind unterwegs nach Hause. Seit 10 Jahren wohnt die Familie in der Klingenbachstraße. Gebannt schaute sie an jenem verhängnisvollen Tag aus dem Fenster und beobachtete, wie das Wasser immer weiter stieg. Doch bis zu ihrem Haus ist es nicht gekommen. „Unser Haus liegt hoch genug“, ist die junge Frau froh, deren Mann bei der Feuerwehr am 2. Mai rund 36 Stunden im Dauereinsatz war.

„Das Wasser kam unglaublich schnell“: Wie Betroffene in Bisingen das Hochwasser erlebt haben

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Sabrina Hölsch wohnt mit ihrem Mann und den beiden Kindern in der Klingenbachstraße. Ihr Haus wurde glücklicherweise nicht beschädigt.

Die Familie hatte Glück, denn es sind vor allem Häuser entlang des Klingen- und Weidenbachs betroffen. „Davon sind schätzungsweise 10 Häuser stark betroffen und aktuell teils nicht bewohnbar“, sagt Bürgermeister Roman Waizenegger im Gespräch mit dem ZOLLERN-ALB-KURIER.

Angst sitzt tief

Anderthalb Wochen nach dem Unwetter scheint in Bisingen die Sonne, es herrschen sommerliche Temperaturen, doch die Angst sitzt bei den Bewohnern noch tief. Die macht sich vor allem dann bemerkbar, wenn die Wetterprognosen Starkregen voraussagen. Da geht es dem Bürgermeister nicht anders, als den Bewohnern seiner Gemeinde: „Es tauchen natürlich bei jeder weiteren Ankündigung von Unwettern die Bilder vom 2. Mai wieder vor dem geistigen Auge auf und es besteht ein äußerst ungutes Gefühl. Daher wird die Wetterlage noch intensiver beobachtet.“

„Ich stand oben am Fenster und dachte nur: Nein, bitte nicht weiter“

Große Angst verspürt auch Irmgard Mayer. Sie hat einen großen Garten, der direkt an den Klingenbach grenzt. „Ich stand oben am Fenster und dachte nur: Nein, bitte nicht weiter“, erinnert sich Mayer an den schrecklichen Moment, der vor allem von Ohnmacht geprägt war.

Wir treffen Irmgard Mayer bei der Gartenarbeit an. Ihr Garten ist groß und gut gepflegt. Mayer steckt viel Mühe in ihre grüne Oase. Doch trotz der vielen Arbeit, ist sie froh, dass es an dem 2. Mai nur den Gartenzaun und nicht das Haus erwischt hat. „Hier stand ein Ahornbusch. Der ist einfach weg“, zeigt Mayer auf eine leere Stelle neben ihrem Gartenhäuschen. Irmgard Mayer ist in Bisingen aufgewachsen, lebt seit jeher in dem Haus neben dem Klingenbach, doch auch sie hat so etwas noch nie erlebt, sagt die 74-Jährige.

„Das Wasser kam unglaublich schnell“: Wie Betroffene in Bisingen das Hochwasser erlebt haben

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Irmgard Mayer wohnt direkt neben dem Klingenbach. Vom Hochwasser war zum Glück nur ihr Garten betroffen.

Die Unwetterwarnungen der nächsten Tage versetzen sie in einen Angstzustand. Beruhigend sei aber, dass man nicht allein ist: „Die Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft und in der Gemeinde allgemein sei unglaublich groß“. Das findet auch Maria Rager. „Ob Feuerwehr, THW, das Rathaus oder Nachbarn – die Hilfsbereitschaft war unbeschreiblich“, betont Rager, deren Teich im Garten noch am Abend des Unwetters von der Feuerwehr abgepumpt wurde. Er war voller Schlamm.

„Das Wasser kam unglaublich schnell“: Wie Betroffene in Bisingen das Hochwasser erlebt haben

© Olga Haug

Der Tanklastwagen lässt Schlamm in den Klingenbach. Zuvor ist der Schlamm aus den Kanälen gepumpt worden.

Auch wenn weitestgehend Normalität in der Gemeinde eingekehrt ist, sind die Nachwirkungen des Unwetters noch deutlich zu sehen. Ein großer Tanklastwagen lässt Schlamm in den Klingenbach ab – Schlamm, der zuvor aus übergelaufenen Kanälen abgepumpt worden ist. Selbiger Schlammentsorger steht kurze Zeit später neben der Sparkassenfiliale in der Hauptstraße. Das Gebäude war besonders stark betroffen. Der Keller war vollgelaufen, das Wasser drang ungehindert in das Gebäude.

Sparkasse bis auf Weiteres geschlossen

Wie ein Plakat am Eingang deutlich macht, bleibt die Filiale bis auf Weiteres geschlossen. Wenige Meter weiter bietet sich ein ähnliches Bild: Das Eiscafé Rialto ist von einem Absperrband umgeben, kaputte Möbel stehen vor der Tür.

„Das Wasser kam unglaublich schnell“: Wie Betroffene in Bisingen das Hochwasser erlebt haben

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Das Eiscafé Rialto ist derzeit alles andere, als ein Sommervergnügen.

100 Bautrockner hat die Gemeinde bislang ausgegeben. Wie Bürgermeister Waizenegger sagt, stehen noch weitere Geräte zur Verfügung. Auch sonst steht Hilfe in Aussicht. Am Donnerstag soll es um 18.30 Uhr in der Hohenzollernhalle eine Informationsveranstaltung für Betroffene geben.

Wie die Gemeinde auf Nachfrage unserer Zeitung informiert, sind aktuell mehr als 43.700 Euro auf dem Spendenkonto angekommen. Wie das Geld verteilt wird, soll ein Gremium zu gegebener Zeit entscheiden, erklärt Bürgermeister Waizenegger. Außerdem erstellt die Gemeinde aktuell Präventivmaßnahmen. Auch Maria Rager hat Vorkehrungen getroffen: Eine neue Rolle Noppenfolie ist schon bestellt.

Infos für Betroffene

Am Donnerstag, 16. Mai, gibt es um 18.30 im kleinen Saal der Hohenzollernhalle eine Informationsveranstaltung des DRK Ortsvereins Bisingen für Betroffene.

Es soll Infos rund um Hochwasserschäden, deren Reparatur, Versicherungsfragen und weitere Hilfsangebote geben.

Eingeladen sind ein Bauunternehmer, der im Ahrtal als Helfer aktiv war, Vertreter einer Versicherung oder Gutachter und Vertreter der Gemeindeverwaltung.

Weitere Infos gibt es per E-Mail: hochwasser@drk-bisingen.de, oder Telefon: 015678 701235 (werktags ab 18 Uhr).

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