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Hechingen

Das Theater Lindenhof gibt ein Lustspiel im Schwurgerichtssaal des Hechinger Landgerichts

07.11.2019

von Diana Maute

Das Theater Lindenhof gibt ein Lustspiel im Schwurgerichtssaal des Hechinger Landgerichts

© Diana Maute

Dieses Mal Schauspiel durch und durch: Der Lindenhof gastierte mit Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Hechingen – vor ausverkauftem Hause.

Für die Prozessbeobachter ist es das pure Vergnügen, Kleists bekanntes Stück „Der zerbrochene Krug“ in dieser Atmosphäre zu erleben.

Es ist der Ort, an dem täglich Beschuldigte auf der Anklagebank Platz nehmen, Kläger und Zeugen auftreten und Anwälte zur Verteidigung ausholen. Der Ort, an dem Staatsanwälte ihre Plädoyers halten und Richter Recht sprechen. Und ja, manchmal kommt es tatsächlich vor, dass der Landgerichtssaal in Hechingen zu einer Bühne wird, auf der die Protagonisten versuchen, der Wahrheit einen ganz eigenen Anstrich zu verleihen.

Täglich Theater vor Gericht

„Tag für Tag erleben wir hier Theater; Szenen, die vom Drama bis zur Komödie reichen“, drückt es Landgerichtspräsidentin Luitgard Wiggenhauser aus. So manches Schauspieltalent sei hier schon zu Hochform aufgelaufen und hin und wieder komme es sogar vor, dass ein Angeklagter „singe.“ Justitia, die Göttin des Rechts, wird es mit Freude vernehmen.

Großes Publikum im Saal

Die meisten Menschen betreten ein Gerichtsgebäude dagegen eher mit einem etwas mulmigen Gefühl. „Kaum jemand kommt freiwillig hierher“, weiß Luitgard Wiggenhauser. Am Mittwochabend sah das ganz anders aus, und zwar aus gutem Grund: Es war kein Strafprozess, sondern das Gastspiel des Melchinger Theaters Lindenhof, das ein großes Publikum in den Schwurgerichtssaal lockte.

Kultur begegnet Justiz

Damit wurde genau das erfüllt, was Justizminister Guido Wolf, der dem Hechinger Landgericht höchstselbst einen Besuch abstattete, in seinem Grußwort zum Theaterprojekt betonte: Dass sich „Kultur und Justiz in Baden-Württemberg auf schauspielerische Art und Weise für einen Moment aufeinander einlassen“ und die Rechtsprechung für die Öffentlichkeit auf positive Weise erlebbar wird.

Recht und Gerechtigkeit

Möglich macht dies das großartige Ensemble des Theater Lindenhof, das Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ in einer flotten Inszenierung von Franz Xaver Ott auf die Gerichtsbühne bringt. Ein Stück, das geradezu prädestiniert ist, das Thema Recht und Gerechtigkeit in den Fokus zu rücken.

Der Richter als Übeltäter

In Hechingen ist es der schmucke Schwurgerichtssaal, in dem sich Richter Adam – meisterhaft verkörpert von Bernhard Hurm – um Kopf und Kragen redet. Unter dem gestrengen Blick des Gerichtsrats Walter (Martin Olbertz) hat er eine Verhandlung zu leiten, bei der er seinem Amte entsprechend auf dem Richterstuhl sitzt, eigentlich aber auf die Anklagebank gehören würde. Denn er selbst war es, der den Krug der Klägerin Marthe Rull (Carola Schwelien) zerbrochen hat, als er des Nachts zu deren Tochter Eve (Kathrin Kestler) ins Haus geschlichen war. Der Richter als Übeltäter, der weiß: „Zum Straucheln braucht’s doch nichts als Füße.“ Fallen will er jedoch nicht und so tut er alles, um seine Schuld zu vertuschen.

Der Krug ist nur noch Nebensache

Eine Atmosphäre des Misstrauens breitet sich aus, Wahrheit und Ehrbarkeit werden zu schwammigen Begriffen, die sich durch gegenseitige Schuldzuweisungen und Vorwürfe nach und nach aufzulösen scheinen. Der zerbrochene Krug ist nur noch Nebensache, jetzt geht es um viel mehr, nämlich um Recht und Gerechtigkeit.

Für die Zuschauer ist es das pure Vergnügen, als „Prozessbeobachter“ mitzuverfolgen, wie sich der Richter müht, den Verdacht auf Eves Verlobten Ruprecht (Luca Zahn) zu lenken, dessen Vater (Peter Höfermayer) ihn vehement verteidigt.

Den Teufel gesehen

Wie er unter den gezielten Fragen des gewitzten Gerichtsschreibers Licht (Karlheinz Schmitt) ins Schwitzen gerät, sich unaufhaltsam in Lügengespinste verstrickt, sein Blick, seine Mimik immer gehetzter werden. Dazwischen die geifernde Klägerin, der bohrende Gerichtsrat und die Zeugin Frau Brigitte (Ronja Schweikert), die auch noch den Teufel gesehen haben will.

Obendrein noch wilde Musik

Zwischen den Auftritten wilde Musik, die dem Ganzen noch mehr Schwung verleiht und den Akteuren Gelegenheit gibt, sich voll auszutoben. Eine Jonglage aus Ernsthaftigkeit und Wortwitz, die die skurrile Situation hoch und höher schaukelt. Ein Stück, das die Differenz zwischen Schein und Sein hell aufleuchten lässt und den Wert der Rechtsprechung vor der Kulisse eines realen Richterstuhls pointiert vor Augen führt.

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