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Stuttgart

Dagegen, aber seriös: Meßstetter Kreisrat Andreas Hauser besucht Stuttgarter Corona-Demo

18.05.2020

Von Michael Würz

Dagegen, aber seriös: Meßstetter Kreisrat Andreas Hauser besucht Stuttgarter Corona-Demo

© Andreas Hauser

Familienausflug zur Demo: Ein Mädchen hält ein Schild in die Höhe, auf dem „Schulen auf!“ steht. Das Kind im Leiterwagen hält ein Plakat, auf dem eine durchgestrichene Impfspritze abgebildet ist.

Andreas Hauser aus Meßstetten hadert – mit seiner Partei „Die Linke“, mit der Corona-Politik, auch mit den Medien. Am Samstag besuchte das Kreistagsmitglied die Demo in Stuttgart.

Querdenken – so nennt sich die Stuttgarter Initiative, der am Samstag erneut Tausende Gegner der Corona-Maßnahmen auf den Cannstatter Wasen folgten. Querdenken – für Andreas Hauser ist das vielleicht sogar ein Lebensmotto: „Ich scheue mich nicht, auch mal alleine dazustehen“, sagt der Meßstetter. So wie auf dem Wasen, wo Hauser außer ihm niemand aus dem parteipolitischen Spektrum ausmachen konnte – dafür, zum Beispiel, viele Familien, viele „ganz normale Leute“ aus der Mittelschicht. Und: eine Reichskriegsflagge. Hauser betont: „Die Veranstalter der Demo kritisieren das.“ Und er glaubt, man könne dies nicht unterbinden. „Würde man diese Leute vom Gelände verweisen, würde dies nur zur Eskalation beitragen.“

Dagegen, aber seriös: Meßstetter Kreisrat Andreas Hauser besucht Stuttgarter Corona-Demo

© Andreas Hauser

Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben – auch diese Botschaft gab es auf dem Wasen zu lesen.

Lieber berichtet er von Demo-Teilnehmern, die Pace-Flaggen schwenkten, das Symbol der Friedensbewegung. Und jene Teilnehmer, deren Existenzangst sie auf den Wasen treibe. Mit ihnen wollte sich der Kreisrat am Samstag unterhalten, um sich „ein eigenes Bild zu machen“. Hauser sieht in ihnen, den Schwachen, seinen politischen Auftrag. Doch habe sich dies als schwierig herausgestellt – der lauten Geräuschkulisse und der Abstandsregeln wegen. Die, wie Hauser sagt, bei der Demo penibel eingehalten worden seien: „Die Polizei hatte Langeweile.“

Wunsch nach lauter Opposition

Der in Oberdigisheim Lebende gehört zur wachsenden Gruppe derjenigen, die sich eine stärkere Opposition gegen die Corona-Politik in Bund und Land wünscht. Wissenschaftler etwa, die Zweifel an der Wirksamkeit von Corona-Maßnahmen haben, kommen Hauser in der politischen Debatte zu kurz. Er verweist auf Medizin-Professor John Ioannidis von der Stanford-Universität. Ioannidis hatte sich in einer Studie mit der Gefährlichkeit des Virus auseinandergesetzt – und die Maßnahmen scharf kritisiert.

Auf der Demo in Stuttgart hingegen hieß es am Samstag: Vorhang auf für den einstigen SPD-Bundestagsabgeordneten und Arzt Wolfgang Wodarg, der sich in einer Videobotschaft an die Demonstrierenden wandte. Wodarg ist eine Art Gallionsfigur der Protestbewegung, einer der die Corona-Maßnahmen als Panikmache tituliert. Einer, dessen Corona-Thesen jedoch seriösen Überprüfungen kaum standhalten. Ehemalige Weggefährten Wodargs distanzieren sich deshalb nachdrücklich von seinen Aussagen. Auf dem Wasen hingegen ist ihm Applaus sicher.

Dagegen, aber seriös: Meßstetter Kreisrat Andreas Hauser besucht Stuttgarter Corona-Demo

© privat

Andreas Hauser

Der Mann in Stuttgart: Andreas Hauser sitzt für „Die Linke“ im Kreistag des Zollernalbkreises – noch. Hauser plant, seine Parteimitgliedschaft ruhen zu lassen. Er will damit ein Zeichen setzen gegen die aus seiner Sicht mangelnde Oppositionsarbeit der Linken in der Coronakrise. Hauser säße dann fortan parteilos im Kreistag. Er bemängelt: „Meine Partei hat nicht mehr im Angebot als den Ruf nach Rettungsschirmen. Die Linke betreibt keine echte Opposition.“

Hauser ahnt, das ist ihm anzumerken, dass diese polarisierenden Stimmen der Bewegung wohl eher schaden als nutzen könnten. Ganz zu schweigen von extremistischen Gruppierungen jedweder Couleur, die den Corona-Protest für sich entdeckt haben. „Gewalt geht gar nicht“, sagt Hauser, und schließt dabei auch Linksextreme mit ein, die im Verdacht stehen, in Stuttgart drei Menschen auf dem Weg zur Demo verprügelt und einen Brandanschlag auf die Veranstaltungstechnik verübt zu haben.

Hilflose Erzieherinnen

Hauser will vielmehr, dass diejenigen eine Stimme erhalten, die sich von der Regierung vernachlässigt sehen. Als Beispiel führt er zwei Erzieherinnen an, die ihr Leid am Samstag auf dem Wasen geklagt hätten. Hauser verzweifelt an dieser Stelle auch an seiner eigenen Partei, die nicht mehr im Angebot habe als nach Rettungsschirmen zu rufen. „Die Linke betreibt keine echte Opposition“, kritisiert Hauser. Kindergärten etwa stünden vor teils unlösbaren Herausforderungen oder unpräzisen Regelungen. „Und am Ende ist der Kindergartenträger der Böse, so einfach kann man es sich doch nicht machen.“ Hauser zweifelt an den Abstandsregeln, hält dieses Dogma für wissenschaftlich umstritten. Und plädiert für lokalere Lösungen.

Nur keine einheitlichen Regeln

„Der Föderalismus bewährt sich in der Krise, ich bin absolut dagegen, dass der Bund alles regelt“, appelliert der Kreisrat. Könnte er, würde er die Regelungen sogar noch lokaler abstufen, dort, wo die Zahlen besonders gering sind, noch mehr Lockerungen zulassen. Denn: An Italien oder Frankreich könne man sehen, dass Länder, die auf nationaler Ebene agieren, noch größere Schäden verursachen. Hauser meint die sogenannten Kollateralschäden: wirtschaftliche Opfer, psychosoziale Opfer. Auch sie würden zu wenig berücksichtigt, mahnt Hauser.

So kritisiert er auch, dass etwa über die Erzieherinnen auf der Demo nicht berichtet werde. Ohnehin habe er nach der Lektüre kritischer Bücher ein eher negatives Bild, insbesondere von den öffentlich-rechtlichen Medien. Hauser allerdings gehört nicht zu denjenigen, die auf dem Wasen laut „Lügenpresse“ rufen.

Dagegen, aber seriös: Meßstetter Kreisrat Andreas Hauser besucht Stuttgarter Corona-Demo

© Andreas Hauser

Ein Demonstrant schwenkt die Deutschlandflagge.

Vielmehr bemüht er sich um Differenzierung. Regionalzeitungen würden demnach ausgewogener berichten, in TV-Talkshows hingegen „gibt es vielleicht mal einen, der eine andere Meinung hat“. Und der, findet Hauser, werde dann niedergebrüllt. Dabei sei es noch nicht zu spät, „das Ruder herumzureißen“, sagt er. Doch die Zeit für eine echte Kehrtwende in der Corona-Politik, „um das Schlimmste zu verhindern“, werde knapper. Hauser glaubt: „Während der Lockdown-Phase ist versäumt worden, wissenschaftliche Grundlagen zu schaffen.“ Sein Fazit: Viele der gegenwärtigen Maßnahmen sind aus seiner Sicht unverhältnismäßig. Davon sei er jeden Tag ein wenig mehr überzeugt. „Ich sage aber auch: Wenn ich mich am Ende vergaloppiert habe, habe ich kein Problem damit, das einzuräumen.“

Kommentar: Nicht aufs falsche Pferd setzen

Gewiss – ein Land, das drastische Eingriffe in die Grundrechte regungslos hinnähme, wäre ein Grund zur Sorge. Die Maßnahmen der Regierung müssen auf den Prüfstand, kritische Stimmen ernstgenommen werden. Das darf im Umkehrschluss aber nicht bedeuten, dass wer „dagegen“ ist, sich frei von Kritik machen kann. Vielmehr empfiehlt sich ein ganz genauer Blick – auf die Initiatoren der Bewegung etwa, die sich Meinungsfreiheit auf die Fahnen schreiben, aber nur mit Journalisten sprechen, wenn diese dubiose Erklärungen unterzeichnen. Das ist ein demokratisches No-go, zumindest ein zweifelhaftes Verständnis von Pressefreiheit.

Umso mehr aber braucht es über Parteigrenzen hinweg Menschen wie den Meßstetter Kreisrat Andreas Hauser – die antreten, um den Protest zu rationalisieren, Grautöne herauszuarbeiten, sich selbst reflektieren. Und vor allem denjenigen eine Stimme geben, die tatsächlich schwer unter der Corona-Situation leiden. Hausers Kritik an den Regelungen für die Kindergärten etwa ist berechtigt. Wer für die bürgerliche Mehrheit der Kritiker sprechen möchte, tut jedoch gut daran, genau zu prüfen, auf welches Pferd er setzt.

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