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Albstadt

Albstädter Literaturtage: Das Theater unter der Laterne auf der Achterbahn der Gefühle

26.11.2019

Von Ulrike Zimmermann

Albstädter Literaturtage: Das Theater unter der Laterne auf der Achterbahn der Gefühle

© Ulrike Zimmermann

Im Bergcafé: Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein gingen in ihren Rollen auf.

Szenische Lesung mit dem Theater unter der Laterne im Burgfelder Bergcafé: „Die idealste Liebesaffäre ist per Briefpost“, behauptete der irisch-britische Dramatiker Georg Bernhard Shaw. Er wusste, wovon er sprach.

Seine rein platonische Liebesgeschichte war mit „Geliebter Lügner“ im Bergcafé in Burgfelden im Rahmen der Literaturtage Albstadt zu hören. Grundlage der szenischen Lesung bildeten die über 100 Briefe, die in 40 Jahren (1899 bis 1939) zwischen ihm und der Schauspielerin Beatrice Stella Campbell Zeugnis von einem Paar ablegen, das nie eins war und doch Freud und Leid miteinander teilte.

Ungewöhnliche Liebesbeziehung

Briefe – wie langweilig, mag der eine oder andere denken. Aber nicht, wenn Gabriele Gatzweiler und Christoph Holbein vom Theater unter der Laterne lesen. Die beiden hauchen den Briefen so viel Lust und Leben ein, dass man diese ungewöhnliche Liebesbeziehung am Ende gleich noch einmal hören möchte. Die pointierten Dialoge des Paars auf Distanz geben nicht nur einen tiefen Einblick in das Seelenleben der beiden Korrespondenten, sondern sind zugleich ein Spiegelbild der historischen Geschehnisse jener Zeit.

Shaw verliebt sich Hals über Kopf in Stella

Der 42-jährige Shaw sah die acht Jahre jüngere Stella, verliebte sich Hals über Kopf, und nannte sie eine „große Bezauberin“. Während die Schwärmerei am Anfang eher einseitig war, kommt es im Laufe der Jahre zu einem ebenbürtigen Schlagabtausch voller Spannung und Witz zugleich. Ein Spiel mit offener und versteckter Ironie zwischen leidenschaftlichem Werben, Eifersucht und gekränkten Eitelkeiten. Erst Jahre später kommt es zu einer Zusammenarbeit in „Pygmalion“.

Rolle auf den Leib geschrieben

Die Rolle des Blumenmädchens Eliza schreibt Shaw der Schauspielerin Campbell auf den Leib. „Gut, ich will Deine Schlampe spielen“, akzeptiert die immerhin 48-jährige Campbell die Rolle der 20-jährigen Eliza Doolittle. Das Wortgeplänkel ist köstlich. Mal echauffierte sich Christoph Holbein alias Shaw lautstark darüber, dass ihr Jargon für Eliza nicht gossenhaft genug ist, um danach gleich wieder schmeichelnd ihr Talent zu loben.

Es gibt kein Happy End

Mit diebischer Freude schlüpft Gabriele Gatzweiler in ihre Rolle, um den Dramatiker einen Spiegel vorzuhalten. Sie nennt ihn „Geliebter Lügner“ und „Löwe ohne Begierde“ in ihren Briefen, schwärmt und giftet ihn an und wartet doch sehnsüchtig auf seine Briefe. Aber es gibt kein Happy End. Die alternde Campbell muss sich mit immer kleineren Rollen begnügen.

Lebendiger Theaterabend

Am Ende ist sie dankbar, dass sie die Korrespondenz veröffentlichen kann: „Niemand wird etwas anderes denken als was für köstliche Briefe das sind und was für ein lieber Mensch Du bist.“ Die szenische Lesung war ein lebendiger Theaterabend mit einer überzeugenden Leistung der beiden Protagonisten, die den Vergleich mit dem gleichnamigen Hörspiel von Iris Berben und Mario Adorf nicht scheuen muss.

Die Briefe gibt es tatsächlich. Als die Schauspielerin 1940 verarmt und einsam in Südfrankreich starb, fand man sie sorgsam sortiert in einer Hutschachtel neben dem Bett.

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