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Albstadt

Hunderte kleine Erdbeben: Am Mittwoch rücken in Albstadt Forscher an

10.09.2019

Von Michael Würz

Hunderte kleine Erdbeben: Am Mittwoch rücken in Albstadt Forscher an

© RP Freiburg

Die Originalkarte des Landeserdbebendienstes: Hier, zwischen Onstmettingen und Hausen, bebt seit Tagen die Erde.

In Albstadt bebt seit Sonntag immer wieder die Erde. Grund zur Sorge gibt es nicht, sagen Geologen. Sie erhoffen sich wissenschaftliche Erkenntnisse – erstmals liegt das Epizentrum exakt auf der Kreuzung zwischen dem Hohenzollerngraben und der sogenannten Albstadt-Scherzone.

Sowohl am Sonntag als auch am Montag hat der Landeserdbebendienst zahlreiche Erschütterungen in Albstadt registriert – allesamt sehr kleine Erdbeben in mehreren Kilometern Tiefe. Das stärkste hatte die Magnitude 1.7. „Es handelt sich hier um einen sogenannten Erdbebenschwarm“, erklärte am Dienstag der Geophysiker Dr. Stefan Stange, der den Landeserdbebendienst Baden-Württemberg leitet. Bei den Erdbeben, die auf der Webseite des Regierungspräsidiums Freiburg nachzulesen sind, handele es sich lediglich um die stärksten Knackser, wie Stange die kleinen Erschütterungen nennt. Sie hatten bei vielen Albstädtern Besorgnis erregt.

Deshalb sehen Experten keinen Grund zur Sorge

Insgesamt haben die Wissenschaftler in den vergangenen Tagen mehrere hundert solcher Ereignisse in Albstadt aufgezeichnet. Ein Grund zur Sorge? Nein, betont Stange. „Die Erdbeben sind kein Anzeichen für etwas Schlimmeres.“ Allein die Technik habe sich verbessert. „Vor 10 oder 15 Jahren hat es diese Erdbeben sicher auch schon gegeben.“ Modernste Technik mache es möglich, diese heute aufzuzeichnen, sagt Stange. Zuletzt habe man einen solchen Erdbebenschwarm im Oktober gemessen – bei Tailfingen.

Ein Geologenteam rückt am Mittwoch in Albstadt an

Die aktuellen Erschütterungen allerdings wecken dennoch das Interesse der Erdbebenbehörde: „Denn die Ereignisse liegen diesmal wirklich sehr dicht am Hohenzollerngraben“, erklärt Stange. Das könnte bedeuten, dass die Wissenschaftler wertvolle geologische Erkenntnisse gewinnen. „Oft ist vom Hohenzollerngraben die Rede, wenn es in der Region Erdbeben gibt“, weiß Stange. „Das ist aber in den meisten Fällen gar nicht richtig.“

Ein Geologenteam des Regierungspräsidiums Freiburg, bei dem der Landeserdbebendienst angesiedelt ist, rückt am Mittwoch nach Albstadt aus. Im Gepäck haben die Forscher vier mobile Messstationen, die sie auf einer Länge von 100 Metern aufstellen werden – allerdings einige Kilometer vom Epizentrum entfernt. Letzteres sei für die Geologen weniger interessant.

Wie breiten sich die Beben aus?

„Wir haben stattdessen einen Standort ausgesucht, von dem wir zum Beispiel verfolgen können, wie und in welche Richtung sich die Beben ausbreiten“, erklärt Geophysiker Stange. Die Entscheidung, vor Ort Messungen durchzuführen, fiel am Dienstagnachmittag – nachdem sich abgezeichnet hatte, dass der Erdbebenschwarm noch weiter aktiv ist.

Eine Chance für die Wissenschaft

Die Geologen sehen in ihm eine geradezu einmalige Chance für die Wissenschaft: Noch nie sei es gelungen, Erdbeben in der Albstadt-Scherzone zu erforschen, wo sie den Hohenzollerngraben kreuzt. „Den Graben kennt jeder“, sagt Stange. „Er ist gut sichtbar.“ Für die Forscher aber sei die Aktivität der Scherzone besonders interessant – sie verläuft nicht etwa parallel, sondern quer zum Hohenzollerngraben. Und war verantwortlich für schwere Erdbeben in der Geschichte – auch für jenes, das am 3. September 1978 verheerende Schäden in Albstadt angerichtet hatte. „Bis heute gibt es dazu noch viele offene geologische Fragen“, erklärt Stange. Dementsprechend weckt der aktuelle Erdbebenschwarm am Rande Onstmettingens nun größtes Interesse der Wissenschaftler.

Beben im Netz: Albstädter diskutieren auf Facebook

Albstädtern, die die Meldungen des Landeserdbebendienstes regelmäßig im Internet verfolgen, war der Erdbebenschwarm bereits am Montag aufgefallen – sie verbreiteten die Meldungen auf Facebook, wo sich Bürger teils besorgt über die Messergebnisse äußerten. „Einmal miterleben reicht mir voll und ganz“, schreibt eine Userin. „Ich finde das nicht besonders beruhigend“, eine andere. Und manch einer nimmt es mit schwarzem Humor: „Ich warte seit 15 Jahren mit dem Verputzen der Außenfassade.“

Das Trauma von 1978 ist in Albstadt immer präsent

Die Katastrophe 1978 sitzt vielen Albstädtern noch im Hinterkopf. Das Erdbeben, das sich am 3. September zum 41. Mal jährte, hatte eine Stärke von 5,7. Die Angst vor einem verheerenden Beben wie jenem beunruhigt stets viele, wenn der Landeserdbebendienst leichte Erdstöße in der Region misst.

Das Gefahrengebiet Geht es um Erdbeben in der Region, ist meist die Rede vom bekannten Hohenzollerngraben. Interessant für die Forscher ist hingegen die Albstadt-Scherzone, die den bekannten Graben kreuzt. Die drei großen Erdbeben (1911, 1943, 1978) gehen auf ihr Konto, viele schwächere Erdstöße ebenfalls.

Die Forschung Die Geologen, die am Mittwoch in Albstadt Quartier beziehen, arbeiten mit sogenannten Mini-Arrays. Dabei handelt es sich um besonders sensible Messgeräte, die zur Erforschung von Erdbebenschwärmen eingesetzt werden. Mit ihnen können die Eigenschaften des Wellenfeldes sehr präzise bestimmt werden.

Vorhersage In Baden-Württemberg beobachtet das Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) mit seinem Landeserdbebendienst in Freiburg permanent die Erdbebenaktivität. Eine seriöse und zuverlässige Vorhersage ist nach dem heutigen Stand der Wissenschaft jedoch nicht möglich.

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