Eine Hüft-OP ist für viele Operateure Routine - doch fehlerhaftes Material kann schwerwiegende Folgen haben. Foto: Orthopedic surgery, Saint George Clinic, Nice, France Fitting dual mobility hip prosthesis in patient suffering from osteonecrosis The surgeon plans the operation using the patientÕs x-rays. (Photo by: BSIP/UIG via Getty Images)
Eine Hüft-OP ist für viele Operateure Routine - doch fehlerhaftes Material kann schwerwiegende Folgen haben. Foto: Orthopedic surgery, Saint George Clinic, Nice, France Fitting dual mobility hip prosthesis in patient suffering from osteonecrosis The surgeon plans the operation using the patientÕs x-rays. (Photo by: BSIP/UIG via Getty Images)
Eine Hüft-OP ist für viele Operateure Routine - doch fehlerhaftes Material kann schwerwiegende Folgen haben. Foto: Orthopedic surgery, Saint George Clinic, Nice, France Fitting dual mobility hip prosthesis in patient suffering from osteonecrosis The surgeon plans the operation using the patientÕs x-rays. (Photo by: BSIP/UIG via Getty Images)
Eine Hüft-OP ist für viele Operateure Routine - doch fehlerhaftes Material kann schwerwiegende Folgen haben. Foto: Orthopedic surgery, Saint George Clinic, Nice, France Fitting dual mobility hip prosthesis in patient suffering from osteonecrosis The surgeon plans the operation using the patientÕs x-rays. (Photo by: BSIP/UIG via Getty Images)

Ulm, Freitag, 7. Dezember 2018

Gift aus der Hüftprothese

Der Skandal um fehlerhafte Implantate sorgt weltweit für Aufsehen. Ein Fall mit hunderten Betroffenen spielt in Freiburg. Viele Patienten leiden bis heute.

von AMREI GROSS

Schmerzen begleiteten Maja de Groot (Name geändert) viele Jahre lang. Eine Hüftprothese kam für die Tänzerin mit holländischen Wurzeln dennoch nicht in Frage. „Mit Krankengymnastik und Tabletten habe ich über zehn Jahre eine notwendige Operation vermieden“, sagt sie. Bis der Tag kam, an dem sie vor Schmerzen keinen Schlaf mehr fand. „Ich konnte nicht liegen, mich nicht mehr drehen“, erinnert sich de Groot.

2005 ließ sie sich am Lorettokrankenhaus in Freiburg operieren. Auf beiden Seiten erhielt sie das künstliche Hüftgelenk Großkopf Durom-Metasul – ein Produkt, das ihr die Ärzte wärmstens empfahlen: „Sie sagten mir, dass ich damit wieder tanzen könnte.“ De Groot vertraute auf das Urteil der Experten. Sie verwarf ihren Wunsch nach dem Keramik-Standardmodell, mit dem ein Bekannter gute Erfahrungen gemacht hatte.

Die OP verlief gut. Doch nur wenige Monate später fanden Maja de Groots Hoffnungen ein jähes Ende. In einem Schreiben informierte die Klinik sie über Probleme mit dem Prothesen-Modell: Unter Belastung lösten sich feine Metallspäne, die das umliegende Gewebe angriffen.

Abermals musste de Groot unters Messer. Zufrieden ist die 71-Jährige bis heute nicht: „Ich kann maximal zehn Minuten am Stück gehen“, sagt sie. Danach werde es unangenehm. „Ich muss mir sehr genau überlegen, welche Strecken ich wirklich zu Fuß bewältigen muss.“ An Tanzen ist nicht zu denken.

De Groot hat die Herstellerfirma auf Schmerzensgeld verklagt. Das Verfahren läuft seit Jahren. „Die warten, dass noch mehr Patienten wegsterben“, glaubt sie.

Immerhin eines ist geschehen: Die Durom-Metasul-Hüfte wird nicht mehr vertrieben – mangels Nachfrage. Auf Anfrage unserer Zeitung kommt vom Hersteller Zimmer, ein US-Unternehmen mit Niederlassungen in der Schweiz und in Freiburg, keine Rückmeldung. Der Süddeutschen Zeitung, die mit anderen Medien den Skandal um fehlerhafte Medizinprodukte in den „Implant Files“ aufdeckte, antwortete die Firma. Sie teilte mit, dass sie nach wie vor davon ausgehe, dass die Gelenke nicht fehlerhaft seien.

Eine Aussage, die Hanspeter Hauke, dem Vorsitzenden der Selbsthilfegruppe Durom-Metasul-LDH-Hüftprothesen e.V., die Zornesröte ins Gesicht treibt. „Das ist ungeheuerlich“, sagt er. „Die Prothese ist nachweislich eine Fehlkonstruktion.“ Wie die Firma mit den Betroffenen umgehe, wie sie seit neun Jahren ein Urteil vor Gericht hinauszögere, spotte jeder Beschreibung.

Hauke ist selbst Betroffener. 2005 unterzog er sich nach jahrelangen Hüftproblemen „bedingt durch eine angeborene Fehlstellung und viel Sport“ einer Operation im Lorettokrankenhaus. Sein linkes Hüftgelenk wurde durch eine der neuen Durom-Prothesen ersetzt. „Das ist der Mercedes unter den Hüftprothesen“, habe sein Arzt ihm damals vorgeschwärmt, erinnert sich Hauke. Sie sei besonders geeignet für jüngere Patienten, die nach der OP wieder Sport treiben wollten. Hauke, begeisterter Fußballspieler, entschied sich für das Produkt.

Metallabrieb griff Knochen an

Knapp ein Jahr nach der Operation begannen die Probleme. „Die Strecken, die ich gehen konnte, wurden immer kürzer.“ Hauke ging zum Arzt, wurde aber ohne Befund nach Hause geschickt. „Das Röntgenbild sieht sehr gut aus, die Prothese sitzt“, hieß es. Es folgte ein ernüchternder Marathon von Arzt zu Arzt: „Ich wurde behandelt wie ein Simulant.“ Erst viel später stellte sich heraus, dass Haukes Oberschenkelhalsknochen durch Metallabrieb von der fehlerhaften Prothese angegriffen ist. „Die Chrom- und Kobaltwerte in meinem Blut waren 170 mal so hoch wie normal.“ Auf dem Röntgenbild war das Problem nicht zu sehen. 2010 wurde erneut operiert.

Heute ist Hanspeter Hauke Rentner. Seinen Beruf als Fernsehredakteur musste er aufgeben. „Ich habe ständig Schmerzen“, sagt er. Längeres Stehen ist nicht möglich . Geklagt hat er bislang nicht. „Ich warte, bis ein belastbares Urteil fällt.“ Ohne Rechtsschutzversicherung sei es unmöglich, die Gutachten zu finanzieren, die es derzeit brauche.

Im Lorettokrankenhaus ist man vorsichtig geworden. Die Klinik musste erst durch zwei aufwendige medizinische Studien beweisen, dass nicht ihre Ärzte für die Schäden verantwortlich seien, sondern das Material. „Es blieb uns damals nichts anderes übrig, als uns auf die CE-Kennzeichnung zu verlassen“, sagt Pressesprecher Thilo Jakob. Sie halte die Übereinstimmung des Produkts mit den gesetzlichen Bestimmungen fest. „Wir versuchen heute, uns nicht auf die Zertifizierung sowie die Aussagen von Herstellern zu verlassen, sondern auch Studien einzusehen.“ Von 2004 bis 2008 hatten in Freiburg 752 Patienten eine Durom-Prothese erhalten. Bei 226 Prothesen musste aufgrund von Problemen nachoperiert werden.

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