Immer wieder geben Betrüger sich am Telefon als Polizisten aus und ergaunern von den Angerufenen viel Geld.  Foto: Patrick Pleul/dpa
Immer wieder geben Betrüger sich am Telefon als Polizisten aus und ergaunern von den Angerufenen viel Geld. Foto: Patrick Pleul/dpa
Immer wieder geben Betrüger sich am Telefon als Polizisten aus und ergaunern von den Angerufenen viel Geld.  Foto: Patrick Pleul/dpa
Immer wieder geben Betrüger sich am Telefon als Polizisten aus und ergaunern von den Angerufenen viel Geld. Foto: Patrick Pleul/dpa

Tübingen, Freitag, 9. November 2018

Packt der „Keiler“ vor Gericht aus?

Falsche Polizisten scheffeln mit ihren Anrufen wegen angeblicher Einbrüche Millionen. Vor dem Tübinger Landgericht steht ein mutmaßlicher Täter.

von JONAS BLEESER

Dieser Prozess am Tübinger Landgericht dürfte bundesweit einmalig sein: Zum ersten Mal sitzt mutmaßlich ein „Keiler“ auf der Anklagebank. So nennen die Ermittler jene Anrufer, die rhetorisch äußerst gewandt bundesweit Senioren um ihr Vermögen bringen, indem sie sich als Polizeibeamte ausgeben. In der Regel arbeiten die „Keiler“ vom Ausland aus. Meist vermutlich aus der Türkei, die keine Staatsbürger nach Deutschland ausliefert.

Dass der 31-jährige Türke nun in Tübingen wegen des Vorwurfs des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs vor Gericht steht, hat zwei Gründe: Einerseits die Gründlichkeit der Ermittler, andererseits die Liebe zwischen dem Angeklagten und seiner Freundin.

Auf die Spur kamen die Fahnder dem Mann und fünf seiner Komplizen nach einem Betrug in Mössingen. Dabei hatte ein Anrufer, mutmaßlich der Angeklagte, einer älteren Frau eingeredet, ihr Vermögen sei in Gefahr: Eine rumänische Einbrecherbande habe sie im Visier. Nur bei der Polizei sei ihr Geld sicher. Stundenlang bearbeitete der angebliche Polizist die Frau, bis sie 18 000 Euro abhob und einem Komplizen des Betrügers übergab. Weil das so gut funktionierte, überredete sie der Anrufer, der sich als „Kommissar Neumann“ von der Polizei Mössingen ausgab, auch ihr Sparbuch mit 12 000 Euro aufzulösen. Ähnlich erging es weiteren Frauen im Südwesten.

Der Mössinger Fall war der Ansatzpunkt für die Kripo: Die Ermittler des Dezernats für Organisierte Kriminalität aus Esslingen stellten die Nummer fest, von der aus die alte Frau in Wahrheit angerufen worden war. Auf ihrem Display wurde durch einen technischen Trick die „110“ angezeigt. Tatsächlich handelte es sich um eine Handynummer, die aber nie in Deutschland im Mobilfunknetz auftauchte. Die Ermittler prüften deren Telefonkontakte. Dabei stießen sie auf ein Mobiltelefon, das zu dem Zeitpunkt in Mössingen ins Handynetz eingebucht war, als die Frau das Geld an einen angeblichen Polizisten aus der Bande übergab. Auch dieses Handy wurde überwacht, die Verbindungsdaten ausgewertet.

Name auf der Wade

Eines der häufig aus dem Ausland angewählten Handys gehörte einer Münchnerin. Sie war früher einmal erkennungsdienstlich behandelt worden, weshalb die Polizei Fotos von ihr hatte. Oberhalb der Brust und auf der Wade der Frau war ein Name tätowiert – der des Angeklagten. „So ergab ein Puzzlestück das andere“, sagte der leitende Ermittler als Zeuge.

Die Polizei nahm im Juni 2017 fünf Männer fest, die als Abholer das Geld der Senioren einsammelten. Das koordinierte der jüngere Bruder des nun angeklagten mutmaßlichen „Keilers“. Daraufhin setzte sich letzterer nach Marokko ab, wo er nach eigener Aussage ein neues Leben beginnen wollte. Als auch seine Freundin die Ausreise nach Casablanca vorbereitete, beantragte die Tübinger Staatsanwaltschaft einen internationalen Haftbefehl gegen den nun namentlich bekannten Verdächtigen. Der Mann wurde am Flughafen verhaftet und nach sieben Monaten, im Mai 2018, nach Deutschland ausgeliefert.

Der 31-Jährige wuchs als Sohn türkischer Einwanderer in München auf. Als sein Bruder als Jugendlicher an Krebs erkrankte, so schilderte er es vor Gericht, sei er durch diesen Schicksalsschlag immer mehr in die Drogensucht abgeglitten. Es folgten Gewalt- und Drogendelikte, dann die Ausweisung in die Türkei. Um dort Drogen kaufen zu können, so deutete er es vor Gericht an, habe er sich auf Illegales eingelassen.

Das Gericht bietet dem 31-Jährigen nun einen Deal an: Sollte er gestehen und umfassend Angaben machen, erwarten ihn höchstens fünfeinhalb Jahre Haft. Ob er dem Deal zustimmt, stand gestern noch nicht fest. Die Ermittler haben großes Interesse an seinen Insiderinformationen. Bisher wissen sie nicht, wie die nach ihren Vermutungen in regelrechten Callcentern organisierten Banden genau arbeiten – und wer im Hintergrund die Fäden zieht.

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