Fotos: Deutscher Buchpreis Foto: Fotos: Deutscher Buchpreis
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Frankfurt, Mittwoch, 12. September 2018

„Das Vergangene ist nicht tot“

Das übergreifende Thema lautet: Aus der Geschichte heraus die Gegenwart verstehen. Zum dritten Mal steht der Schriftsteller Stephan Thome im Finale: „Gott der Barbaren“ erzählt von China.

von VON JÜRGEN KANOLD

Es geht um den Deutschen Buchpreis, aber Christine Lötscher, die Sprecherin der Jury, bemühte gestern einen amerikanischen Nobelpreisträger, um die Romane zu klammern, die in diesem Jahr auf der Shortlist stehen. „Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“ – ein großer Satz Wilhelm Faulkners von 1951. Und tatsächlich hat die Jury sechs Romane ausgewählt, die „ganz unterschiedlichen Spuren in die Vergangenheit oder in mythische Schichten der Wirklichkeit“ folgen – und Brücken in die Gegenwart schlagen.

Ob diese sechs Bücher von vier Frauen und zwei Männern nun auch die sechs besten Romane des Jahres sind, die gelungensten und wichtigsten, ist naturgemäß diskussionswürdige Ansichtssache der Jury. Dass Maxim Biller aber mit seinem viel gelobten autobiografischen Roman „Sechs Koffer“ der Sprung von der Longlist (20 nominierte Titel) auf die Shortlist gelungen ist, überrascht nicht. Auch die aus Georgien stammende Nino Haratischwili gehört mit „Die Katze und der General“ zu den Favoriten.

Eine spannende Frage ist, wo die Jury am Ende den neuen, erst in dieser Woche bei Suhrkamp erschienenen Roman von Stephan Thome platzieren wird: „Gott der Barbaren“ hat mit 719 Seiten gewiss episches Buchpreis-Format und erzählt von einer anderen Zeit, die auf unsere verweist. Thome stand bereits zwei Mal auf der Shortlist: 2009 mit seinem Debüt „Grenzgänge“, einem leisen, dann doch explosiven Heimatroman aus Nordhessen; 2012 folgte der Roman „Fliehkräfte“, der von der Lebenskrise eines Philosophie-Professors mit Ende 50 erzählt. Sehr deutsche, unspektakuläre, aber tief bewegende Literatur. Und jetzt ein Geschichtsroman aus China, aus der Mitte des 19. Jahrhunderts?

So überraschend ist das nicht, der 46-Jährige ist ein studierter Sinologie, bereiste über Jahre Ostasien – und lebt in Taipeh. Der Leser begreift bald den Gegenwartsbezug dieses Romans: Es geht um religiösen Fanatismus, aber Thome lehrt auch, China besser zu verstehen, aus der Geschichte heraus. Der blutigste Aufstand dort gegen die staatliche Herrschaft war die Taiping-Rebellion, die ein christlicher Konvertit gegen den Kaiser in Peking anführte und die bis zu 30 Millionen Menschenleben forderte. Gleichzeitig beschleunigte die Welt- und Kolonialmacht England den Niedergang der Qing-Dynastie in zwei Opiumkriegen, in denen sie ihre wirtschaftlichen Interessen sicherte. China zu öffnen für die internationalen Märkte – das war schon Mitte des 19. Jahrhunderts, im Frühkapitalismus, eine Parole. Barbaren sind es, auf allen Seiten.

Thome erzählt seinen auch philosophisch fundierten Roman aus der Perspektive verschiedener Protagonisten: Da ist der deutsche Missionar Philipp Johann Neukamp, der mit großem Idealismus ins Riesenreich China aufbricht. Und es sind Lord Elgin, Sonderbotschafter der britischen Krone, und Zeng Guafon, Gelehrter und Oberbefehlshaber der Hunan Armee: zweifelnd Mächtige. Blinde Fortschrittsgläubigkeit wie gnadenloser Machtrausch, Fanatismus und Verführbarkeit in einer Welt, die sich radikal verändert: Das Vergangene, da gibt auch Thome dem Kollegen Faulkner gewiss recht, ist nicht vergangen.

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