Unauffällig mit gepflegtem Äußeren: Der 48-jährige Angeklagte im Entführungsfall Würth (links) sitzt zum Prozessbeginn im Landgericht Gießen neben seinem Verteidiger Alois Kovac. Foto: Arne Dedert/dpa
Unauffällig mit gepflegtem Äußeren: Der 48-jährige Angeklagte im Entführungsfall Würth (links) sitzt zum Prozessbeginn im Landgericht Gießen neben seinem Verteidiger Alois Kovac. Foto: Arne Dedert/dpa
Unauffällig mit gepflegtem Äußeren: Der 48-jährige Angeklagte im Entführungsfall Würth (links) sitzt zum Prozessbeginn im Landgericht Gießen neben seinem Verteidiger Alois Kovac. Foto: Arne Dedert/dpa
Unauffällig mit gepflegtem Äußeren: Der 48-jährige Angeklagte im Entführungsfall Würth (links) sitzt zum Prozessbeginn im Landgericht Gießen neben seinem Verteidiger Alois Kovac. Foto: Arne Dedert/dpa

Gießen/Künzelsau, Mittwoch, 12. September 2018

Rätsel um Komplizen

Nedzad A. muss sich wegen erpresserischen Menschenraubs vor dem Landgericht in Gießen verantworten. Das Opfer war der behinderte Sohn der Unternehmerfamilie Würth aus Künzelsau.

von HANS GEORG FRANK

Der Mann mit der sympathischen Stimme und dem gepflegten Äußeren auf der Anklagebank des größten Saals im Landgericht Gießen ist nach Überzeugung von Oberstaatsanwalt Frank Späth ein Verbrecher. Bis zu 15 Jahre Haft drohen dem 48-jährigen Serben Nedzad A., wenn Späth beweisen kann, dass er sich des erpresserischen Menschenraubs schuldig gemacht hat. Er soll an der Entführung von Markus Würth, Sohn der Unternehmerfamilie Würth aus Künzelsau, maßgeblich beteiligt gewesen sein. A. habe den Kontakt mit den Angehörigen hergestellt und drei Millionen Euro als Lösegeld gefordert, glaubt der Staatsanwalt anhand zahlreicher Indizien nachweisen zu können, wie gestern zum Prozessauftakt mit der Anklageschrift deutlich wurde.

Ob der Handwerker selber am 17. Juni 2015 das geistig behinderte Opfer (damals 50) in einer Einrichtung in Nordhessen gekidnappt hat, ist nicht bewiesen. Am Tatort wurde A. nicht gesehen. „Wir sind nicht sicher, dass es Mittäter gibt, auch eine Alleintäterschaft ist möglich“, erklärte Thomas Hauburger, Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen.

„Vermögende Familie“

Sein Kollege Späth geht davon aus, dass sich A. „mit unbekannten Mittätern“ im September 2014 dazu entschlossen hat, „von der vermögenden Familie drei Millionen Euro Lösegeld einzufordern“. Das Motiv soll eine finanzielle Notlage gewesen sein. Bei der Auswahl des Opfers habe vermutlich eine Rolle gespielt, dass Würth „einer der erfolgreichsten Unternehmer“ und das Logo der Firma weit verbreitet sei.

Nedzad A. habe im Herbst 2014 zwei Handys für die Kontaktaufnahme gekauft. Offenbar sollte ganz gezielt die Mutter angesprochen werden. Doch der erste Anruf gegen 14.40 Uhr in dem von Carmen Würth gegründeten Hotel Anne-Sophie, einem Integrationsprojekt in Künzelsau, brachte nicht den gewünschten Erfolg. Der Anrufer hatte sich als „Arzt aus Fulda“ vorgestellt. Als er sich gegen 17.38 Uhr noch einmal meldete und behauptete, Markus Würth sei schwer verletzt, bekam er offenbar die private Handynummer. Das Ehepaar Würth war zu diesem Zeitpunkt in Griechenland, wo es das von ihm geförderte Behindertendorf „Estia Agios Nikolaos“ bei Delphi besichtigte.

Markus werde umgebracht, wenn die Polizei eingeschaltet werde, lautete die Drohung. In E-Mails und Telefonaten wurden Details der Geldübergabe nach 2 Uhr mit einem auffälligen Fahrzeug übermittelt. Doch die zeitlichen Vorgaben konnten nicht eingehalten werden. Dennoch wurde die Freilassung des wehrlosen Opfers eingeleitet. Zwei Polizisten fanden ihn um 7.58 Uhr unverletzt bei Würzburg an einen Baum gekettet. Neben ihm befand sich eine Flasche mit Wasser, die ihm „zur Verfügung gestellt“ worden sei, so Späth.

Es ist nicht bekannt, ob Markus Würth wegen schlechter Planung freigekommen ist, ohne dass vorher bezahlt worden ist. Die Beweisaufnahme wird wohl auch darauf eingehen. Doch der Anwalt des Angeklagten ließ offen, ob sich sein Mandant zur Sache äußern wird. Bei einem zehnstündigen Verhör hatte A. die Entführung rundweg abgestritten.

Eine wichtige Rolle wird in dem bis 4. Dezember angesetzten Prozess vor der 2. Großen Strafkammer auch spielen, wie Markus Würth aus seinem beschützenden Umfeld verschwinden konnte. Er war als vermisst gemeldet worden, nachdem er von der Keramikwerkstatt nicht pünktlich zu seiner Wohngruppe zurückkehrte. Die Anklage geht davon aus, dass ihn „ein oder mehrere Mittäter“ angesprochen hätten. Von einem konkreten Fahrzeug ist nicht die Rede. Auch fehlten Informationen über den Verbleib von Markus Würth in den 20 Stunden bis zu seinem Auffinden. Er wird nicht vor Gericht erscheinen. Ihn vertritt eine Rechtsanwältin aus Wuppertal. Wie es ihrem Mandanten derzeit geht, wollte sie nicht sagen.

Die „Soko Hof“ war schon aufgelöst, als doch noch der scheinbar entscheidende Hinweis kam. Eine Frau will die auf Band aufgenommene Stimme des aus Novi Pazar stammenden Nedzad A. aus Offenbach zweifelsfrei erkannt haben, weil er bei ihr Arbeiten erledigt hatte. Am 13. März 2018 wurde er verhaftet. Seither sitzt er in U-Haft in Gießen, direkt neben dem Landgericht.

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