„Die Vorstellung, des einzelnen Wolfes, der sich da ab und zu mal ein Schaf holt“, ist seit dem Frühjahr widerlegt, sagt Bad Wildbads Bürgermeister Klaus Mack. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
„Die Vorstellung, des einzelnen Wolfes, der sich da ab und zu mal ein Schaf holt“, ist seit dem Frühjahr widerlegt, sagt Bad Wildbads Bürgermeister Klaus Mack. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Bad Wildbad, Mittwoch, 12. September 2018

Die Angst vor dem Rudel

Ein Wolf geht um im Nordschwarzwald. Das Umweltministerium lädt Bürger zum Gespräch – und die äußern in Bad Wildbad offen ihren Unmut.

von JENS SCHMITZ

Staatssekretär Andre Baumann hat es nicht leicht dieser Tage. „Das Umweltministerium Baden-Württemberg sehnt sich den Wolf nicht herbei“, ruft der Biologe vor gut 300 skeptischen Bürgern in Bad Wildbad. „Und ganz klar: Ich persönlich wünsche mir den Wolf in Baden-Württemberg nicht!“

Das streng geschützte Raubtier ist aber da. Das bisher einzige sesshafte Exemplar hat im Frühjahr in Bad Wildbad eine Schafherde überfallen; bei dem Gemetzel starben insgesamt 44 Tiere. „Die Vorstellung, des einzelnen Wolfes, der sich da ab und zu mal ein Schaf holt, war widerlegt“, erklärt Bürgermeister Klaus Mack (CDU) gleich zur Begrüßung. Pünktlich zu Baumanns Infogespräch wurden übers Wochenende erneut zwei Tiere gerissen. Die Analyse steht noch aus, doch unter den gut 300 Zuhörern in der Bad Wildbader Trinkhalle gibt es kaum Zweifel am Schuldigen: Mack erhält Beifall, als er fordert, bei der EU Abschuss-Ausnahmen für Wölfe auszuhandeln, „bevor hier ganze Rudel durch den Ort streifen“.

Das Bürgergespräch im Wolfsgebiet ist ein Experiment des von Minister Franz Untersteller (Grüne) geleiteten Umweltressorts. 36 Experten aus der Naturschutzverwaltung verteilen sich auf drei Themeninseln, an denen sie Rede und Antwort stehen, Informationen verteilen, Anregungen aufnehmen.

„Wolf und Nutztier“, „Wolf und Mensch“, „Was tut das Land“ heißen die Themen. Am letzten Stand hätte eigentlich Baumann mitreden wollen, doch er bleibt gleich zu Beginn in einer Traube aufgebrachter Tierhalter stecken.

„Das Enztal wurde von Menschen geöffnet, denen man Landschaftspflegeverträge angeboten hat“, ereifert sich der 75-jährige Egon Schanz aus Neuweiler. „Wenn wir nicht aufpassen, ist es in 20 oder 25 Jahren wieder so zugewachsen wie früher!“ Seine Frau Ingrid (63) berichtet, sie hätten die Ställe für ihre rund 300 Schafe eigens für Offenhaltung umgebaut. 15 000 Euro würde es kosten, sie nun wieder zu schließen, doch dafür sei vom Land kein Geld vorgesehen. „Mein Mann kann nachts kaum noch schlafen!“

Andere Präventionsmaßnahmen unterstützt Baden-Württemberg im 2018 eingerichteten Fördergebiet durchaus: 90 Prozent der Kosten für spezielle Zäune, Aufwendungen für ihre Erdung, Ausgaben für Herdenschutzhunde. „Das macht kein anderes Bundesland!“, ruft Baumann.

Den Viehhaltern ist das jedoch nicht genug: Sie wollen volle Erstattung inklusive der Arbeit oder eine Querfinanzierung etwa durch eine Weidetierprämie. Die hatten Grüne und Linke im Frühjahr im Bundestag auch beantragt. Sie wurde aber von Union, SPD und FDP abgelehnt. Für weitere Hilfen müsse man sich erst noch mit der EU einigen, sagt Baumann: „Brüssel macht eine tolle Arbeit, aber es geht eben manchmal nicht so schnell, wie wir uns das wünschen!“

Fachpolitiker der Grünen-Fraktion sind diesen Sommer unter anderem im Osten Deutschlands unterwegs, um sich zum Kurs beim Wolf zusammenzuraufen. Auch durch die Ökopartei geht nämlich ein Riss: Einzelne Vertreter wollen den Wolf wie Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) ins Jagdrecht aufnehmen, andere sehen darin ein sinnloses Bürokratiemonster. Die Grünen plagt aber auch die Angst vor einer ganz konkreten Frage: Was geschieht, wenn vor der nächsten Landtagswahl tatsächlich ein Rudel durch Baden-Württemberg streift? Könnte die CDU den Wolf womöglich nutzen, um Ministerpräsident Winfried Kretschmann aus dem Amt zu heben?

Staatssekretär Baumann weiß um die Explosivität des Themas. Vielleicht ist die Aufteilung auf Themeninseln in Bad Wildbad auch der Versuch, die Situation „Alle gegen einen“ zu verhindern. Doch auch daran gibt es Kritik: „Diese Art von Diskussion ist unter aller Kanone“, schimpft etwa der prominenteste Schäfer des Orts. Gernot Fröschle gehörten die 44 im Mai getöteten Tiere. Nun gebe es nicht mal eine öffentliche Debatte, sondern nur Grüppchen: „Das ist sehr traurig, Herr Baumann!“ Aber immerhin: Später sieht man die beiden abseits im Zwiegespräch, und auch an anderen Tischen wird die Debatte mit zunehmender Dauer ruhiger.

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