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Balingen, 20.02.2019

Diskussion um Plettenberg-Abbau: „Die Balinger Kulisse stand zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion“

Der Balinger Gemeinderat beschäftigt sich kommende Woche mit der Süderweiterung des Holcim-Steinbruchs. Ein Missverständnis um die Hangkanten sorgte für Wirbel.

Bis vor wenigen Wochen war das Thema Süderweiterung des Kalksteinbruchs auf dem Plettenberg vor allem eines: ein Thema des Schlichemtals. Nun aber schlagen die Wellen rund um den Abbau auch in Balingen hoch. Der Grund: offenbar ein Missverständnis.

„Die Traufkante Richtung Balingen, Roßwangen und Dotternhausen stand zu keinem Zeitpunkt, auch nicht bei der Süderweiterung, für einen Abbau zur Diskussion“, sagt das Landratsamt. Die Gemeinderäte sorgen sich dennoch um den Anblick der Balinger Berge, wie hier aus Roßwanger Sicht.
„Die Traufkante Richtung Balingen, Roßwangen und Dotternhausen stand zu keinem Zeitpunkt, auch nicht bei der Süderweiterung, für einen Abbau zur Diskussion“, sagt das Landratsamt. Die Gemeinderäte sorgen sich dennoch um den Anblick der Balinger Berge, wie hier aus Roßwanger Sicht. Foto: Nicole Leukhardt

Die Balinger Stadtverwaltung war im Rahmen der geplanten Süderweiterung um eine Stellungnahme gebeten worden. Die Räte des Technischen Ausschusses haben sich vergangene Woche damit beschäftigt. Ein Punkt, der den Räten besonders am Herzen liegt, obwohl gar nicht eigentliches Thema der Stellungnahme: Das Balinger Panorama darf nicht angetastet werden.

Und hier beginnt das Verwirrspiel. Denn zwar bleiben nicht die kompletten Kulissen rund um den Berg erhalten, die Balinger Sicht jedoch soll sich nicht wesentlich verändern.

Einer, der sich Jahrzehnte lang um den Betrieb auf dem Plettenberg kümmerte, ist der ehemalige Werkschef Gerd Rohrbach. Er schaltete sich am Mittwoch in die Debatte um den Abbau ein. Den Balinger Räten versicherte er, dass das Kalksteinabbaugebiet schon zu seiner Zeit so genehmigt worden sei, dass der Blick auf die Balinger Berge unbeeinträchtigt bleibt.

Landratsamt nimmt Diskussion Wind aus den Segeln

Denn tatsächlich, das betont auch das Landratsamt am Mittwoch erneut, geht es in der Altgenehmigung um die Kulisse aus Hausener, also aus östlicher Sicht.

„Hinsichtlich der Betroffenheit der Stadt Balingen muss ausdrücklich nochmals darauf hingewiesen werden, dass von der bisherigen Abbaugenehmigung lediglich die Kulisse mit der angrenzenden Gemeinde Hausen am Tann betroffen ist. Die Traufkante Richtung Balingen, Roßwangen und Dotternhausen stand zu keinem Zeitpunkt, auch nicht bei der Süderweiterung, für einen Abbau zur Diskussion“, schreibt Pressesprecherin Marisa Hahn und nimmt der aufwallenden Diskussion der Balinger Gemeinderäte ein wenig Wind aus den Segeln.

Es gibt keinen veränderten Abbauplan

Dass Holcim mit dem Landratsamt nun erst kürzlich einen veränderten Abbau beschlossen hätte, weist auch das Zementwerk entschieden zurück.

„Der Abbau der sogenannten Kulissen des Steinbruchs wurde bereits mit den Entscheidungen des Landratsamts vom 30. März 1977 und vom 2. Februar 1982 genehmigt“, sagt Holcim-Pressesprecherin Sabine Schädle.

Werksleiter Dieter Schillo verdeutlicht: „Die Kulisse besteht aus zwei Teilkulissen. Die eine wird jetzt abgebaut, die andere erst ab 2036. Die Kulisse Nord reicht vom auf der Bruchsohle liegenden Wasserrückhaltebecken bis in Richtung Plettenbergturm.“

Und auch das Landratsamt entgegnet Gerüchten um einen angeblich vorgezogenen oder veränderten Abbau entschieden: „In der bestehenden Genehmigung von 77/82 wurde kein Zeitpunkt für den Abbau dieses Bereichs festgelegt. Insofern gibt es mit dem jetzigen Vorgehen von Holcim keinen vorgezogenen Abbau.“

Die Ostkulisse fällt

Dass die Ostkulisse fallen wird, ist aber ein Fakt aus den 1970er- und 1980er-Jahren, der nun umgesetzt wird. Einerseits, weil Holcim das Gestein benötigt, da der übrige alte Bruch weitestgehend erschöpft ist. Andererseits auch auf besonderen Wunsch der Gemeinde Dotternhausen hin.

„Wir stehen Dotternhausen gegenüber im Wort, den rekultivierten Teil der Fläche baldmöglichst an die Gemeinde und Öffentlichkeit zurückzugeben. Um dies bis 2029 realisieren zu können, müssen wir mit der Kulisse Nord jetzt starten“, erklärt Sabine Schädle und fügt an: „Unsere Anzeige beim Landratsamt konkretisiert den zulässigen Abbau in zeitlicher Hinsicht bis 2020.“

Landratsamts-Pressesprecherin Marisa Hahn formuliert es so: „Der Abbau dieses Bereichs und die anschließende Rekultivierung ist Voraussetzung, um diesen Bereich im Anschluss wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Würde Holcim die Kulisse erst ganz zum Schluss des Steinbruchbetriebs entfernen, würde sich die Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit entsprechend verzögern.“

Ähnlich klar sieht man das auch auf dem Dotternhausener Rathaus. „In den von Holcim im vergangenen Jahr eingereichten und veröffentlichten Antragsunterlagen sind die Abbauphasen in Plänen dargestellt. Im Abbauplan Phase 1 ist klar ersichtlich, dass die Nordkulisse bis 2024 abgebaut werden soll“, schreibt uns Bürgermeisterin Monique Adrian auf Nachfrage.

Dass möglichst bald rekultiviert werden soll, um den nördlichen Teil des Bergs bis 2029 an die Bevölkerung zurückgeben zu können, war bereits im Januar Thema bei den Dotternhausener Gemeinderäten. Auch dort wurde der baldige, nordöstliche Kulissenabbau explizit behandelt. Der ZAK berichtete schon damals ausführlich.

Balinger Verwaltung war sich der Sache nicht ganz bewusst

Dennoch – bei der Balinger Verwaltung war der Plan nicht ganz so klar. „Wir sind davon ausgegangen, dass die Hangkanten bestehen bleiben“, sagte Oberbürgermeister Helmut Reitemann am Mittwoch auf Nachfrage. Dass im nördlichen Bereich die Kulisse abgebaut werden soll – „das haben wir nicht registriert“. In das Verfahren sei die Verwaltung allerdings auch nie eingebunden gewesen.

Da Holcim keinerlei Ausweitung von Abbaurechten beantragt, sondern das Landratsamt lediglich über die nächsten Abbauabschnitte innerhalb der längst genehmigten Flächen informiert hatte, sah die Behörde keine Notwendigkeit für eine Öffentlichkeitsbeteiligung. Aus diesem Grund habe man auch die Stadtverwaltung nicht informiert.

„Die Balinger Stadtverwaltung hat dieselben Unterlagen wie alle Gemeinden bekommen, hier ist etwas falsch interpretiert worden, was bedauerlich ist, sich aber ausräumen lässt“, sagt Sabine Schädle. In einem Gespräch mit Oberbürgermeister Reitemann, Bürgermeister Reinhold Schäfer und Baudezernent Michael Wagner habe man am Montag letzte Unklarheiten beseitigt.

Die Räte des Technischen Ausschusses forderten vergangene Woche dennoch explizit, jegliche Veränderung der Kulisse zu verhindern, auch wenn diese in bisherigen Genehmigungen bereits enthalten sind. Am Dienstag nächster Woche ist der Abbau Thema im Gemeinderat.

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