Von wegen supersexy im Seziersaal
Foto: Vera Bender

Albstadt-Tailfingen, 21.10.2018

Tatortspuren: Von wegen supersexy im Seziersaal

Das Zollernalbklinikum Albstadt und mit ihm der ZAK als Präsentator lockten zahlreiche Besucher zu einem morbiden und „kriminellen“ Abend ins Tailfinger Thalia Theater.

von Vera Bender  

Kriminaler und Bestsellerautor Axel Petermann aus Bremen sowie die Leiterin des Instituts für Rechtsmedizin in Genf, Professorin Silke Grabherr, zogen die Zuhörer in ihren Bann. Diese waren am Freitagabend so zahlreich ins Thalia Theater gekommen, dass sich Oberarzt Jürgen Reinhardt als Initiator „überwältigt“ zeigte, denn man habe „nur mit der Hälfte der Besucher gerechnet“.

Ex-Profiler Axel Petermann (links), Rechtsmedizinerin Silke Grabherr und Zollernalbklinikum-Oberarzt Jürgen Reinhardt beschäftigten sich im Thalia-Theater mit „Tatortspuren“.
Ex-Profiler Axel Petermann (links), Rechtsmedizinerin Silke Grabherr und Zollernalbklinikum-Oberarzt Jürgen Reinhardt beschäftigten sich im Thalia-Theater mit „Tatortspuren“. Foto: Vera Bender

Aber diese beiden Vorträge waren auch alles andere als trocken, sieht man einmal vom Humor von Axel Petermann ab, der sich auch bei sehr ernsten Themen als extrem trocken erwies.

Der ehemalige Profiler bei der Bremer Mordkommission nahm die Zuhörer visuell mit an reale Tatorte und zeigte Fotos von Leichen, bei denen die grauenvollen Verletzungen allerdings abgedeckt waren. Dennoch konnte man sich den Eindruck gut vorstellen, wenn die Spurensicherung Blutspritzer und Fingerabdrücke sichert und die Kriminalbeamten „auf der Spur arbeiten“. Ganz anders die Arbeitsweise als Profiler, als Petermann von 1999 bis 2014 die „Spur hinter der Spur“ suchte. Hier ist die Interpretation wichtig, um Rückschlüsse auf den Täter ziehen zu können.

Riesengroß war das Interesse an den morbiden Erzählungen aus dem Alltag des Mordkommissions-Profilers Axel Petermann und der Rechtsmedizinerin Silke Grabherr.
Riesengroß war das Interesse an den morbiden Erzählungen aus dem Alltag des Mordkommissions-Profilers Axel Petermann und der Rechtsmedizinerin Silke Grabherr. Foto: Vera Bender

„Ein Fallanalytiker muss unbequem sein und vieles hinterfragen. Er muss nicht die Ergebnisse bestätigen, sondern neue Ideen entwickeln.“ Hier seien Zeugenaussagen, im Gegensatz zur Vorgehensweise bei der Mordkommission, irrelevant, da nicht verlässlich, so Petermann, der nach 40 Jahren einen Mord aufklären konnte, bei der man die falsche Person inhaftiert hatte.

Mit der Gewissheit, dass diese Tat nun gesühnt werde, konnte der Kriminaler schließlich in Ruhestand gehen – um seine Erlebnisse fortan einer breiten Leserschaft eindrücklich zu schildern.

Mit viel Humor und Ironie stellte Silke Grabherr, die weltweit führende Rechtsmedizinerin, ihren Berufsstand vor. Denn im Gegensatz zu den CSI-Serien aus den USA stehe man nicht „super sexy in großartigen Posen im Seziersaal herum und komme mitten in der Nacht putzmunter und top gestylt an den Tatort“.

Rechtsmedizin spricht deutsch

Aber nicht nur mit diesem Klischee räumte die Professorin aus Genf auf. „Die Rechtsmedizin spricht deutsch“, lautete die knappe Botschaft. Denn nicht etwa die Amerikaner seien führend auf dem Gebiet der Forensik, sondern allen voran die Schweiz, Deutschland und auch Österreich.

So sei es beispielsweise den Damen in Genf gelungen – übrigens arbeiten hier unter 20 Mitarbeitern nur drei männliche Kollegen –, einen Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang anhand von 3D-Grafiken so zu rekonstruieren, dass die Schuld eindeutig festgestellt werden konnte. Denn erstens sei eine Autopsie der Opfer nicht immer zwingend nötig und zweitens gehe es bei der Rechtsmedizin nicht nur um Todesursachen, sondern auch um Tatortbesichtigungen, Aktengutachten, Lehre und Forschung.

Deshalb seien laut Professorin Grabherr die Rechtsmediziner nicht allein Mediziner. Mittels einer jahrelangen Spezialisierung verstehe man sich außerdem auf Ballistik, Biomechanik und Recht.

„Ich habe nur wenige schockierende Bilder dabei“, beruhigte die charmante Wissenschaftlerin die Gemüter. Dennoch schilderte sie eindrücklich, wie eine Leichenschau vonstattengeht, warum sich Leichenflecken bilden und wann die Leichenstarre einsetzt. „Wir müssen die Wahrheit finden, wenn das Opfer selbst nicht mehr sprechen kann“, verdeutlichte Grabherr, wies aber auch darauf hin, dass es sich bei den Opfern, um welche sich die Rechtsmediziner zu kümmern haben, nicht immer nur um Tote handle.

Oft würden Täter und Opfer zur Untersuchung vorgeführt, um die Wahrheit herauszufinden. Beiden Referenten hätte man ewig lauschen können, so interessant und lebendig – auch wenn es um Tote ging – waren diese Ausführungen.

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