Schülerinnen lernen „in allen weiblichen Handarbeiten“

Balingen, 06.09.2018

Schülerinnen lernen „in allen weiblichen Handarbeiten“

Vor 120 Jahren öffnete in der Filserstraße 9 in Balingen die Frauenarbeitsschule. Ein Blick zurück zu den Anfängen.

von Dr. Yvonne Arras  

Ohne einen Pfennig eigenes Geld haben unsere Väter dieses Gebäude erstellt“, so bilanzierte Bürgermeister Albert Hagenbuch (1913-1997) im Jahre 1958 erstmals das Baugeschehen von 1898 in der Filserstraße 9. Das Stadtoberhaupt scheint sich hierfür sogar selbst dem Studium der Akten gewidmet zu haben. Die Tatsache, dass die durch den Wasserleitungsbau hoch verschuldete Stadt den Betrag von 33.003 Mark, auf den sich der Neubau summierte, komplett aus den Mitteln der Röslerschen Stiftung finanzieren und in jährlichen Raten von 1500 Mark „abtragen“ musste, beschäftigte ihn dabei besonders.

Mitte der 1890er-Jahre fertigte Stadtbaumeister Schuster diese Zeichnung der Frauenarbeitsschule an.
Mitte der 1890er-Jahre fertigte Stadtbaumeister Schuster diese Zeichnung der Frauenarbeitsschule an. Foto: Stadtarchiv Balingen

Gleichwohl war dies nicht die erste Modifikation dessen, was mit dem Legat der gebürtigen Balingerin geschehen sollte. Die am 28. September 1880 in Stuttgart verstorbene Medizinerwitwe hatte der Stadt testamentarisch rund 140 000 Mark vermacht und letztwillentlich verfügt, dass dieses Geld vom Balinger Gemeinderat „wie pflegschaftliches Vermögen angelegt“ werden solle, um „aus den Zinsen desselben jährlich sechs Mädchen und sechs Knaben, die bedürftig und würdig sind“ zur Konfirmation einzukleiden und deren Fortbildung zu fördern.

Von einer selbstständigen Stiftung als juristischer Person verlautete im Rösler-Testament somit ebenso wenig, wie es die Gründung einer Frauenarbeitsschule aus diesen Mitteln verfügte. Daher konnten anfangs lediglich zwölf Jugendliche Beihilfen erhalten. Bereits nach wenigen Monaten waren aber etliche Anträge von Bürgern eingegangen, die ihren Nachwuchs vom Rösler-Nachlass profitieren lassen wollten. Daher gelangte der Gemeinderat zur Einsicht, der Nachfrage nur durch Erweiterung des Verwendungszwecks der Zinsen gerecht werden zu können. So beschloss das Rätegremium Anfang 1882, „Statuten wegen der Vergebung [des Geldes] entwerfen“ zu müssen: Das Röslersche Vermächtnis sollte in eine Stiftung überführt werden.

In dem kleinen Häuschen im Vordergrund (ehemaliges Wohnhaus von Tobias Speidel in der Wilhelmstraße) war die Frauenarbeitsschule zwischen 1883 und 1898 untergebracht.
In dem kleinen Häuschen im Vordergrund (ehemaliges Wohnhaus von Tobias Speidel in der Wilhelmstraße) war die Frauenarbeitsschule zwischen 1883 und 1898 untergebracht.

Parallel zu der von einer eigens einberufenen Kommission geleiteten Erarbeitung dieser Statuten nahm die Idee Kontur an, eine Fortbildungseinrichtung für konfirmierte Mädchen, das heißt für Absolventinnen der Volksschule zu gründen. Damit begegnete man nicht nur dem Bedürfnis, mehr als zwölf junge Bürger zu fördern. Zugleich sei, wie ein scharfsinniger Stadtrat erkannt hatte, durch eine solche Schule der Jugend „hier Gelegenheit zur Heranbildung gegeben“ – das Geld bliebe also in der Stadt.

Am 30. Januar 1882 nahm besagte Kommission den von einer namentlich nicht genannten Person geäußerten Vorschlag an, eine sogenannte „Industrie-Schule“ (das heißt eine weiterführende gewerbliche Schule) zu gründen. Als die Rösler-Stiftung im Juli 1886 durch „allerhöchste Entschließung Seiner Königlichen Majestät“ und der Veröffentlichung der Statuten formal errichtet wurde, war diese Schule bereits seit drei Jahren in Betrieb. Denn die Kurse für die ersten 56 Schülerinnen starteten am 7. November 1883 – und für 24 davon unentgeltlich.

Nun verwendet das Gemeinderatsprotokoll auch erstmals den Begriff „Frauenarbeitsschule“. Untergebracht war diese Schule im ehemaligen Wohnhaus des verstorbenen Werkmeisters Tobias Speidel in der Wilhelmstraße, das man im Mai 1883 für 6500 Mark erworben hatte. Ende der 1950er-Jahre musste es für jenes Bauwerk weichen, welches seit 1995 die Volkshochschule beherbergt.

Das heutige Generationenhaus platzierte man somit gleichsam in den Garten des vormals Speidelschen Wohnhauses. Darum debattierte die Stiftungsverwaltung auch nie über die Standortfrage, als 1895 der Wunsch nach einer baulichen Verbesserung der Frauenarbeitsschule wuchs.

Strittig war vielmehr der Umstand, dass die Rösler-Zinsen nicht einfach für Bauzwecke ausgegeben werden durften. So fassten die Räte ein Jahr später den Entschluss, den Stiftungszweck erneut und nun zugunsten eines Neubaus zu erweitern.

Die von Stadtbaumeister Schuster vorgelegten und sodann realisierten Pläne sahen ein Gebäude vor, welches an der Schauseite zwei Vollgeschosse aufweist, die ein dekorativer Fries horizontal scheidet. Opulent feierten Stadt und Stiftung die Eröffnung des Neubaus am 6. Februar 1898. Dieser bescherte mit seinem unter anderem um das geometrische und freihändige Zeichen erweiterten Lehrprogramm bereits im ersten Jahr 83 Schülerinnen „in allen weiblichen Handarbeiten“ eine fundierte Ausbildung – eine, resümierte Albert Hagenbuch 1958, die im Althergebrachten unmöglich gewesen wäre. Darum müsse hier vielmehr vom „Mut zum Schuldenmachen“ gesprochen werden, weil ihn die Zwangsläufigkeit erforderte.

 

Führungen zum Tag des offenen Denkmals

Filserstraße Am Sonntag, 9. September, ist die ehemalige Frauenarbeitsschule in der Filserstraße 9 zwischen 14 und 17 Uhr geöffnet. Um 14 und 16 Uhr gibt es Führungen.

Zehntscheuer Parallel dazu veranschaulicht eine Begleitausstellung in der Zehntscheuer die Geschichte der Schule. Dort findet um 15 Uhr eine Führung statt. Geöffnet ist zwischen 14 und 17 Uhr. Die Ausstellung kann noch bis Anfang Oktober zu den gewöhnlichen Öffnungszeiten der Zehntscheuer (dienstags bis sonntags 14-17 Uhr) besichtigt werden.

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