01.09.2018

Leserbrief

Ist Chemnitz weit weg oder überall?

Leserbriefe sollten 80 Druckzeilen nicht überschreiten. Die Redaktion behält sich Kürzungen vor.

 
Zu: Demonstrationen nach einem Mordfall in Chemnitz
Die ganze Welt fährt nach Chemnitz (Zitat ARD) und unsere Bundeskanzlerin nach Afrika. Chemnitz hat AfDler, Chemnitz hat Menschen, die sich in zunehmenden Maße nicht mehr verstanden fühlen, Chemnitz hat ein Mordopfer, dessen Tod noch nicht geklärt ist, Chemnitz hat randalierende Fußballfans. Da sind wir doch froh, dass wir in Balingen wohnen, wo die letzten zwei Argumente nicht auf unseren Heimatort zutreffen. Deshalb können wir uns getrost zurücklehnen, zumal Chemnitz weit weg ist. Doch, wir haben Polizeikräfte nach Chemnitz geschickt. Das muss jetzt aber reichen! Bei uns kann so etwas nicht passieren. Selbst die Oberbürgermeisterin von Chemnitz, der Ministerpräsident des Landes Sachsen Kretschmer, finden erst nach fast einer Woche, den Weg zum Bürger. Und was macht unsere Bundeskanzlerin? Sie fährt nach Afrika, als wenn sie Chemnitz nichts anginge. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, sie hätte Mut bewiesen, wär vor die Bürger getreten und die Raute nicht in Afrika gezeigt. Wir schaffen das, sagte sie. Es fehlt entweder ihre Entschuldigung, dass sie die Situation falsch bewertet hat und deshalb zu wenig hierfür gemacht hat, oder uns sagt, wie die Situation, an deren Anfang wir erst stehen, zu regeln ist.
Definition von Integration ist nicht, Wohnung, Sprache und Arbeit, Schule geben. Politisch und gesellschaftlich wird übersehen, Integration besteht aus mehr. Ein Beispiel fehlender Integration war das letzte Türkeiwahlergebnis, das ganz extrem anders war als von der deutschen Bevölkerung.
Ich höre nichts von den Parteien in Balingen und in Baden-Württemberg, wie sie darüber, über uns, für uns und mit uns denken, dass Chemnitz nicht hier vor Ort passiert. Ich zitiere einen Balinger Politiker: Der Staat hat alles gemacht, den Rest können nur die Flüchtlinge von sich aus tun. Mund aufhalten und denken, das ist ja in Chemnitz, hilft keinem weiter.
Wir sind noch weit weg von Chemnitzer Verhältnissen, sollten aber die Augen offen halten und heute, nicht morgen, ein Bündnis der Stadtverwaltung, der Parteien, der Religionen, der Gastarbeiter, deren nachkommenden Generationen, der Flüchtlinge zum Thema Integration gründen. Noch können wir das Gefühl, das uns bereits im Bauch befällt und das schon Tatsache ist – wir schaffen das nicht – ändern. Bald ist es zu spät.
Bernd Hempel , Römerstraße 8,
Weilstetten

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