Blick ins ZAK-Archiv: Eines der letzten großen Albstädter Derbys
Foto: Benno Schlagenhauf
Foto: Benno Schlagenhauf

Albstadt, 06.10.2015

Blick ins ZAK-Archiv

Blick ins ZAK-Archiv: eines der letzten großen Derbys

Als „Spiel der Spiele“ wurde es 1995 betitelt, sportlich war das Derby des FC Tailfingen und des FV 07 Ebingen – eines der letzten Auffeinandertreffen vor der Fusion der rivalisierenden Fußballclubs – allerdings kein großer Leckerbissen. Trotzdem: Die Emotionen kochten hoch. Und wie.

ZAK-Redakteur Ralph Conzelmann, der vor 20 Jahren am Spielfeldrand des Tailfinger Lichtenbolstadions stand und von diesem Landesliga-Derby berichtete, kann sich noch gut entsinnen: „Ich erinnere mich an fast jedes Spiel, natürlich auch an dieses.“ Keine der beiden Mannschaften hatte einen guten Tag erwischt. „Das ,Spiel der Spiele' war diesmal wirklich von besonderer Art. Besonders schlecht nämlich“, schrieb er in der Montagsausgabe vom 9. Oktober 1995. Es war eines der letzten großen Albstädter Fußballderbys, ehe der FC Tailfingen und der FV 07 Ebingen 1998 zum FC 07 Albstadt fusionierten.

Blick ins ZAK-Archiv: eines der letzten großen Derbys
Foto: Benno Schlagenhauf

Während auf dem Platz für keine der beiden Mannschaften viel zusammen lief, schlugen die Emotionen unter den rund 700 (!) Zuschauern hoch. Denn erst in der siebten Minute der Nachspielzeit fiel der Ausgleich der Tailfinger – per Elfmeter. „Viele Zuschauer waren zu dem Zeitpunkt schon beinahe auf dem Heimweg und hatten das Stadion schon fast verlassen.“ Das Foul an Tailfingens Cedo Vujacic (heute übrigens Trainer beim FC 07 Albstadt 2), welches Auslöser für den Elfmeter war, fand im gegenüberliegenden Strafraum, rund 100 Meter vom Ausgang entfernt statt. „Da waren die Ebinger Zuschauer natürlich aufgebracht und schossen sich auf den Schiedsrichter ein. Aber ein klarer Elfer war es halt trotzdem“, blickt der frühere Sportredakteur Ralph Conzelmann zurück. Was nach Schlusspfiff folgte, waren unschöne Szenen: Das Schiedsrichtergespann musste sich nach dem Spiel in einem Lieferwagen vor aufgebrachten Ebingern verstecken und sogar unter Polizeischutz das Stadion verlassen.

Der Originalartikel von 1995.
Der Originalartikel von 1995. Foto: Benno Schlagenhauf

Kein Wunder also, dass sich das Spiel in das Gedächtnis von Hans Joachim Lippus –  Schiedsrichter von damals und heute Bürgermeister von Dautmergen – eingebrannt hat: „So etwas habe ich als Schiedsrichter davor und danach nicht wieder erlebt.“ Noch heute erinnert sich Lippus genau an Einzelheiten des Spiels. Den Knackpunkt sieht er nach wie vor in einer Entscheidung in der vierten Spielminute: Ein Tailfinger Spieler wird beim Schuss gefoult, Lippus pfeift – doch der Schuss landet dennoch im Ebinger Tor: „Die Entscheidung war nicht falsch, aber zu schnell. Hätte ich den Vorteil abgewartet, wäre alles ganz anders gelaufen, aber so bin ich das gesamte Spiel diesem Fehler hinterhergerannt. Ich habe mich geschämt und mich riesig aufgeregt“, analysiert Lippus, der sich noch heute über die Entscheidung ärgert.

Die Mannschaftsaufstellungen von damals.
Die Mannschaftsaufstellungen von damals. Foto: Benno Schlagenhauf

Lippus, der als leitender Schiedsrichter bis hoch zur Regionalliga (damals die dritthöchste Spielklasse) und als Assistent auch in der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga im Einsatz war, konnte die Aufregung der Zuschauer ein Stück weit verstehen, die Art und Weise, wie die Fans ihrem Ärger Ausdruck verliehen allerdings nicht: „Es war traurig zu sehen, dass selbst angesehene, honorige Bürger total ausgeflippt sind.“ Wegen dieses Vorfalls aber die Pfeife an den Nagel zu hängen, kam für Lippus nicht in Frage: „Natürlich gibt einem so etwas einen Knacks, aber damit muss man umgehen können.“ Im Januar wurde Lippus für 40 Jahre im Einsatz als Schiedsrichter geehrt, Fußballspiele pfeift er noch immer: „Natürlich nicht mehr so viele wie früher.“

Ja, die Rivalität der beiden Fußballclubs war etwas Besonderes: „Rückblickend ist es schade, dass es dieses Derby nicht mehr gibt“, schaut Ralph Conzelmann etwas wehmütig zurück. Seither haben große, höherklassige Derbys im Zollernalbkreis Seltenheitswert. Das einzige große Zollern-Derby in diesem Jahr findet statt, wenn die TSG Balingen 2 und der FC 07 in der Verbandsliga gegeneinander antreten. Das ist zum ersten Mal bereits am 16. Oktober im Balinger Au-Stadion der Fall.

Doch solch eine Rivalität und solch ein emotionales Derby wie Ebingen gegen Tailfingen gibt es heutzutage nicht mehr, ist sich auch Hans Joachim Lippus sicher, für den trotz dieser speziellen persönlichen Geschichte der Charme von Lokalderbys überwiegt: „Das ist nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für die Schiedsrichter schön – natürlich kann es eine besondere Herausforderung sein, aber es ist auch eine Ehre solch ein Spiel leiten zu dürfen.“

Nach den unschönen Szenen nach dem Schlusspfiff verteidigte ZAK-Redakteur Ralph Conzelmann den Schiedsrichter.
Nach den unschönen Szenen nach dem Schlusspfiff verteidigte ZAK-Redakteur Ralph Conzelmann den Schiedsrichter. Foto: Benno Schlagenhauf

Beenden möchten wir unseren Rückblick mit dem Satz, den Ralph Conzelmann bereits vor 20 Jahren wählte, um die Vorkommnisse nach dem Spiel zu kommentieren und der auch 20 Jahre später unverändert für alle Fußballspiele gilt, aber leider noch immer selten befolgt wird: „Der Stürmer, der Sekunden vor Schluss die Entscheidung auf dem Fuß hat, wird nie den Hass mehrerer hundert Fans spüren. Der Schiedsrichter, ein Mensch nur und bestimmt bemüht, unparteiisch und korrekt zu handeln, ist der Sündenbock. So nicht, meine Herren – denn die eigene Nase ist immer noch die nächste.“

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