Ein Traum wird wahr

München, 02.10.2014

Mit Fotostrecke und Kommentar

Ein Traum wird wahr

Atta Ullah Virk fährt mit dem Bayern-Fanclub Isingen/Heiligenzimmern nach München und sieht sein Idol Thomas Müller. Eine Reportage.

„Thomas Müller!“, jauchzt Atta Ullah Virk, als es im Tor des SC Paderborn zum vierten Mal klingelt. Doch auf der Videowand in der Allianz-Arena erscheint fälschlicherweise Arjen Robben als Torschütze des 4:0 in der 85. Spielminute. Der Stadionsprecher lässt den Holländer, der den Ball scharf in die Mitte gespielt hat, feiern. Kurz später korrigiert er seinen Fehler: Thomas Müller ist der Torschütze, er war noch dran. Atta Ullah Virk hat das natürlich gesehen, denn er hatte das ganze Spiel über den Bayernstar unter besonderer Beobachtung.

Acht Stunden zuvor. Atta Ullah Virk bricht im Fanbus des Bayern-Fanclubs „Red Force“ Isingen/Heiligenzimmern nach München auf. Der Fanclub hat ihm den Wunsch erfüllt, sein Idol Thomas Müller einmal live spielen zu sehen. „Wir haben auch beim FC Bayern angerufen und gefragt, ob man da noch ein persönliches Treffen arrangieren könnte, aber das hat leider nicht geklappt“, sagt Kai Schwarz vom Fanclub.

Zu Beginn der Fahrt begrüßt Schwarz die 40 Fans im Bus: „Das ist auch mal eine Seltenheit, dass wir in München gegen den Tabellenführer spielen – und der heißt dann auch noch Paderborn.“ So wird aus der Partie gegen die vermeintlich graue Maus der Bundesliga ein echtes Topspiel.

Pro Saison fährt der Fanclub, der 2006 gegründet wurde und rund 60 Mitglieder hat, zu zwei bis drei Heimspielen nach München. „Mehr geht auch nicht, weil man selbst als Fanclub sehr schwer an Karten kommt.“ Bei der Auswahl der Spiele darf man nicht wählerisch sein: „Man muss da auch flexibel sein und dienstags zu einem Spiel gegen Paderborn fahren, denn wenn man die Karten, die man angeboten bekommt, nicht nutzt, bekommt man irgendwann keine mehr.“

Selfies aus dem Fanbus

Unterwegs ist Atta Ullah Virk die Vorfreude anzumerken. Er verschickt Selfies aus dem Fanbus und Nachrichten an seine Frau Maria-Amin, seine Familie und an seine Freunde. „Sie freuen sich alle sehr für mich.“ Gerne würde er dieses Erlebnis mit seiner Frau, die in Pakistan lebt, teilen. „In fünf bis sechs Monaten fällt die Entscheidung, ob ich dauerhaft in Deutschland bleiben darf. Wenn es klappt, möchte ich meine Frau nach Deutschland holen und sie zu einem Fußballspiel mitnehmen.“ Zumindest eine Arbeit in Deutschland hat er schon gefunden. Er arbeitet in einem Fastfood-Restaurant in Hechingen. Sein Wunsch, sollte er die Aufenthaltsgenehmigung bekommen, bei einer Bank zu arbeiten, bleibt.

Der Bus kommt vor der Allianz-Arena in München an. Atta Ullah Virk ist beeindruckt von der Größe des Stadions und den Menschenmengen: „Hier sind so viele Leute. Das übertrifft alle meine Vorstellungen.“ Atta Ullah Virk setzt sich auf seinen Platz auf der Nordtribüne des Stadions. Während viele Fans sich noch mit Stadionwurst und Bier im Plastikbecher versorgen, verfolgt Atta Ullah Virk bereits konzentriert das Vorprogramm – weil gerade Wies'n-Zeit ist, spielen mehrere Blaskapellen. Er sieht auch sofort, welcher Spieler als erster den Spielertunnel verlässt, um sich aufzuwärmen: Thomas Müller.

Anpfiff. Atta Ullah Virk sitzt vornübergebeugt, mit den Ellbogen auf den Knien oder auf dem Geländer vor ihm. Hochkonzentriert, es soll ihm nichts entgehen. Der Überraschungs-Tabellenführer aus Paderborn startet mutig und spielt sich in den ersten drei Minuten drei Chancen heraus. Doch dann beginnt die große Bayern-Show. „Die erste halbe Stunde war das Beste, was ich von der Mannschaft in dieser Saison bisher gesehen habe“, wird später ein Mitglied des Fanclubs sagen.

Müller trifft – sein größter Fan jubelt

Achte Minute. Der Ball kommt im Strafraum zu Thomas Müller, der mit der Hacke auf Mario Götze ablegt. Atta Ullah Virk springt schon beim Pass seines Idols auf und jubelt, noch ehe Götze an den Ball kommt. Götze schießt und trifft. Nun stehen auch die anderen Fans. Das Stadion bebt. Die beiden Nationalspieler versetzen Atta Ullah Virk 71 Tage nach dem WM-Finale erneut in einen Freudentaumel. Fortan spielen die Bayern die Gäste aus Paderborn schwindelig und erhöhen schnell auf 2:0. Sie könnten bis zur Halbzeitpause vier, fünf Tore schießen, begnügen sich aber mit zwei.

Zweite Halbzeit. Die Bayern gehen das Spiel nun gemächlicher an. Paderborn kommt nun tatsächlich wieder zu Chancen. Manuel Neuer, der nach dem Seitenwechsel mit dem Rücken zur Nordtribüne steht, wo auch der Fanclub „Red Force“ und sein Gastfan aus Pakistan sitzen, darf sich ein paar Mal unter dem Applaus der Fans auszeichnen. Atta Ullah Virk spürt, dass die Bayern nachlassen: „Jetzt muss Müller ein Tor machen.“ Wenig später haben auch die Bayern-Ultras genug und versuchen ihre Mannschaft mit Fangesängen und Applaus aufzuwecken. Atta Ullah Virk kennt zwar die Texte der Fangesänge nicht, aber er klatscht kräftig mit. Wenig später fällt das 3:0. Wieder war Müller beteiligt. Götze „staubt“ seinen Versuch ab.

Zwischendurch werden die Spielstände von Hoffenheim und Mainz auf der Videowand eingeblendet. Die Konkurrenz patzt. Bayern ist wieder Tabellenführer. Hämischer Applaus im Stadion. Atta Ullah Virk klatscht nicht. Was auf den anderen Fußballplätzen passiert, interessiert ihn nicht. Er ist nur auf den Münchner Rasen und im Speziellen auf den Spieler mit der Nummer 25 fixiert. Der Spieler, der nun mit Anlauf in den Paderborner Strafraum rennt. Von der rechten Seite spielt Robben in die Mitte. Müller trifft. Im Gegensatz zum Stadionsprecher braucht Atta Ullah Virk keine Wiederholung.

 

 

Wie alles begann ...

Beliebt im Netz In unserem WM-Video nach dem 7:1-Halbfinalsieg der Deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM haben wir auch den jungen Pakistani Atta Ullah Virk in Balingen interviewt. Mit seiner sympathischen Art und seiner Liebesbekundung zum deutschen Team eroberte er die Herzen unserer Facebookfans im Sturm. Nach dem WM-Sieg haben wir uns mit Atta Ullah Virk erneut getroffen und ihn auf unserer lokalen Titelseite porträtiert. Im Gespräch äußerte er den Wunsch, sein Idol Thomas Müller einmal live spielen zu sehen. Der Isinger Hans-Dieter Vogt hat den Artikel gelesen und sich spontan entschlossen, dem Fußballfan seinen Traum zu erfüllen. Er setzte sich mit dem Bayern-Fanclub Isingen/Heiligenzimmern in Verbindung und lud Atta Ullah Virk zum Spiel der Bayern gegen den SC Paderborn ein. Der Rest ist Geschichte ...

 

Kommentar – Weltklasse!

Hätte mir vor ein paar Monaten jemand erzählt, dass ich als VfB-Fan einmal in der Allianz-Arena sitze und den FC Bayern anfeuere, ich hätte ihm wohl den Vogel gezeigt. Die Reise nach München war auch für mich ein besonderer Termin, denn was sich Hans-Dieter Vogt und der Bayern-Fanclub Isingen/Heiligenzimmern haben einfallen lassen, um Atta Ullah Virks Traum zu erfüllen, hat mich riesig gefreut. Leider sind wir in der ZAK-Online-Redaktion auch fremdenfeindliche und rassistische Kommentare bei Ausländer- und Asylthemen gewohnt. Umso schöner war es, durchweg positive Kommentare zu erhalten, als wir Atta Ullah Virk vorgestellt haben. Dass nun gerade aus Isingen, wo das neue Asylheim ebenfalls für strittige Diskussionen gesorgt hat, die Einladung zum Bayernspiel kam, ist umso schöner. Nun bin ich zwar nach 90 Minuten im Münchner Fußballtempel noch immer kein Bayern-Fan, dafür aber Fan des Fanclubs Isingen/Heiligenzimmern. bs

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