18.06.2014

Leserbrief

„Beste Praxis“ in Grosselfingen?

Grosselfingen und sein Narrengericht steht seit April 2014 auf Platz 1 der „Best-Practice“-Beispiele der baden-württembergischen Länderliste, welche die Bundesländer derzeit für die Deutsche UNESCO-Kommission erstellen. Es geht dabei um Erhalt und Bestand des „Immateriellen Kulturerbes“ – also nicht 'nur' um Zeugen der Hochkultur wie Kirchen, Burgen und Schlösser, sondern um die Kultur der Vielen, um Bräuche und Traditionen in der Vielfalt und Breite unserer Kultur.

In den Länderjurys (wo auch ich mitarbeite) kam man überein: Aus Sicht unserer Kulturpolitik sind diese „Beste-Praxis-Beispiele“ wichtiger als die 2 „offiziellen Listen-Plätze“, die jedes Land nur benennen darf: in BW sind es „Schwäbisch-Alemannische Fastnacht und Peter- und Paul-Fest Bretten“.

Diese „Paradepferde“ haben zwar die Ehre, auf dem Podest zu sein, mehr aber nicht – denn Geld gibt es keines. Weiterführen, motivieren und in die Breite wirken sollen aus unserer Sicht vielmehr die Beispiel der besten, vorbildlichen Praxis im Umgang mit Brauchtradition und -kultur.

Die Jury setzte die „Bruderschaft des Ehrsamen Narrengerichts zu Grosselfingen“ auf den ersten Beste-Praxis-Platz mit gutem Grund: weil dies, in seiner bis heute erhaltenen, ehrenamtlich „praktizierten“ Form eben einmalig ist!

Wie ich hörte, soll in Grosselfingen demnächst die Ortsmitte in ihrer historisch gewachsenen und mit dem Narrengericht zutiefst verwurzelten Form 'plattgemacht' werden – im Namen von „Städtebaulicher Neuordnung, Neu-Orientierung und -Gestaltung“. Solche Schlagworte der Modernisierung sind auch andernorts zu finden. Zum unausweichlichen Programm werden sie, wenn sie sich verbinden (und verbünden!) sie mit dem Satz „Eine einmalige Chance – wir müssen die Zuschüsse nutzen!“

Also heißt es: „Weg mit dem alten G'lomp!“ Auch hier gibt es eine traurige Hit-Liste der Besten-Praxis-Beispiele. Sie heißt „Z'ammaschiaba, Warm abbrechen, Feuerwehrübung!“ Heutzutage wird sie noch bekrönt von „EU-Zuschüsse!“: sie bringen nie geahntes Geld ins Dorf – und Pläne von versierten Planungsbüros, die den Orten in ihrer gewachsenen Geschichte und Einzigartigkeit niemals gerecht werden – ja es nicht einmal versuchen.

Ortsmitte platt, einheitlich modern und aus der Retorte – das ist das Rezept, an dem viele verdienen und das als Ergebnis überall sichtbar ist. Und bei dem Orte mit ihrer Geschichte, Kultur und Eigenart nur der Verlierer sind!

Noch mag ich nicht glauben, dass dies auch in Grosselfingen der Gang der Dinge sein soll. Für das „Ehrsame Narrengericht“ wäre dies eine Tragik: Was aus dem Spätmittelalter und über Jahrhunderte hinweg überlebt hat in einer Einzigartigkeit, mit größten Mühe von Einzelnen im Ort gepflegt und erhalten wurde, würde in seiner überlieferter Form nicht mehr sichtbar, in traditioneller Form durchführbar sein!

Kürzlich hörte ich, als wir in der Bundeskulturstiftung über solche Probleme sprachen, den Satz: „Wir müssen Wege suchen, wie wir die Kultur im ländlichen Raum fördern und erhalten können, wenn sie von EU-Zuschüssen wie LEADER massiv bedroht ist!“ Grosselfingen kam mir in den Sinn – als treffendes, möglicherweise auch tragisches Beispiel: Es wäre mehr als eine Ironie der Geschichte.

Aber, so ist hoffen, für ein Umdenken ist es nie zu spät.

Professor Dr. Christel Köhle-Hezinger, Wiflingshauserstrasse 139, 73732 Esslingen

Kommentare unserer Leser

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Sehr geehrte Frau Professor Dr. Köhle-Hezinger,



Ende der siebziger Jahre pflichtet mit Philip Johnson der erste Architekt Amerikas der These bei, dass der Wiederaufbau tiefer in das Gesicht der deutschen Städte eingeschnitten hat als ein mehrjähriger Bombenkrieg, und der Londoner James Stirling fügte hinzu, dass es die wichtigste Aufgabe der Gegenwart sei, die deutschen Städte „von den „Nachkriegsschäden zu befreien, die die moderne Architektur angerichtet hat“.

Lothar Gerstenecker am 18.06.2014 10:08:25
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