Hilflos im reißenden Fluss der Reize
Ein Chaos, das über einen hereinbricht: Hochsensiblen Menschen fehlen oft die Filter und Dämpfer, um die Wucht der Reize und Sinneseindrücke aus der Welt abzuschwächen. Ungehindert auf sie einprasselnd, ziehen sich die Betroffenen oft aus dem aktiven Alltagsleben zurück. Sofia Fischer will dies nun ändern – und aktiv nach Gleichgesinnten aus der Region suchen.
Ein Chaos, das über einen hereinbricht: Hochsensiblen Menschen fehlen oft die Filter und Dämpfer, um die Wucht der Reize und Sinneseindrücke aus der Welt abzuschwächen. Ungehindert auf sie einprasselnd, ziehen sich die Betroffenen oft aus dem aktiven Alltagsleben zurück. Sofia Fischer will dies nun ändern – und aktiv nach Gleichgesinnten aus der Region suchen. Foto: Nico Pannewitz
Ein Chaos, das über einen hereinbricht: Hochsensiblen Menschen fehlen oft die Filter und Dämpfer, um die Wucht der Reize und Sinneseindrücke aus der Welt abzuschwächen. Ungehindert auf sie einprasselnd, ziehen sich die Betroffenen oft aus dem aktiven Alltagsleben zurück. Sofia Fischer will dies nun ändern – und aktiv nach Gleichgesinnten aus der Region suchen.
Ein Chaos, das über einen hereinbricht: Hochsensiblen Menschen fehlen oft die Filter und Dämpfer, um die Wucht der Reize und Sinneseindrücke aus der Welt abzuschwächen. Ungehindert auf sie einprasselnd, ziehen sich die Betroffenen oft aus dem aktiven Alltagsleben zurück. Sofia Fischer will dies nun ändern – und aktiv nach Gleichgesinnten aus der Region suchen. Foto: Nico Pannewitz

Bitz, 10.06.2014

Hilflos im reißenden Fluss der Reize

Sofia Fischer aus Bitz ist hochsensibel – Um ihr Leben neu zu ordnen, will sie weitere Gleichgesinnte suchen

Sofia Fischer ist hochsensibel. Seit geraumer Zeit lebt die Bitzerin mit der Gewissheit. Erst kürzlich konnte sie sich akzeptieren wie sie ist. Nun will sie andere Menschen kennen lernen, die so sind wie sie.

Sie wusste schon immer, dass sie irgendwie anders war. Zumindest tief in ihrem Inneren. Sei es in der Kindheit, in der Jugend oder im Erwachsenenalter – Sofia Fischer wurde das Gefühl nie los, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Gesprächsinhalte mit Freunden erfüllten sie nicht, ihre Menschen schienen eine grundlegend andere Welt vor sich zu sehen. Und dazu der ganze Stress des Alltags – der Fluss, in dem alle anderen mühelos zu paddeln schienen, riss wie ein reißender Strom mit sich. Ohne Halt, ohne Damm und ausgezehrt vom Druck der Reize fand die gebürtige Bergisch-Gladbacherin bis heute keine sichere Erkenntnis darüber, wer sie ist. Keinen festen Platz.

Jahrzehntelang suchte sie den Grund für ihr Leid in einem Konstruktionsfehler, dachte, sie sei einfach „dumm“. Sie machte sich zum Vorwurf, dass sie sich nicht dem „normalen“ Lebensrhythmus anpassen, nicht so fühlen, nicht so denken konnte wie die Mehrheit. Und zog sie sich mehr und mehr zurück. Vor kurzem, mit 43 Jahren, ist aber etwas passiert. Sofia Fischers Welt ist dabei, sich grundlegend zu verändern. Der Grund: Sie lebt nun mit der Erkenntis: „Ich bin hochsensibel“. Und fühlt, dass jetzt in ihr nach und nach ein Knoten platzt.

Hochsensibilität ist ein medizinischer Zustand, der zwar wissenschaftlich beobachtet, aber noch nicht wirklich erklärt ist. Nach gängigem Verständnis reagieren hochsensible Menschen aufgrund einer angeborenen, speziellen neuronalen Konstitution heftiger auf Sinneseindrücke. Filter, die bei anderen Menschen die einkommenden Reize abschwächen, fehlen bei den Betroffenen oder sind weniger stark. Dadurch nehmen sie die Welt wesentlich anders wahr als der Durchschnittsmensch.

Sofia Fischer ist zweifellos „anders“. Während ihr Aussehen mit dunkler Kleidung und farbigen Haarsträhnen zwar einen kreativen, aber keinen auffälligen Eindruck machen, wird im Gespräch mit ihr sofort deutlich, dass sie irgendwie anders „tickt“. Ihrer Stimme fehlt eine Konsistenz, mal ist sie labil, im nächsten Moment sehr stabil. Ihr Ausbruch von Emotionen kommt dazu mitunter unvermittelt und extrem und unterbricht den Redefluss. Ihr Gesichtsausdruck scheint zudem manchmal nicht zu den Gefühlen zu passen, die sie über ihre Sprache ausdrückt. Sie wirkt unvorhersehbar.

Durch die Erkenntnis, dass sie hochsensibel ist, ergeben für Sofia Fischer selbst aber immerhin viele Elemente ihres Lebens einen neuen Sinn. So ist ihr Hörvermögen sehr empfindlich – selbst das ruhige Bitz wird ihr nun nach mehreren Jahren langsam zu laut. „Früher oder später werde ich hier wohl wieder weg müssen“, meint sie wehmütig. Ihr Schmerzempfinden war ohnehin schon immer schlimm – Arztbesuche sind für sie der Horror. Ihre Augen schließlich kennen keine Regeln. „Ärzte an der Uni-Klinik Tübingen haben festgestellt, dass sich mein Sehvermögen am Tag mehrfach ändert“, verrät Fischer.

Die Außenwelt strömt oft ungehindert auf die 43-Jährige ein – überfordert sie und überrollt sie gar ab und zu. „Es kommt schon immer vor, dass ich Reizüberflutungen habe und mich zurückziehen muss“, meint die Bitzerin. Ihre Reaktion auf Reize behinderte ihre Beziehung zu ihren Mitmenschen, wegen psychischen Krankheiten blieben ihr dazu Bildungsabschlüsse verwehrt. Eine Arbeit kann sie heute nicht ausüben – die 43-Jährige ist Frührentnerin.

Dass sich Fischers Leben gerade aber etwas umkrempelt, ist nicht allein der Erkenntnis „Hochsensibel“ zu verdanken. Denn da der Forschungsbereich noch relativ neu und unscharf ist, gibt es letztendlich auch noch keine allgemein akzeptierten Testmechanismen. Somit ist auch eine eindeutige medizinische Diagnose Mangelware. Die Betroffenen müssen am Ende selbst entscheiden, ob sie hochsensibel sind oder nicht – und ob ihnen die Vorstellung hilft.

„Ich habe den Komplex

Hochsensibilität vor anderen entdeckt“, verrät Sofia Fischer. Dass dies

erst jetzt ihr Leben verändert, hat seinen Grund. Denn zu erkennen, dass man einfach anders und nicht „defekt“ ist, bedeutet nicht zugleich, dass man es auch akzeptiert. Und gerade dies fiel der Bitzerin ziemlich schwer: „Ohne die Gegenwart eines verständnisvollen Gegenübers zu erkennen, dass ich so sein darf, so sein kann, das habe ich erst vor kurzem. Denn bisher konnte ich mich nur in anderen Menschen spiegeln, die von mir erwarteten, so wie sie zu sein. Und ich erwartete dasselbe.“

Dass sie dies aber nie sein kann, hat sie nun verinnerlicht – nicht zuletzt, da sich die intensivere Wahrnehmung der Welt laut wissenschaftlichen Beobachtungen auch auf die Persönlichkeit von Hochsensiblen auswirkt. Sie können oft nicht nur die Stimmungen von anderen Menschen sehr fein wahrnehmen, sondern erweisen sich oft auch als psychosoziale und existenzielle „Querdenker“. Diese Erfahrungen hat Sofia Fischer bereits gemacht. „Viele meiner Bekannten sprechen gerne über Probleme, aber wollen diese eigentlich nicht lösen“, stellt sie fest. „Oft sind sie schockiert über die Richtung, in die ich Gespräche lenke oder werfen mir vor, ich sei zu kompliziert. Ich denke aber, dass ich die Dinge wesentlich einfacher sehe als sie.“

Fischers Haus spiegelt noch das Wirrwarr ihrer vergangenen Lebensjahrzehnte wider. Gespickt mit komplexen und abstrakten Kunstwerken erzählen ihre vier Wände eine Geschichte von Kreativität, aber auch Introversion. Zwar hat sie bereits mehrere ihrer Werke ausgestellt, jedoch tut sie sich schwer mit der Bezeichnung „Künstlerin“: „Das Malen ist für mich bisher eigentlich immer nur ein Mittel zum Zweck gewesen. Ein Ventil, um den Druck auf mir etwas abzulassen.“ Abgesehen von ihrer Katze hielt die Bitzerin bisher nichts davon ab, tief in ihre eigene Welt abzutauchen und andere Menschen auszuschließen.

Dies will sie aber nun nicht mehr. Nachdem sie sich als hochsensibel akzeptiert hat, will sie einen Schritt zurück in die Welt machen. Mehr Selbstbewusstsein hat sie bereits geschöpft. „Ich kann heute offen zu meinen Freunden sagen: Ja, wir können gerne Kaffee trinken gehen, aber wir sind trotzdem von verschiedenen Welten“, schmunzelt sie.

Zudem hat die schrittweise Lockerung des Knotens in ihr ein leichtes Gefühlschaos erzeugt. Ihre bisherigen Emotionen und Eindrücke durch ihre Erkenntnis neu zu interpretieren und zu ordnen, wird noch etwas dauern. Und sie wird Hilfe brauchen. Deshalb will Fischer keine Zeit mehr vergeuden und die Welt der Hochsensiblen erforschen. Sie sucht nach weiteren HSPs aus der Umgebung. „Ich möchte es einfach erleben, dass ein anderer Mensch meine Gefühle und Gedanken nachvollziehen kann“, schwärmt die 43-Jährige. Die Chance, sich in einem ähnlichen Menschen zu spiegeln und sich damit schließlich einen festen Platz im Leben zu schaffen – dies ist das Nächste, das auf Sofia Fischers Liste steht.

 

Lokale HSP-Gruppe: Sofia Fischer veranstaltet ein Treffen

Persönlich Im Internet nach anderen Hochsensiblen zu suchen oder mit ihnen zu chatten – für Sofia Fischer ist dies nicht möglich. Da das Internet für sie eine Reizüberflutung darstellt, kann ihr das Hypermedium nicht helfen. Sie setzt auf persönliche Kommunikation statt auf Avatare und Chatrooms – aber der Weg nach Tübingen (siehe unten) ist ihr zu weit. Deshalb will sie selbst ein lokales Treffen für hochsensible Menschen aus der Umgebung veranstalten. Dieses soll erstmals am Samstag, 14. Juni, um 17.30 Uhr im Restaurant Rosa, Schmiecha-straße 50, in Ebingen stattfinden.

Selbstbewusstsein „Die Gruppe soll sich nicht als Selbsthilfegruppe verstehen, sondern als Menschen, die sich einfach austauschen wollen“, erklärt Sofia Fischer. Alle Menschen, die vermuten, hochsensibel zu sein, sind zu dem Treffen eingeladen. Anmeldung bei Restaurant Rosa, Telefonnummer: 07431/ 9482440.

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