Eine kräftezehrende „Ahnensuche“
„Radwette“ der besonderen Art: Sechs Freunde radeln in sieben Etappen von Ostdorf nach Palermo
Balingen-Ostdorf, 19.11.2010 von Rosalinde Conzelmann
Eigentlich war es nur eine Schnapsidee, als Ernst Aufrecht seinen Kameraden bei einer der Sonntagstouren erzählte, dass er vermutlich Vorfahren in Palermo hat und diese gerne vor seinem 60. Geburtstag besuchen würde – natürlich mit dem Fahrrad. Ein Spruch, der für die ganze Truppe zur Herausforderung wurde: Sie wollten Aufrechts Wunsch erfüllen und planten eine Fahrradtour nach Palermo mit sieben Etappen. Jedes Jahr eine – weil alle beruflich sehr engagiert sind und die gesamte Italientour mit rund 25 00 Kilometern und knackigen 27 386 Höhenmetern in einem Rutsch für die Freizeitsportler dann doch eine Nummer zu groß schien.
Die „Sonntagsradler“ steigen im Sommer jeden Sonntagmorgen aufs Fahrrad, um Touren zwischen 60 und 90 Kilometer zurückzulegen. Dabei stehen die Gemeinschaft und der Spaß im Vordergrund, denn das Einkehren ist fester Bestandteil jeder Ausfahrt. Die „Palermo-Tour“ rückte die sportliche Komponente mehr in den Vordergrund und der Ehrgeiz war geweckt.
Ernst Aufrecht ist mit 60 Jahren der „Senior“ auf dem Radsattel. Klaus-Dieter Hermann ist mit 47 Jahren der jüngste in der Truppe. Dieter Fuoß ist 48 Jahre alt, Walter Luippold, Jürgen Leukhardt (der einzige Ostdorfer, der nicht mehr im Ort lebt) und Joachim Hölle sind Jahrgänger und 49 Jahre alt.
Joachim Hölle avancierte zum Guide der sportlichen Truppe. „Er ist unser Denker und Lenker, ohne ihn hätten wir das nie geschafft“, sagt Aufrecht. Seine Kameraden nicken. Auch Wolfgang Merz, der das Begleitfahrzeug, einen Sprinterbus, steuerte und sein Beifahrer „Schorsch“ waren wichtige Garanten für den Erfolg der Tour. Start war immer am Zielort der letztjährigen Etappe.
Die erste Etappe, die Ende September 2004 von Ostdorf nach Sursee am Vierwaldstätter See führte, war ein Kinderspiel. An zwei Tagen spulten die Radler 250 Kilometer ab.
Bei der zweiten Etappe (rund 300 Kilometer), die vom 1. bis 3. Juli 2005 von Sursee über den Gotthard nach Angera am Lago Maggiore führte, war schon mehr Konditionsstärke gefragt. Hier erlebten die Ostdorfer den ersten Temperatursturz: „Am Gotthard hatten wir null Grad, am Lago Maggiore konnten wir bei 28 Grad Außentemperatur baden“, erzählt Dieter Fuoß. Die dritte Etappe (346 Kilometer) führte die Radler Ende September 2006 von Angera nach Carrera und begann mit einem Massensturz. Der Schreck war groß, es blieb aber glücklicherweise bei Prellungen und blauen Flecken, die abends im Hotel jede Menge Gesprächsstoff lieferten.
2007 überraschte Schneefall die radelnden Schwaben bei der vierten Etappe, die sie Mitte Oktober von Marina de Masa über die Via Aurelia nach Rom führte. Trotz engem Zeitplan erkundeten die erschöpften Radler, die 336 Kilometer in den Beinen hatten, einen Tag lang die Vatikanstadt.
Ein Jahr später wurde der Sprinterbus erneut bepackt und Rom angesteuert. Von dort aus führte die Route nach Pompeji und zum Vesuv – inklusive vielen Besichtigungen und Besteigungen.
Bei der vorletzten Etappe 2009 nahmen sich die „Sonntagsradler“ mehr Zeit und legten vom 10. bis 16. Oktober 571 Kilometer und rund 5500 Höhenmeter bei ihrer Fahrt von Pompeji bis Messina an der Amalfiküste zurück. Ohne Zweifel die Königsetappe der Tour, bei der Zähnezusammenbeißen angesagt war, denn es regnete oft und die Anstiege schienen endlos zu sein .
Die letzte Etappe vom 3. bis 7. September startete am Stuttgarter Flughafen. Die Fahrräder transportierte Wolfgang Merz im Sprinter. Er wartete am Flughafen in Catania auf die Radler, die am ersten Tag bis spät in die Nacht hinein auf ihren Bikes saßen. Die Anstrengungen (337 Kilometer und 4612 Höhenmeter) waren bei der Ankunft in Palermo schnell vergessen und die Radler beschlossen im ersten „Höhenrausch“ gleich ihre nächste Tour, eine Deutschlandumfahrung. Bei der Ankunft auf dem Stuttgarter Flughafen wurden die tapferen Schwaben von ihren stolzen Frauen und Ostdorfs Ortsvorsteher mit einem Empfang überrascht.
Die Männer haben auf ihrer „Palermo-Tour“ viele schöne Erfahrungen gemacht und sind oft an ihre körperlichen Grenzen gestoßen. „Je steiler der Anstieg war, desto ruhiger wurde es und die Abstände immer weiter“, sagt der Senior. Es galt jedoch die eiserne Regel, dass auf den letzten gewartet wird. Von der Gastfreundschaft der Italiener waren die Ostdorfer begeistert, von ihren Landkarten allerdings weniger. „Wir mussten zum Teil auf die Autobahn ausweichen“, verrät Hölle, aber irgendwie sind die Radler dann immer wieder auf der richtigen Route gelandet, haben nach langer Suche jeden Abend ein Hotel gefunden und ihr Chauffeur ist dank Handy und gutem Orientierungssinn am Ende des Tages stets zu ihnen gestoßen.
