Hechingen/Balingen, 19.11.2010

Ein „Robin Hood“ für klamme Kunden?

Der wegen Untreue angeklagte Bänker soll in Not Geratenen mit zinslosen Darlehen geholfen haben

Beide vermisste Zeugen im Prozess gegen den Sparkassen-Filialleiter kamen dann gestern doch noch – diesen Bankkunden in Geldschwierigkeiten hatte der Beschuldigte mit privaten Darlehen unter die Arme gegriffen.

Quasi als moderner Robin Hood, der sein Filial-Viertel zum Sherwood-Forest erklärt? Dieses Bild drängte sich den Zuhörern im gestrigen vierten Verhandlungstag vor dem Hechinger Schöffengericht auf.

Fast 13 000 Euro waren es im Falle eines 40 Jahre alten Mannes. Durch eine Steuernachzahlung sei er vor gut sechs Jahren in Zahlungsschwierigkeiten geraten, schilderte dieser. Ganz unbürokratisch aber hatte ihm der Sparkassen-Mitarbeiter aus der Patsche geholfen, hatte das Kundenkonto mit gut 8000 Euro wieder halbwegs glatt gestellt und hatte auch in weiteren Fällen offene Rechnungen des Kunden beglichen. Darunter auch den Mahnbescheid eines „engen Freundes“, der seinen „Freundschaftsdienst“ auf diese Weise wieder beitreiben wollte. – Natürlich sei er davon ausgegangen, dass es sich trotz handschriftlicher Vereinbarung um ein förmliches „zinsloses Bankdarlehen“ handle – „man hat ja Vertrauen“, gab sich der als Musiker tätige Mann unbedarft.

In gleicher „Wohltäter-Rolle“ soll der Bänker einem 40 Jahre alten Familienvater geholfen haben: Nachdem dessen Girokonto bereits schmerzlich überschritten war und eigentlich „nichts mehr ging“, habe der Sparkassen-Filialleiter Hoffnung gemacht, „es zu regeln, aber das bleibt unter uns“.

3200 Euro zahlte der Bänker auf das Kundenkonto ein und stellte damit wieder den ordnungsgemäßen Zustand her. Mit der Rückzahlung hapert es wohl in diesem Falle, wie die gestrige Zeugenbefragung ergab. Der Beschuldigte vernahm's regungslos.

Woher der Sparkassen-Filialleiter und selbst Familienvater in jenen Jahren die immer wieder verfügbaren Gelder genommen hatte?

Mit der gestern begonnenen Befragung des Innenrevisors Horst Linning wurde zumindest in Teilen bekannt, worauf sich Verdacht und Anklage der Staatsanwaltschaft gründen dürften.

Die Durchsicht zahlreicher Kundenunterlagen und Abgleich mit Bankkonten des ehemaligen Kollegen habe doch auffällige Bewegungen zu Tage gefördert: So habe der Beschuldigte bereits zu Beginn der Ermittlungen erste Aussagen korrigiert. Zahlreiche Bareinzahlungen auf dem eigenen Konto seien nicht aus den Guthaben der Kinder geflossen, sondern von einer Kundin, die ihm bereits zu Lebzeiten immer wieder großzügige Geldbeträge zufließen lassen wollte.

Tatsächlich seien von deren Konto in den Jahren 2003 bis 2007 rund 312 000 Euro an Barverfügungen geflossen – in gleicher Zeit seien auf das Konto des Bänkers 178 000 Euro bar eingezahlt worden. Nach dem Tode der Kundin im Jahre 2006 wies das Konto noch rund 9000 Euro aus. Die Tochter der Verstorbenen habe bis zu diesem Zeitpunkt kein Geld erhalten.

An Hand eines weiteren Vorganges versuchte der Revisor darzulegen, wie die Praxis im Detail abgelaufen sein könnte: So sei quasi in mühevoller Detailarbeit heute aufzuzeigen, wie der Beschuldigte beispielsweise am 5. August 2008 sein Schließfach bei der Sparkasse aufgesucht hatte, gleichentags an zwei Schaltern der Sparkasse jeweils 14 000 und 6000 Euro auf das eigene Konto eingezahlt.

Ebenso sollte sich beispielsweise aus den Schilderungen einer weiteren, heute 71 Jahre alten Zeugin, ergeben, weshalb der Bänker als Begünstigter deren Risiko-Lebensversicherung eingetragen war, obwohl sie die monatlichen Prämien nur unter großen Entbehrungen aufbringen konnte. – Die erhellende Antwort aus gestriger mühsamer Befragung: Die Seniorin hatte diese Versicherung als Finanzierung der eigenen Bestattung abgeschlossen, der Bänker sollte sich darum kümmern.

Nach wie vor unklar ist auch nach den Darlegungen des Revisors der Verbleib der 79 000 Euro einer betagten Kundin. Deren Angehörige hatten die Sache im Sommer 2007 ins Rollen gebracht: Sie waren vorstellig geworden, weil auf dem Konto der Muter Geld fehlte. In drei Chargen waren die 79 000 Euro im Frühsommer abgehoben worden, zwei Mal 30 000, ein Mal 19 000 Euro. Der Angeklagte beharrt darauf, selbst das Geld nicht einbehalten zu haben, vielmehr habe er es der Kundin ausgehändigt.

Eben dieses lasse sich allerdings aus den vorliegenden elektronischen Buchungsvorgängen und den Videoaufzeichnungen nicht ersehen, vielmehr war zu Zeiten der Geldbewegungen die Kundin nicht oder bereits zuvor am Schalter.

Am heutige Freitag. ab 8.30 Uhr soll die Verhandlung gegen den Bänker mit der weiteren Befragung des Revisors fortgesetzt werden, ob am 2. Dezember das Urteil gesprochen wird, ist offen.

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