Hechingen, 05.10.2010

Missbrauch statt Trost vom Patenonkel

Hechinger Landgericht verhandelt einen Fall vielfachen Missbrauches an einem Kind

Gestern wurden vor dem Hechinger Landgericht 17 Vergehen von schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern in einer Kreisgemeinde verhandelt. Am Donnerstag ist mit dem Urteil zu rechnen.

Zum Sachverhalt: Der nette Patenonkel vergreift sich an einem sechsjährigem Mädchen – leider der Paradefall von sexuellem Missbrauch und so auch über sechs Jahre lang an wechselnden Wohnorten im nördlichen Kreisgebiet geschehen.

Vor der ersten Strafkammer des Landesgerichts Hechingen hatte sich gestern ein 44-jähriger Mann zu verantworten, der bereits seit Mai in Haft sitzt. Zuerst relativierte er die einzelnen Vorfälle, bekannte sich dann aber mehr und mehr zu den in etlichen Auszügen verlesenen Aussagen der inzwischen 16-jährigen Geschädigten, die als Nebenklägerin auftrat.

Zum ersten Übergriff kam es demnach im Herbst 2000. Von da an gab es immer wieder Geschlechtsverkehr, stets mit Kondom, in mindestens 17 aktenkundigen Fällen, bis der Angeklagte im Herbst 2006 das Interesse an der damals Zwölfjährigen verlor, weil er eine Affäre mit deren Mutter begann.

Von Schreien und Weinen, von Schmerzen und Versuchen des sich Wehrens wollte der Angeklagte zunächst nichts wissen. Richter Herbert Anderer konnte sich allerdings nicht vorstellen, dass ein sechsjähriges Mädchen freiwillig mit einem älteren Mann Geschlechtsverkehr ausübe. Schließlich knickte der Angeklagte ein, dem das gesamte Geschehen offensichtlich sehr peinlich war. „Ich hab es verbockt und kann es nicht mehr rückgängig machen“, gestand er gleich nach Verlesung der Anklageschrift. Mit seinem sehr zögerlichen und häppchenweise abgegebenen Geständnis ersparte er schließlich der Geschädigten nähere Ausführungen zum Tathergang. Nur die inzwischen vom Angeklagten geschiedene Ehefrau wollte in ihrer Zeugenaussage zum Alkoholkonsum ihres Ex noch einiges in Bezug auf das Patenkind los werden, was ihr der Richter jedoch verweigerte. „Du hast es schließlich selbst so gewollt“, konnte sich die 61-Jährige in Richtung Nebenklägerin aber nicht verkneifen. Und damit wurde einmal mehr klar, was der Gutachter letztlich als „Idealkonstellation“ in solchen Missbrauchsfällen bezeichnete: Wirkliche Hilfe fand das Mädchen nämlich weder bei der eigenen Familie noch bei der Patentante.

Eine Schulfreundin und eine Nachbarin brachten den Stein ins Rollen. Aufschluss über die Situation des Mädchens konnte unter anderem die damalige Schulsozialarbeiterin geben, die den Fall beim Jugendamt zur Anzeige gebracht hatte. Die Geschädigte lebte demnach mit einem älteren Stiefbruder aus der ersten Beziehung ihrer inzwischen abermals geschiedenen Mutter und den zwei jüngeren Brüdern zusammen und musste sich regelmäßig um die kleineren Geschwister kümmern. Die Mutter lag bis am späten Vormittag im Bett und war wohl dem Alkohol sehr zugetan und infolge dessen recht gewalttätig. So suchte sich das junge Mädchen mehr und mehr Schutz und Geborgenheit im Hause von Patenonkel und Patentante.

Zeitweise wohnten die beiden Familien sogar unter einem Dach. Als das Mädchen wegen ihres angespannten Verhältnisses zu den Eltern Trost suchte, nahm sie der Patenonkel in den Arm und vergewaltigte sie. In den späteren Jahren habe sie mal ein Fahrrad gewollt, mal etwas für die Schule benötigt und musste dafür quasi wieder mit Sex bezahlen, wie der Angeklagte erläuterte, ohne sich in diesem Fall einer Schuld bewusst zu sein.

Später wurde die damals Neunjährige sogar bei Patenonkel und Patentante einquartiert, da es in der eigenen Wohnung der Familie wohl an Platz mangelte. Als „skurrile Zustände“ bezeichnete Richter Anderer den Umstand, dass die Patentante meist auf dem Sofa nächtigte, während das Kind im Ehebett beim Ehemann schlief. Dort war ein großer Fernseher, erläuterte das Opfer, und die Patentante habe gegenüber der Mutter erklärt, es könne nichts passieren, schließlich lasse sie immer die Schlafzimmertür offen. Mal war es ein Arztbesuch, mal eine dreiwöchige Kur der Patentante, in der es dennoch reichlich Gelegenheit für die sexuellen Übergriffe gegeben hat.

Auch beim Angeklagten waren die sozialen Hintergründe nicht die besten. Er hatte früh die Mutter verloren, wurde selbst als Zwölfjähriger von einem seiner vier älteren Brüder sexuell missbraucht, besuchte die Sonderschule, brach seine Ausbildung ab, heiratete eine 17 Jahre ältere Frau und steht mittlerweile vor einem Schuldenberg, welchen er wohl kaum mehr abtragen kann. Offen ist noch die Frage, ob das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit wegen der Alkoholkrankheit anerkennen wird.

Am Donnerstag werden Staatsanwalt und Verteidiger ihre Plädoyers halten und das Urteil wird verkündet. Bei schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern sieht das Strafgesetzbuch übrigens eine Strafe zwischen zwei und 15 Jahren vor.

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Recht.

Kommentare unserer Leser


Widerlich

Dass sich manche Anwälte in solchen Verfahren hinreissen lassen, Opfer zu Tätern machen zu wollen, mögen Diese als Verteidigungsstrategie und damit dienlich ansehen. Ehefrauen von Tätern aber, die möglicherweise weggesehen haben und damit mitschuldig sind, die kindliche Opfer als Urheber diffamieren wollen, sind einfach nur das widerlichste, was eine Gesellschaft aufzubieten hat.
Sie stehen noch unter den eigentlichen Tätern, denen man u.U. eine gestörte Steuerungsfähigkeit und evtl. eigene Erlebnisse in der Kindheit zu Gute halten kann.
von Roland Späth am 12.11.2010 18:52:33

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