Leserbrief
Leserbrief zu den Demonstrationen um Stuttgart 21
Alle Darstellungen doch leicht übertrieben
02.10.2010
Ich war schon immer skeptisch. Trotzdem versuche ich seit Wochen, die Diskussionen um das Eisenbahnprojekt Stuttgart 21 möglichst vorbehaltlos zu verfolgen, und alle Argumente objektiv zu beurteilen.
Ich erfahre, dass Befürworter eine phantastische Zukunft für unsere Landeshauptstadt versprechen, und dass die Gegner befürchten, im jahrzehntelangen Bauschutt und Staub zu ersticken. Ich höre von Gutachten, die den unterirdischen Bahnhof wie ein Schiff auf dem Mineralwasserquellen Stuttgarts aufschwimmen lassen. Fachleute melden sich zu Wort, die berechnet haben wollen, dass die Kapazität eines Durchgangsbahnhofs wesentlich geringer sein soll, als die eines Kopfbahnhofs. Andere behaupten genau das Gegenteil. Es werden Gutachten präsentiert, die versprechen, man müsse die Gleise nur von 16 auf 8 reduzieren, um 90 Grad drehen und unter den Boden verlegen, und schon sind alle Nah- und Fernverkehrsprobleme deutschlandweit gelöst. Und wenn dieser Bahnhof und die neue Strecke nach Ulm nicht gebaut werden, wird Stuttgart zu einem unbedeutenden Provinznest verkommen.
Alle Darstellungen und Behauptungen kommen mir doch leicht übertrieben vor. Aber was soll man nun glauben? Da es offensichtlich kein Problem ist, für jedes Szenario ein Gutachten oder ein Gegengutachten zu erhalten, komme ich so nicht weiter.
Die Kosten, die für das Projekt genannt werden, schwanken gewaltig, aber immer hat die Zahl mindestens 9, manchmal 10 Nullen. Unsere Regierung vermittelt den Eindruck, dass angesichts der gewaltigen Neuverschuldung, die wir jedes Jahr auf das Konto unserer Nachkommen buchen, ein paar Milliarden mehr oder weniger keine Rolle spielen. Mich lässt bei diesen Summen das ungute Gefühl nicht los, dass uns diese Verschwendungssucht irgendwann einmal ganz heftig vorgeworfen wird.
Richtig schlecht geht es mir, wenn ich nun die Bilder sehe, wie friedliche Demonstranten, ältere Leute und Kinder, von der Polizei mit Tränengas, Schlagstöcken und Wasserwerfern angegangen werden. Mir kommen ähnliche Bilder in den Sinn, 30 oder 40 Jahre alt: Winzer in Wyhl im Kaiserstuhl, von den Politikern als Kommunisten beschimpft, wehren sich gegen Atomkraftwerke. Oder Hunderttausende normale Bürger versuchen die Stationierung von Mittelstreckenraketen zu verhindern. Jetzt nach 30 oder 40 Jahren sehe ich diese Bilder in einem ganz anderen Licht als damals. Die Reaktoren in Wyhl wurden nie gebaut, von den Pershings redet heute niemand mehr. Ich bin froh, dass diese Bürger damals ihre demokratischen Rechte wahrgenommen haben.
Etwas, das ganz offensichtlich gegen den Willen der Bevölkerung so rücksichtslos durchgeboxt wird, kann in einer Demokratie nicht richtig sein.
Ich stelle mir vor, wie unsere Kinder vielleicht in 20 Jahren über diese Phase der deutschen Geschichte reden werden. Dabei könnte es heißen: „wie gut dass es damals genügend Leute gab, die für Ihre Überzeugung auf die Straße gegangen sind, und uns vor diesem Erbe bewahrt haben.“
Georg Steigmayer Buhrenstraße 15, Frommern