Das größte Abenteuer
20 Jahre Einheit: Prof. Dr. Bernhard Vogels deutsch-deutsche Erfahrungen
Albstadt-Ebingen, 18.09.2010 von Dagmar Stuhrmann
Es war sein zweiter Besuch. „Vor 20 Jahren bin ich schon einmal in Lautlingen gewesen,“ sagte Vogel. Der ehemalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen ließ, nachdem Thomas Bareiß, MdB, die Gäste im Schloss begrüßt hatte, den Blick weit schweifen und berichtete im Plauderton und von der Warte eines Mannes aus, der die Wiedervereinigung hautnah miterlebt hat, über die Tragweite des Ereignisses: „Es hat die ganze Welt verändert“. Es sei ein Verdienst der Menschen in Ostdeutschland, dass es zu der friedlichen Revolution kommen konnte, die den „Unrechtsstaat DDR“ zusammenfallen ließ wie ein Kartenhaus.
Den politischen Umbruch in Deutschland hat Vogel nicht nur miterlebt, sondern selbst mitgestaltet: Als einziger deutscher Politiker war er „MP“ von zwei unterschiedlichen Bundesländern. Von 1976 bis 1988 bekleidete er das Amt des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten. 1992 wurde Vogel Landesvater von Thüringen und blieb dies bis zum Jahr 2003.
Zwar sei er, wie viele seiner Weggefährten, stets für die Wiedervereinigung eingetreten. „Dass ich sie aber selbst miterleben würde, das hatte ich nicht sicher gewusst“. Vogels Fazit gestern Abend: 20 Jahre Einheit sind ein Erfolg. Die Wiedervereinigung sei gelungen, obwohl „natürlich Fehler gemacht“ worden seien und „noch manches zu tun“ bleibe. Dennoch sei es richtig gewesen, die Chance zu nutzen, als „ein schmaler Spalt der Tür zur Einheit offen stand“. Schon wenige Monate später wäre dies so nicht mehr möglich gewesen.
Vogel ließ seine Zuhörer an seinen Erfahrungen als „Grenzgänger“ im wiedervereinigten Deutschland teilhaben. Was im Zuge der friedlichen Revolution geschah, fasste er eindrücklich zusammen: „Die DDR ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen.“ Problematisch bei der Wiedervereinigung sei „die nur bedingte Kenntnis voneinander“ gewesen. Der Westen sei nicht vorbereitet gewesen. „Es gab zwar ein Ministerium für gesamtdeutsche Fragen, aber keines für gesamtdeutsche Antworten.“ Die Einheit kam über Nacht und es gab „nirgendwo einen Plan, wie man's macht“. In seiner Amtszeit als thüringischer Ministerpräsident („Das größte Abenteuer meines Lebens“) habe er erfahren, dass man auch mit einem Kabinett aus Physikern, Mathematikern, Theologen und Tierärzten regieren kann. Er half dem heruntergewirtschafteten Bundesland mit seinen Mitstreitern wieder auf die Beine. „Es gab niemanden, der Erfahrung mit dem Aufbau eines demokratischen Gemeinwesens hatte.“ Es galt, große und vielfältige Herausforderungen zu bewältigen.
„Umbau ist manchmal schwieriger als Neubau,“ sagte Vogel. Doch der Einsatz hat sich gelohnt: „Es wurde in 20 Jahren einiges erreicht.“ Zwar später als erhofft und nicht überall, aber: „Es sind blühende Landschaften entstanden.“ Wollte man eine Botschaft an die junge Generation formulieren, dann müsste es laut Vogel die folgende sein: „Ihr müsst in das Gelingen verliebt sein, nicht in das Scheitern. Ihr müsst Hand anlegen, wenn ihr etwas erreichen wollt, und ihr müsst die Kraft haben, euch der Aufgabe zu stellen.“
