Hechingen, 11.09.2010

Eine ganze Reihe von Widersprüchen

Amtsgericht Hechingen spricht 23-Jährigen vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs frei

Ist es bei Küssen auf die Wange geblieben oder kam es tatsächlich zum Geschlechtsverkehr? Vor dem Amtsgericht Hechingen war dies nicht zu klären. Der Angeklagte wurde gestern freigesprochen.

Die Staatsanwaltschaft hatte einem 23-jährigen Mann, der mittlerweile aus dem Zollernalbkreis weggezogen ist, schwerer sexueller Missbrauch eines Kindes vorgeworfen. Er soll im Mai 2009 zweimal Geschlechtsverkehr mit einer damals 13-Jährigen gehabt haben.

Bei der ersten Verhandlung vor einer Woche bestritt der Angeklagte die Vorwürfe. Er habe das Mädchen gemocht, aber außen Küssen auf die Wange sei es zu keinen Intimitäten gekommen. Der Mann mutmaßte, die 13-Jährige wollte es ihm mit der Anzeige heimzahlen, weil er die Beziehung zur ihr unmissverständlich abgebrochen habe.

Das Mädchen wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen. Freundinnen des mutmaßlichen Opfers hatten ausgesagt, es habe zwischen den Beiden mehr als nur harmlose Küsse gegeben, es sei innig geschmust und auch gestreichelt worden.

Gestern wurde zuerst ein Attest der Frauenärztin verlesen. Daraus ging hervor, dass es nahe liegen müsse, dass das Mädchen bereits Geschlechtsverkehr hatte, der Zeitpunkt sei jedoch nicht mehr zu bestimmen. Der jetzige Freund versicherte, dass sie noch nicht miteinander geschlafen hätten. Wenn er bei ihr übernachte, würden die Eltern verlangen, dass er ins Bügelzimmer gehe. Über die Vorwürfe gegen den Angeklagten spreche sie nur wenig.

Der Verteidiger, der einen Freispruch gefordert hatte, verwies auf die unterschiedlichen Aussagen der 13-Jährigen während der polizeilichen Vernehmung und in der Gerichtsverhandlung: „Was sollen wir da glauben?“. Außerdem erinnerte er an die Befragung einer Freundin, die im Zeugenstand gesagt habe, dass sich das mutmaßliche Opfer recht schnell mit Jungs einlasse. Und darüber hinaus könne man aus Küssen auf die Wange keine negativen Konsequenzen ziehen.

Der Staatsanwalt hingegen ging davon aus, dass es in der Wohnung des Angeklagten zum Geschlechtsverkehr gekommen war. Allerdings nicht mit Ausübung von Gewalt. Er sah in der Anschuldigung auch keinen Racheakt der 13-Jährigen. Die Zeugen hätten glaubhaft ausgesagt, dass die Beiden ein Paar gewesen seien. Im zweiten Fall ist es nach Einschätzung des Staatsanwaltes zu sexuellen Handlungen gekommen, aber nicht zum Geschlechtsverkehr. Deshalb sei dies als einfacher sexueller Missbrauch zu werten. Er forderte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten.

„Es steht Aussage gegen Aussage“, begründete Richter Ernst Wührl den Freispruch. „Das heißt aber nicht, dass wir dem Mädchen nicht glauben. Aber es ist schlichtweg unmöglich, den Fall zuverlässig aufzuklären.“ Zunächst habe die 13-Jährige gar nichts gesagt, dann nur geblockt. „Wir mussten ihr alles mühevoll aus der Nase ziehen.“ Eine ganze Reihe von Widersprüchen sei die Folge gewesen.

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