Gänsehaut unter Flutlicht
Oberliga: Die TSG Balingen spielt heute ab 19.30 Uhr beim SSV Reutlingen
Balingen, 10.09.2010 von Ralph Conzelmann
Ein Flutlichtspiel im 15 228 Zuschauer fassenden Kreuzeichestadion – davon konnte die TSG Balingen bisher allenfalls träumen. Doch mitten in diese einzigartige Atmosphäre taucht der Oberligist heute ein, wenn die Spieler aus dem Bauch der mehr als 5000 Besucher fassenden Tribüne auf den Platz laufen. Klar, dass viele beim Betreten des Rasens ein Gänsehautfeeling überkommen wird. Aber ebenso klar ist es, dass die Kreisstädter allein wegen der Sportstätte und der erwarteten 2000 Zuschauer nicht in Ehrfurcht erstarren, sondern auch heute um ihre Chance kämpfen.
Reutlingen gegen Balingen – das hätte vor wenigen Jahren einen Freundschaftsspiel-Knüller erster Güte abgegeben. Zur Verdeutlichung: 2003 kickte der SSV in der 2. Liga gegen Eintracht Frankfurt. Und die TSG? In der Verbandsliga gegen den TSV Schönaich.
Die Zeiten ändern sich. Doch an der Favoritenrolle besteht weiterhin kein Zweifel: In den zurückliegenden fünf Spielen gingen die Reutlinger nur einmal – beim Tabellenführer FC Nöttingen (0:1) – als Verlierer vom Platz. Zuletzt gab's zwei Siege in Folge (2:1 in Durlach, 1:0 gegen Neckarelz) und die Verbesserung auf Platz acht. Dass der SSV nun darauf drängt, die Vormachstellung in der Region zu untermauern, ist also legitim.
Die Kaderliste von Trainer Lothar Mattner, der erst in diesem Sommer von Normannia Gmünd unter die Achalm gewechselt war, ist lang und geizt nicht mit prominenten Namen. Der torgefährliche Mittelfeldspieler Andreas Rill (sechs Saisontreffer), Kapitän Manuel Waidmann, Kristian Tomasek oder Robert Michnia gelten als weit überdurchschnittliche Oberligaspieler – Rill ist schon in der 2. Liga für die Reutlinger aufgelaufen. Zudem wird der erst vorige Woche verpflichtete Wlasios Kotaidis (1899 Hoffenheim) als hoffnungsvolles Talent angepriesen.
Das Selbstverständnis des SSV zieht als mittelfristiges Vereinsziel zumindest die Rückkehr in die Regionalliga nach sich. Allerdings bleibt abzuwarten, wie der Klub das Insolvenzverfahren übersteht.
Für die TSG Balingen ist weniger der Derby-Charakter – eher die Tabellenkonstellation von Bedeutung. Ins Auge sticht, dass sechs Mannschaften nach sieben Spieltagen auf ihren zweiten oder gar ersten Sieg warten. Und nur acht Teams konnten drei oder mehr Spiele für sich entscheiden. „Diese Zahlen sprechen für die Ausgeglichenheit im Feld“, weiß der Balinger Trainer Karsten Maier. Und er ergänzt: „Zudem lässt sich daraus ableiten, dass es sehr wichtig ist, Siege einzufahren. Denn nur diese bringen einen wirklich weiter.“
Am Personal wird sich wenig ändern: Die zuletzt verletzten oder gesperrten Spieler fehlen weiterhin. Trotzdem fordert Maier: „Gegen Weinheim haben wir den ersten Schritt gemacht, nun soll der nächste folgen.“ Um diesen zu bewerkstelligen, sei eine kompakte, geschlossene Mannschaftsleistung vonnöten. „Wir wollen Reutlingen beschäftigen“, sagt Maier, der feststellt: „Natürlich haben wir derzeit zu wenig Punkte. Deshalb müssen wir auf uns schauen.“
Den SSV Reutlingen bezeichnet der TSG-Coach als ein Team, das sich „nach und nach findet“ und mit Rill und Waidmann über zwei Leitwölfe verfüge, die das „Rudel guter Einzelspieler exzellent führen können.“
SSV Reutlingen – ein Klub zwischen Aufstiegen und Abstürzen
Der Sport- und Schwimmverein (SSV) Reutlingen zählt 1600 Mitglieder in sieben Abteilungen. Neben den Fußballern galten die Tischtennisspieler (zweifacher Europapokalsieger) als Aushängeschild. Der Klub wurde 1905 als FC Arminia Reutlingen gegründet, 1910 in SV Reutlingen umbenannt und firmiert seit der Fusion des 1. Schwimmverein 1911 mit dem SV 1905 seit 1938 als SSV 05.
Lange Zeit gehörten die Reutlinger Kicker der Oberliga Süd an, die damals die höchste deutsche Spielklasse war. In der später zweitklassigen Regionalliga wurde der SSV 1965 Vizemeister – hinter dem FC Bayern München. In der anschließenden Aufstiegsrunde verpassten die Achalmstädter, die an Borussia Mönchengladbach gescheitert waren, als Zweiter den Sprung in die Bundesliga.
In den Jahren 1975 (für eine Saison) und 2000 (für drei Spielzeiten) stieg Reutlingen in die 2. Liga auf. Doch nach dem Lizenzentzug spielte der SSV bis 2006 in der Oberliga, kehrte dann in die Regionalliga zurück, musste aber nach dem im März 2010 gestellten Insolvenzantrag zwangsläufig wieder in die Oberliga absteigen. Seither ist der Verein um seine Konsolidierung bemüht.
