Utopien denken
04.09.2010 von Daniel Seeburger
„Ich male mir die Welt in meinen Träumen in den schönsten Farben aus und immer wieder kommt mir das Leben dazwischen“ – so hat mir eine gute Bekannte heute morgen geschrieben. Zuerst musste ich schmunzeln, dann dämmerte mir, wie viel Weisheit in diesem Satz steckt. Denn während unsere Tagträume, denen der Tübinger Philosoph Ernst Bloch in seinem „Prinzip Hoffnung“ sogar ein ganzes Kapitel gewidmet hat, voll von Wünschen, Sehnen und Hoffen sind, sieht die Realität ganz anders aus. Das Leben ist ein permanenter Kompromiss, während die Tagträume im Utopischen verankert sind. Dabei müssen Utopien keineswegs Wolkenkuckucksheime bleiben. Der Brite Thomas Morus beispielsweise hat 1516 in seinem Werk „Utopia“ eine für ihn ideale Staatsform entworfen. Der Monarchie setzte er die Republik mit einem gewählten Parlament und einem Präsidenten entgegen. Morus' einst belächelte Utopie ist mit der Zeit wenigsten in diesem Punkt konkret geworden. Das zeigt, dass man das Träumen nie aufgeben sollte. Dass Utopien konkret werden können. Dass das Leben, das mir immer wieder zwischen meine Tagträume kommt, letztlich von diesen Träumen gestaltet wird. „Denken“, schreibt Bloch, „heißt Überschreiten“. Denken und träumen aber findet beides im selben Teil des Körpers statt.
